„Komm wir zieh’n in den Frieden.“ Wenn wir wollen, dass künftige Politiker friedensfähige Menschen sind, müssen wir heute damit beginnen.

Horst Heller (CC BY-SA 4.0)
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„Der Klügere gibt nach.“ Mit diesem Spruch bin ich aufgewachsen. Wenn immer es eine Auseinandersetzung gab, wurde ich aufgefordert, „um des lieben Friedens willen“ nachzugeben. Ich sollte besser nicht für das kämpfen, was ich für mein Recht hielt, und wenn ich es doch tat, durfte ich dafür keine Unterstützung erwarten.

Heute kenne ich das Motiv dieser Empfehlung: Es war die Abneigung gegen jede Form von Konfrontation. „Keinen Streit!“, so hieß die Devise. In dem solchermaßen erzogenen jungen Menschen bildete sich dadurch aber kein friedlicher Charakter heraus, vielmehr wuchs so ein junger Mann heran, der erst spät ein gewisses Selbstbewusstsein erwarb und mühsam lernen musste, für seine Überzeugungen einzustehen, Meinungsverschiedenheiten zu ertragen und im Gespräch zu klären.

In meiner Tätigkeit als (Religions-) Pädagoge ist mir dann noch ein anderer Leitsatz begegnet, den Eltern ihren Kinder häufig auf den Weg gaben: „Lass dir nichts gefallen!“ Vor allem Väter rieten ihren Kindern, sich frühzeitig Respekt bei Gleichaltrigen zu verschaffen. „Wenn dich jemand fertig machen will, wehre dich!“

Beide Grundsätze, so gegensätzlich sie auf den ersten Blick auch scheinen, haben eine Gemeinsamkeit: Wer ihnen folgt, kommt weder zu konstruktiven noch zu nachhaltigen Konfliktlösungen. Das „Lass dir nichts gefallen“ setzt auf einen Kampf, den es zu gewinnen gilt, andernfalls droht eine Blamage. „Der Klügere gibt nach“ überlässt den Sieg freiwillig dem Gegner. Bestenfalls ist ein gewisses Gefühl der Überlegenheit, die sich nicht in die Niederungen einer Auseinandersetzung begibt, eine gewisse Genugtuung. Beide Strategien verharren in den Kategorien des Siegens und Verlierens und bahnen keine Kompetenzen des Friedens an.

Frieden kann und muss gelehrt werden. Kinder haben jeden Tag unzählige Konflikte zu lösen – mit den Erwachsenen, die mit ihnen zusammen leben, die sie erziehen oder bilden, und mit anderen Kindern. Zwischenmenschliche Konfrontationen und ein Krieg auf Bühne der Weltpolitik: Die Inhalte variieren, die eingesetzten Mittel auch, aber die Eskalationsstufen und die Auswege aus der Gewalt sind oft die gleichen.

„Der Klügere gibt nach!“ oder „Lass dir nichts gefallen!“ Eltern und Erzieher, die diese Maximen empfehlen, haben vielleicht nie Konfliktlösungsstrategien erlernt und keine Friedenskompetenzen erworben. Sie konnten nicht üben, Gespräche über unterschiedliche Standpunkte respektvoll und auf Augenhöhe zu führen und sich dabei als selbstwirksam zu erleben. Ihren Kindern haben sie stattdessen untaugliche Rezepte zur Überwindung von Konfrontation empfohlen. Wir erleben in diesen Tagen die Folgen.

Als sich Astrid Lindgren im Oktober 1978 in einer Rede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bedankte, sagte sie in ihrer Rede: „Auch künftige Staatsmänner und Politiker werden zu Charakteren geformt, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben.“ Vielleicht haben die, die vor einigen Wochen befahlen, ein anderes Land zu bombardieren, in ihrer Kindheit die elementarsten Friedenskompetenzen nicht erworben. Wenn wir aber wollen, dass zukünftige Politiker friedenfähige Menschen sind, müssen wir damit heute beginnen. Wenn Kinder lernen, Standpunkte zu entwickeln und zu diskutieren, Entscheidungen zu treffen und Kompromisse zu schließen, wird das ihnen selbst und dem Rest der Welt zugutekommen, wenn sie erwachsen sind und wenn Krieg und Frieden von ihnen abhängen.

