„Von Politik verstehe ich nicht viel.“ Sophie Scholl zeigt, dass auch ein vermeintlich unpolitischer Mensch in der Lage ist, für das Recht einzutreten.

Horst Heller (CC BY-SA 4.0)
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Sophie Scholl, deren Geburtstag sich dieser Tage zum hundertsten Mal jährt, wurde am 18. Februar 1943 verhaftet und vier Tage später hingerichtet. Zahlreiche Dokumente zu den letzten Tagen ihres Lebens sind öffentlich zugänglich. Sie zeigen, wie viele Menschen in diesen wenigen Tagen glaubten, keine Alternative zu haben, als dem Unrecht zu dienen. Das führte dazu, dass das System reibungslos funktionierte. Dass so viele Räder ineinandergrrffen, kostete der aufrichtigen Studentin und ihren Freunden am Ende das Leben.

Die später unter dem Namen „Weiße Rose“ bekanntgewordene Widerstandsgruppe bestand zunächst aus Alexander Schmorell (1917–1943) und Hans Scholl (1918–1943), zwei Studenten an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Zu zweit verfassten sie im Sommer 1942 die ersten vier Flugblätter. Zu dieser Zeit gab es für sie keinen vernünftigen Zweifel mehr, dass der Krieg bereits verloren war. Sie appellierten an die Verantwortung ihrer Studienkollegen. Jeder, der sich dem System nicht widersetze, mache sich mitschuldig an dessen Taten. Sie beriefen sich auf klassische Philosophen, Dichter und Denker und zitierten ausführlich Aristoteles, Lao-Tse, Schiller und Goethe. Doch auch der christliche Glaube verpflichtete sie, Unrecht als solches zu benennen und zu bekämpfen.

Die ersten Flugblätter wurden zwischen dem 27. Juni und dem 12. Juli verfasst und hatten eine Auflage von jeweils hundert Exemplaren. In ihrem dritten Aufruf legten sie dar, was der Einzelne tun könne, um dem Bösen zu widerstehen:

Sabotage in Rüstungs- und kriegswichtigen Betrieben, Sabotage in allen Versammlungen, Kundgebungen, Festlichkeiten, Organisationen, die durch die nationalsozialistische Partei ins Leben gerufen werden. Verhinderung des reibungslosen Ablaufs der Kriegsmaschine (einer Maschine, die nur für einen Krieg arbeitet, der allein um die Rettung und Erhaltung der nationalsozialistischen Partei und ihrer Diktatur geht). Sabotage auf allen wissenschaftlichen und geistigen Gebieten, die für eine Fortführung des gegenwärtigen Krieges tätig sind – sei es in Universitäten, Hochschulen, Laboratorien, Forschungsanstalten, technischen Büros. Sabotage in allen Veranstaltungen kultureller Art, die das „Ansehen“ der Faschisten im Volke heben könnten.

Sophie Scholl war Ende Mai nach ihrem Arbeitsdienst nach München gekommen, um dort Philosophie und Biologie zu studieren. Sie hatte wahrscheinlich bald Kenntnis von den gefährlichen Aktionen ihres Bruders und seines Freundes. Wie weit sie bereits in die Verteilaktionen eingebunden war, ist nicht klar. Sicher ist, dass sie im Winter, als nach längerer Pause zwei weitere Flugblätter in weit größerer Auflage hergestellt wurden, ein unverzichtbarer Teil der Gruppe geworden war, der neben ihr nun auch Christoph Probst (1919–1943), Willi Graf (1918–1943) und der Münchener Professor für Psychologie und Philosophie Kurt Huber (1893–1943) angehörten.

Sophie zeigte in den letzten sechs Wochen ihres Lebens, dass auch ein vermeintlich unpolitischer Mensch in der Lage ist, für das Recht einzutreten.

Am 13. Januar hatte der bayerische Gauleiter Paul Giesler in einer Rede anlässlich des 470. Jubiläums der Universität die anwesenden Studentinnen beleidigt. Sie sollten, statt sich „herumzutreiben“, lieber „dem Führer ein Kind“ schenken. Der Festredner bot an, dass sich seine Adjutanten für entsprechende Dienste zur Verfügung halten würden. Im Auditorium entstand ein Tumult. Zahlreiche Anwesende protestierten gegen diese unglaubliche Beleidigung der Kommilitoninnen. Der offenbar betrunkene Gauleiter wurde aus dem Saal gedrängt. Zwar wurden später einige „Rädelsführer“ verhaftet, aber die Gruppe der Weißen Rose sah in den Protesten während des Festaktes den Anstoß für einen Aufstand der Anständigen.

