Damenbart, Augenbrauen und Feminismus – Frida Kahlo, ihre Kunst und ihr Ja zu sich selbst (2/4)

Frida Kahlo, Selbstbildnis mit Dornenhalsband und Kolibri (1940)

Frida Kahlo und das Lernen am gelebten Leben – Biografische und pädagogische Notizen zu der mexikanischen Künstlerin und zu einigen ihrer Werke (PDF)

Dieses Bild malte Frida Kahlo im Jahr 1940. Sie hatte sich gerade von ihrem Ehemann getrennt, nachdem er sie um die Scheidung gebeten hatte. Auffällig auf diesem Selbstbildnis sind die traurigen Augen und der leere Blick der gemalten Frida, gepaart mit einer stoischen Haltung. Um den Hals trägt sie eine Kette aus Dornen, die ihr zahlreiche blutende Wunden zufügt. Daran hängt ein toter Kolibri, dessen ausgebreitete Flügel an den gekreuzigten Christus erinnern. Die Tiere – links ein Affe, der selbstvergessen mit ihrer Dornenkette spielt, rechts eine lauernde schwarze Katze, die Unglück bringen könnte – lindern das Leiden nicht. Schmetterlinge auf ihrem Haarschmuck und Insekten vor der üppigen mexikanischen Vegetation rahmen das Bild. Das Leben geht weiter, doch die Protagonistin ist allein. Sie selbst trägt ein blütenreines weißes Kleid. Ist es ein Totenhemd oder ein Zeichen für die Hoffnung auf einen Neuanfang?

Wie auf fast allen ihren Bildern malte sie sich selbst mit dem typischen unibrow, den zusammengewachsenen Augenbrauen und einem zarten Damen-Oberlippenbart. Vor allem ihre Augenbrauen wurden zu ihrem Kontinuum und Erkennungszeichen. Sie unterstrich damit ihr individuelles Äußeres, das – in ihrer eigenen Wahrnehmung – nicht perfekt war und jedenfalls nicht dem Schönheitsideal ihrer und unserer Zeit entsprach. Es ist auffällig, dass sie diese Gesichtszüge sogar hervorhob. Auf ihren Gemälden sind sie deutlicher sichtbar als auf Fotografien der Künstlerin. Ein Tagebucheintrag erklärt warum: „Früher dachte ich, ich sei die seltsamste Person der Welt. Dann aber merkte ich: Es gibt so viele Menschen in der Welt. Es muss doch jemanden geben, der sich genauso unvollkommen fühlt wie ich. Ich stelle mir vor, dass sie da draußen lebt und das liest. Und dass sie denkt: Ja, es ist ja wahr. Ich bin genauso ungewöhnlich wie du.“

Bild: Mattel

Im Jahr 2018 schuf der Spielzeugherstellung Mattel eine Barbie-Puppe, die aussehen sollte wie Frida. Damit reagierte er auf den gesellschaftlichen Wunsch nach größerer Diversität und nach Inspiring Women. Zum Weltfrauentag wurden Frida Kahlo (in traditioneller Kleidung) und 17 andere Frauen, darunter die Pilotin und Frauenrechtlerin Amelia Earhart, die afroamerikanische Mathematikerin Katherina Johnson, die britische Boxerin Nicola Adams als Spielzeugpuppen vorgestellt. Die neue Vielfalt zeigte sich in unterschiedlichen Körpergrößen, in der Kleidung der Frauen und in einer gewissen Pluralität der Körperproportionen. Doch ein Blick auf Körpermaße, Gesicht und Frisuren der neuen Produkte machten klar: Sie orientierten sich weiterhin an der Tradition von Barbie und Ken. Mit langen Beinen, einer schlanken Silhouette, dem „fehlerlosen“ Gesicht und der perfekten Frisur entsprachen sie vollkommen dem Vorbild einer American Beauty.

Da überrascht es nicht, dass auch Frida „angepasst“ werden musste. Abgesehen davon, dass die dünnen Arme und der lange Hals, Nasen und Gesichtsform kaum an Frida erinnerten, fehlten die ungewöhnliche Form der Augenbrauen und der zarte Oberlippenbart.

Sie selbst hatte nie daran gedacht, sich auf ihren Selbstbildnissen ein künstlerisches Lifting zu geben. Viele Jahre lang hatte sie ihre Rolle und ihre Identität gesucht. Deshalb trug sie in ihrer Jugend phasenweise Männerkleidung, kleidete und frisierte sich als Erwachsene nach indigener Tradition oder trug die Haare vorübergehend kurz, im Mexiko der 40er Jahre eine ungewöhnliche Entscheidung. Mit ihren Bildern erkämpfte sie ein Ja zu sich selbst und blendete ihre eigene Gebrochenheit und körperliche Einschränkung nicht aus. Ihre Gemälde waren keine inszenierenden Selfies, sondern Bilder ihres Inneren, Ergebnisse einer vielleicht schmerzhaften Selbsterkundung und -bejahung, eben Kunst. Sie strich nicht heraus, was sie schön, sondern was sie einzigartig machte.

Nicht alle neuen Barbies gingen in die Serienproduktion. Dennoch der US-amerikanische Gigant hatte gezeigt, dass er nichts verstanden hat. Gefährdet die kommerzielle Vermarktung der Stilikone Frida ihr Vermächtnis? Die Nachfahren von Frida Kahlo konnten in Mexiko einen ersten Sieg erringen. Dort darf die Frida-Barbie zunächst nicht verkauft werden. Anderswo und online ist sie allerdings weiterhin erhältlich.

Literatur und Links:
Vanna Vinci: Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe, Prestel-Verlag 2017
María Hesse: Frida Kahlo, eine Biographie, Insel-Verlag 2018
Magdalena Holzhey: Frida Kahlo, die Malerin im Blauen Haus. Prestel-Verlag 2003
Jane Kent, Nick Ackland, Isabel Munoz: Frida Kahlo, National Geographic, 2020
Monica Brown, John Parra: Frida Kahlo und ihre Tiere, Nord-Süd-Verlag, 2017
Ingrid Pfeifer (Hg), Fanstasische Frauen, Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo. Schirn Kunsthalle Frankfurt, Hirmer-Verlag, 2020
Giorgia Simmonds, Why Frida Kahlos Unibrow is important: https://www.net-a-porter.com/de-de/porter/article-633ccbb7977517f1/lifestyle/culture/warum-frida-kahlos-augenbrauen-so-wichtig-sind
Tatiana Rodríguez, Andrea Sosa und Denis Düttmann, Feministische Ikone ohne Damenbart, https://www.neues-deutschland.de/artikel/1086219.frida-kahlo-feministische-ikone-ohne-damenbart.html

Frida Kahlo auf www.horstheller.de
12.07.2020: Der verletzte Hirsch und „Viva la Vida“ – Frida Kahlo, ihre Kunst und ihr Ja zum Leben (1/4)
14.07.2020: Damenbart, Augenbrauen und FeminismusFrida Kahlo, ihre Kunst und ihr Ja zu sich selbst (2/4)
16.07.2020
: Rauch, Ruinen und RiveraFrida Kahlo, ihre Kunst und ihr Ja zum heutigen Tag (3/4)
17.07.2020:
Biografisches LernenFrida Kahlo und ihr Ja zur Unvollkommenheit (4/4)