Friedenserziehung ist aber auch Arbeit der Erwachsenen an sich selbst. Kinder und Jugendliche beobachten genau, welche Mittel Erwachsene anwenden, wenn sie in Konflikte geraten. Werden sie aggressiv, depressiv oder beleidigend? Bei Diskussionen dürfen Kinder nicht chancenlos angesichts der Überlegenheit Erwachsener zu sein. Lehrerinnen und Erzieher müssen ihre Arbeit so anlegen, dass Kinder und Jugendliche sich als selbstwirksam erleben, weil ihre Sicht bei den Erwachsenen etwas gilt zählt und weil sie durch Bemühen etwas erreichen können.

Ein Kind, das erfahren hat, dass es auch erwachsene Menschen gelegentlich überzeugen kann, wird in Auseinandersetzungen eher argumentativ und gewaltlos agieren. Wenn es aber mit seinem Anliegen nicht durchdringen kann, darf es sich weder blamiert noch als Verlierer fühlen. Ein junger Mensch, der das gelernt hat, wird auch als Erwachsener nicht vorschnell zur Waffe greifen, wenn es ihm befohlen wird. Er wird Anweisungen von Vorgesetzten kritisch gegenüberstehen, wenn sie ihn nicht überzeugen.

Ob ein fast siebzigjähriger Präsident noch lernt, was er als Kind offenbar nicht gelernt hat? Wir können es nur hoffen. Eine pädagogische Leitlinie der nächsten Wochen und Monate für die Schulen könnte indes der folgende Vierschritt sein:

  • Den Krieg in Europa zu beenden und zur Kooperation zurückzukehren, ist Aufgabe der beteiligten Politikerinnen und Politikern beider Seiten, denn eine Fortsetzung des Waffengangs häuft Leiden auf Leiden und vergrößert die Zahl der Verlierer. Gewinnen können nur die Rüstungsindustrie und ihre Aktionäre.
  • Künftige Konflikte zu vermeiden ist die Pflicht aller Staatslenker. Es ist eine politische Aufgabe, ein System der Sicherheit und des Ausgleichs zu schaffen.
  • Den Opfer des Krieges mit Empathie und Respekt und Hilfsbereitschaft zu begegnen, ist die Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Jede und jeder, Kleine und Große können dazu einen Beitrag leisten.
  • Den Frieden langfristig aufzubauen, ist eine pädagogische Arbeit, mit der wir am besten umgehend beginnen.

Was sind Friedenskompetenzen?
Friedenskompetenz kann die Ursachen von Krieg benennen und ihre ideologischen Verbrämungen durchschauen.
Zur Friedensfähigkeit gehört das Wissen, dass Konflikte fast immer einvernehmlich gelöst werden können, wenn die beteiligten Parteien den Willen und die Fähigkeit dazu haben.
Friedenspädagogik lehrt, den Streit aus der Perspektive des Gegenübers zu sehen und die Folgen des eigenen Handelns einzuschätzen und zu bedenken.
Friedensfähige Menschen können den eigenen Standpunkt argumentativ, transparent und dialogoffen vortragen. Wer erklären kann, was ihn antreibt, leistet einen Beitrag zur Verständigung.
Friedenskompetenz beschreibt in Konklikten mit einer wettbewerbsorientierten Partei bzw. in Konflikten zwischen wettbewerbsorienterten Parteien kooperative Lösungsvorschläge.
Friedenspädagogik überwindet im Verhältnis von Erwachsenen und Kindern/Jugendlichen auf Konkurrenz- und Machtmechanismen und verzichtet auf eine Attitüde der Überlegenheit.

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