Hinzu kamen reihenweise schlechte Nachrichten von der Front. Die Freunde waren in Sorge: Je länger Hitler und die NSDAP an der Macht verblieben, um so schwerer würde das Leid der Soldaten, ihrer Familien und der Zivilbevölkerung werden. Christoph Probst verfasste ein weiteres Flugblatt. Hans und Sophie Scholl besorgten Papier, Wachsmatrizen, Umschläge und Briefmarken. Sie kopierten aus dem Gästebuch des Deutschen Museums in München so viele Adressen wie möglich. In nächtlicher Fleißarbeit wurde das fünfte Flugblatt mit einer geschätzten Auflage von mindestens 8.000 Exemplaren hergestellt. Es forderte alle zum Widerstand auf und richtete den Blick erstmalig auf die Zeit nach dem Krieg.

Aber aus Liebe zu kommenden Generationen muß nach Beendigung des Krieges ein Exempel statuiert werden, daß niemand auch nur die geringste Lust je verspüren sollte, Ähnliches aufs neue zu versuchen. Vergeßt auch nicht die kleinen Schurken dieses Systems, merkt Euch die Namen, auf daß keiner entkomme! Es soll ihnen nicht gelingen, in letzter Minute noch nach diesen Scheußlichkeiten die Fahne zu wechseln und so zu tun, als ob nichts gewesen wäre!

Am 25. Januar fuhr sie mit dem Zug nach Augsburg, um dort einen Teil der Flugblätter in Briefkästen an belegten Plätzen zu werfen. Andere reisten aus gleichem Grund nach Stuttgart, Innsbruck, Wien, Linz und Salzburg. Durch die zeitgleich in verschiedenen süddeutschen und österreichischen Städten aufgegebenen Briefe wollte die Gruppe den Eindruck eines Netzwerks erwecken. Die Geheime Staatspolizei ließ sich dadurch leider nicht täuschen. In einem Rundschreiben der Leitstelle München vom 11. Februar 1943 wurde richtig vermutet, dass die Gruppe in München zu suchen sei. Dieses Schreiben ist mit gez. Schaefer, die Abschrift mit einem weiteren unlesbaren Schriftzug. Es bewirkte, dass die Fahndung nach den Autoren dieser Flugschrift nun gut organisiert anlief.

Sophie schrieb ihrem Verlobten einmal: „Von Politik verstehe ich nicht viel, aber ich bin durchaus in der Lage zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden.“

Am 31. Januar kapitulierte der südliche Kessel von Stalingrad unter Generaloberst Paulus. Zwei Tage später gaben sich auch die Truppen im Norden geschlagen. Derweil trugen in München die Verschwörer zur Nachtzeit weitere Flugblätter aus und legten sie in Telefonzellen und auf parkenden Autos.

Zusätzlich entschloss sich die Gruppe zu einem weiteren Flugblatt, das von Prof. Huber verfasst wurde und dessen Verteilung der Gruppe zum Verhängnis wurde. Es kommentierte auch die sexistischen Beleidigungen des Gauleiters vor wenigen Wochen.

Gauleiter greifen mit geilen Späßen den Studentinnen an die Ehre. Deutsche Studentinnen haben an der Münchner Hochschule auf die Besudelung ihrer Ehre eine würdige Antwort gegeben, deutsche Studenten haben sich für ihre Kameradinnen eingesetzt und standgehalten. Das ist ein Anfang zur Erkämpfung unserer freien Selbstbestimmung, ohne die geistige Werte nicht geschaffen werden können.

Auch dieses Flugblatt wurde mit der Post versandt. Zusätzlich trugen Hans und Sophie es am 18. Februar 1943 in die Universität und warfen es aus dem zweiten Stock in den Lichthof des Hauptgebäudes. Niemand hatte sie dabei beobachtet. Aber Jakob Schmid, einer der Hausmeister der Universität, sah die Blätter fallen und machte sich umgehend auf die Suche nach der Ursache. In seiner Vernehmung, die von einem Schmauß, KS und von ihm selbst unterzeichnet ist, gibt er genauestens Auskunft. Er lief einen anderen Treppenaufgang hinauf, weil er von dort bessere Sicht auf die vermeintliche Abwurfstelle hatte, und traf dort die beiden ihm nicht bekannten Studierenden an. Messerscharf schloss er, dass die Flugblätter nur von ihnen geworfen sein konnten, zumal Sophie einen roten Handkoffer bei sich führte, „wohin die abgeworfenen Flugblätter mengenmäßig genau hineinpassten.“ Die Angesprochen empörten sich zwar über die Anschuldigung, doch der gelernte Schlosser nahm sie fest (!) und führte sie zu Sekretär Scheidhammer, der wiederum den JustiziarRechtsrat Hefner verständigte. Dieser rief die Kriminalpolizei, die die Kleidung der Verdächtigen durchsuchte.

Die öffentlich zugänglichen Dokumente zeigen, wie selbstverständlich sich Menschen in den Dienst des Bösen stellten.

Von der Kriminalpolizei verständigt, trat der aus der Nordpfalz stammende Beamte Robert Mohr in Aktion, der eine Zeitlang in Frankenthal Dienst getan hatte. Er arbeitete nun für die Gestapo in München und war wenige Tage zuvor von Oberregierungsrat Schäfer zum Leiter einer Sonderkommission berufen worden, weil man „höheren Orts“ wegen der großen Zahl der Flugblätter in der „Hauptstadt der Bewegung“ beunruhigt war. Er verhörte Sophie noch am Tag ihrer Festnahme. Das war an jenem 18. Februar, an dessen Abend Propagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast unter großem Beifall des Publikums den „Totalen Krieg“ verkündete.

Die Befragung der Geschwister erbrachte zunächst keine Anhaltspunkte für ihre „Schuld“. Doch bei einer Durchsuchung des Zimmers von Hans Scholl am Abend wurden eine große Zahl Briefmarken und das handschriftliche Original des letzten Flugblatts gefunden. Auch in den Kellerräumen des Hauses wurden belastende Gegenstände entdeckt. Ein Protokoll mit Datum vom 21. Februar, von einem Kriminalsekretär Geith unterzeichnet, listet auf, was beschlagnahmt wurde. Ein Beweismittel überführte die Gruppe endgültig: die Schreibmaschine, auf der die Flugblätter geschrieben worden waren.

Als Sophie erfuhr, dass Leugnen nicht mehr möglich war, wechselte sie die Strategie. Von nun an gab sie alles zu und versuchte zugleich, ihre Mitwisser zu entlasten, in dem sie Dinge gestand, die andere getan hatten. Einige Selbstbezichtigungen musste sie in den weiteren Vernehmungen am 19. und 20. Februar korrigieren.

Nach dem Krieg verfasste Mohr ein Erinnerungsprotokoll dieser Tage und notierte dort, er sei von der Aufrichtigkeit „des Fräulein Scholl“ beeindruckt gewesen. Er habe versucht, ihr das Leben zu retten. Doch dieser Versuch (wenn er denn stattgefunden hat) musste scheitern. Sophie lehnte es ab, sich als leichtgläubiges und von ihrem Bruder angestiftetes unpolitisches Mädchen zu präsentieren. Über diese goldene Brücke konnte die aufrechte Studentin nicht gehen. So blieb Mohr ein zentrales Werkstück im Räderwerk des Bösen, dem er Treue geschworen hatte. Die Worte seiner späteren Reflektion stehen stellvertretend für die Selbstwahrnehmung vieler Akteure der Diktatur und dienen nicht zuletzt der Selbstrechtfertigung.

Bei allem Pflichtbewußtsein der beteiligten Beamten … ist es bei dieser Sachlage nur verständlich, daß die unglücklichen Opfer dieser Tragödie die ungeteilte Sympathie und Hochachtung, wenn nicht Wertschätzung, aller Beteiligten genossen. Demgemäß war auch die Behandlung denkbar gut und nachsichtig. Jeder von uns hätte gerade hier … sehr gerne geholfen, wenn dies möglich gewesen wäre – statt sich, wie geschehen, auf kleine Aufmerksamkeiten zu beschränken. Mein Kollege sagte mir in jenen Tagen dem Sinne nach folgendes: „Bei Hans Scholl bin ich einer Intelligenz begegnet, wie sie mir in dieser prägnanten Form bis dahin fast fremd war. Ich bedauere, daß ich nach der Sachlage nichts für ihn tun kann.“ … Daran knüpfte er schließlich noch die Bemerkung, es sei furchtbar, daß solche Menschen sterben müßten.

Der Schluss der Vernehmungen am 20. Februar wird wie folgt protokolliert:

Frage: Sind Sie nach diesen Aussprachen nun nicht doch zu der Auffassung gekommen, dass man Ihrer Handlungsweise und das Vorgehen gemeinsam mit Ihrem Bruder und anderen Personen gerade in der jetzigen Phase des Krieges als ein Verbrechen gegenüber der Gemeinschaft, insbesondere aber unserer im Osten schwer und hart kämpfenden Truppen anzusehen ist, das die schärfste Verurteilung finden muss.

Antwort: Von meinem Standpunkt muss ich diese Frage verneinen. Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.

Sophie Scholl musste sterben, weil zu viele Menschen glaubten, die Pflicht gebiete ihnen, das Böse zu tun.

Am 21. Februar erging der Haftbefehl, ausgefertigt von Amtsrichter Dr. Zeller und dem Urkundsbeamten Nestler. Noch am gleichen Tag war die zehnseitige Anklageschrift des Oberreichsanwalts Weyersberg fertiggestellt. Bereits am nächsten Morgen um 10 Uhr begann die „Verhandlung“ vor dem Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Dr. Roland Freisler. Knapp drei Stunden später, um 12:45 Uhr war das Urteil gefällt und ein Gnadengesuch der Eltern abgelehnt. Dem Vorsitzenden assistierten Landgerichtsdirektor Stier, SS-Gruppenführer Breithaupt, SA-Gruppenführer Bunge, Staatssekretär und SA-Gruppenführer Köglmeier.

In Windeseile wurde der Schriftsatz verfasst und die Hinrichtung vorbereitet. Schon vier Stunden später war alles vorbereitet. Die Delinquenten werden aus ihren Zellen hereingeführt. Das Protokoll der Hinrichtung ist von Reichsanwalt Weyersberg und dem Urkundsbeamten der Staatsanwaltschaft München Max Huber unterzeichnet. Zusätzlich anwesend waren Gefängnisvorstand Dr. Koch, Gefängnisarzt Dr. Gruber und der Scharfrichter Reichhard mit seinem Gehilfen sowie weiteres Personal. Niemand griff dem Rad in die Speichen. Kurz nach 17 Uhr beendete ein Fallbeil das Leben der mutigen Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst.

Die Weiße Rose forderte passiven Widerstand. In den Tagen zwischen dem 18. und dem 22. Februar 1943 blieb er aus.

Hätte Sophies Leben und das ihrer Freunde gerettet werden können? Als das Verfahren erst einmal bei der Gestapo und beim Volksgerichtshof war, gab es kein Entrinnen mehr. Das System ließ seine Gegner nicht entkommen, sondern vernichtete sie mit grausamer Konsequenz. Auch Robert Mohr gehörte diesem System an. Wer bei der Gestapo arbeitete und mit der Leitung der Sonderkommission beauftragt war, hatte sich in den Dienst des Bösen gestellt.

Musste aber der Hausmeister die Geschwister verhaften? Warum verhielt er sich wie ein Spürhund? War es unumgänglich, dass der Sekretär der Universität dienstbeflissen den Justiziar informierte? Wäre es möglich gewesen, eine Durchschrift der zahlreichen Dokumente nicht anzufertigen, nicht zu siegeln oder nicht zu versenden? Der Gefängnisarzt schützte am Nachmittag des 22. Februar keinen Notfall vor. Der Gefängnisdirektor nannte keine dienstlichen Termine, die die Hinrichtung aufgeschoben hätten. Niemand hatte um 17 Uhr schon Feierabend. Nachgeborenen steht diesbezüglich kein Urteil zu. Aber der passive Widerstand, zu dem die Weiße Rose in ihren Flugblättern aufgefordert hatte, blieb in den Tagen zwischen dem 18. und dem 22. Februar tragischerweise aus.

Die Diktatur kleidete sich mit dem Mantel des Rechts. Doch ein Dokument macht das Unrecht offenbar.

Was Sophie und ihren Freunden das Leben kostete, sollte gerichtsfest sein. Vernehmungsprotokolle, Anklageschriften und die schriftliche Urteilsbegründung wahrten den Schein. Doch eines der Dokumente, die das Bundesarchiv online verfügbar gemacht hat, offenbart die Täuschung. Es ist Sophies Exmatrikulation. Dort ist zu lesen:

Die Studentin Sophie Magdalene Scholl wird wegen staatsfeindlicher Betätigung mit dem dauernden Ausschluss vom Studium an allen deutschen Hochschulen bestraft.

Unterschrieben ist die gesiegelte Urkunde vom Rektor der Ludwig-Maximilian-Universität, dem ebenfalls in Pfalz geborenen Indogermanist und Indologen Walther Wüst. Er war Mitglied von NSDAP und SS und lehrte in den 1950 Jahren noch für kurze Zeit an der Universität Saarbrücken. Das Dokument trägt das Datum des 21. Februar 1943, ist also ausgestellt worden, bevor Sophie Scholl verurteilt war. Die Universität konnte mit diesem existenzvernichtenden Urteil nicht abwarten, bis ein Gericht „Recht“ gesprochen hatte.

Denkmal für die „Weiße Rose“ vor der Ludwig Maximilians Universität München

Und heute? Auf der Webseite der Ludwig-Maximilians-Universität München ist ein Faksimile der Karteikarte zu finden, auf der ebendieser Beschluss handschriftlich eingetragen ist. In einem Kommentar wird betont, dass die Universität das Andenken der beiden mutigen Studenten in Ehren hält. Sie verweist auf einen Gedenkort, eine Dauerausstellung und eine jährliche Gedenkfeier zu ihren Ehren. Dass die Exmatrikulation aber von der Universität selbst ausgesprochen worden ist, ist dort nicht zu lesen. Die Universität Innsbruck, die Christoph Probst am 22. Februar ebenfalls zwangsexmatrikuliert hatte, beurteilte dies im Jahr 2018 rückblickend als rechtswidrigen Akt und hob die Entscheidung formell auf. Ein Symbol zwar nur, das aber doch zeigte, dass sich die Hochschule ihrer Vergangenheit stellte und den Medizinstudenten öffentlich rehabilitierte. Auf der Webseite der Ludwig-Maximilians-Universität findet sich Vergleichbares nicht.

Von Sophies Verlobten, dem Hauptmann Fritz Hartnagel, hat das Bundesarchiv einen handgeschriebenen Brief vom 17. Januar 1943 veröffentlicht. Er erzählt, dass er in Stalingrad Erfrierungen an beiden Händen erlitten habe, aber vom Lazarett abgewiesen worden sei, weil dort nur Schwerverwundete behandelt würden. Als er von dem Todesurteil erfährt, sendet er ein Telegramm an den Volksgerichtshof. Darin bittet er für seine Braut und ihren Bruder um einige Tage Aufschub, bis sein Gnadengesuch eingetroffen sei. Die Tragik dieses Dokuments zeigt sich beim Blick auf das Datum. Das Fernschreiben wurde am 27. Februar 1943 aufgegeben. Sophie und ihr Bruder waren da bereits fünf Tage tot.

„Hans and Sophie Scholl graves, Perlach Cemetery in Munich“ by Dage – Looking For Europe is licensed under CC BY 2.0 via Flickr

Links
Bundesarchiv: Virtuelle Ausstellung: Sophie und Hans Scholl zum Tode verurteilt.
https://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/Sophie-Und-Hans-Scholl-Zum-Tode-Verurteilt-Am-22-02-1943/sophie-und-hans-scholl-zum-tode-verurteilt-am-22-02-1943.html
Vorbild trotz Schwächen und Fehlern. Robert M. Zoske im Gespräch mit Shelly Kupferberg. Deutschlandfunk Kultur https://www.deutschlandfunkkultur.de/historiker-ueber-sophie-scholl-vorbild-trotz-schwaechen-und.1270.de.html?dram:article_id=488307
Kirsten Schulz: Sophie Scholl und die Weiße Rose mit einer Zeitleiste, dem Wortlaut der Flugblätter und vielem mehr. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/weisse-rose/
Peter Koblank: „Sie erkannte sofort, worauf ich hinauswollte“. Bericht von Robert Mohr Kriminalobersekretär bei der Gestapo (undatiert), http://www.mythoselser.de/texts/scholl-mohr.htm
Susanne Lettenbauer, Geschwister Scholl. Erinnerung an die Weiße Rose – eine Spurensuche in München. Deutschlandfunk Kultur. https://www.deutschlandfunkkultur.de/geschwister-scholl-erinnerung-an-die-weisse-rose-eine.1001.de.html?dram:article_id=429074
Ludwig-Maximilian-Universität München 1942/43: Die Widerstandsaktionen der Weißen Rose
https://www.lmu.de/de/die-lmu/die-lmu-auf-einen-blick/geschichte/zusammenhaenge/1942-43-widerstandsaktionen-der-weissen-rose/index.html
Sebastian Böckmann, Die Spur führt nach Landau. Die Rheinpfalz:
https://www.rheinpfalz.de/lokal/rhein-pfalz-kreis_artikel,-spur-fuehrt-nach-landau-_arid,1344096.html
Gedenkstunde: Uni Innsbruck rehabilitiert Christoph Probst und arbeitet NS-Geschichte aufhttps://www.youtube.com/watch?v=jtm-GiC6xZE

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