Goethes Eiche in Buchenwald. Wie in Weimar Erhabenes und Abgründiges zusammen eine Geschichte erzählen

Am Nordende des Konzentrationslagers Buchenwald, das auf dem Ettersberg über den Dächern der Stadt der Dichter und Denker errichtet wurde, stand bis 1944 eine Jahrhunderte alte monumentale Eiche mit ausladenden Ästen. Generationen von Menschen hatte sie kommen und gehen gesehen, so wohl auch den Schöpfer des Werther und des Faust. Ab dem Sommer 1776 empfing Anna Amalia, die Mutter des jungen Weimarer Herzogs, auf dem nahen Landschloss Ettersberg gerne erlesene Gäste. Der junge Goethe, der zu dieser Zeit neu in die Stadt gekommen war, wird mit der Herzogin sowie mit Herder, Fichte und Wieland manches Mal durch den dichten Buchenwald spaziert sein und unter dieser Eiche verweilt haben.

Als die Nationalsozialisten im Jahr 1937 das Lager für Zwangsarbeiter konzipierten, beauftragten sie die späteren Häftlinge zunächst mit der Rodung des Buchenwaldes. Die „dicke Eiche“ sollte aus Verehrung für den größten Sohn der Stadt stehen bleiben. Vielleicht waren genau hier bedeutende Werke deutscher Literatur ersonnen worden? Ihr Vorhaben stand für sie nicht im Widerspruch zu den Werten der Weimarer Klassik – im Gegenteil: Sie hielten sich für deren legitime Nachfolger! Das Konzentrationslager wurde um ein Symbol deutscher Kraft und Größe herum gebaut und diente dem Zweck, beides zu vermehren und vermeintlich Unwertes zu vernichten.

Die freistehende Eiche hatte also eine Bedeutung für die Täter. Welche Bedeutung hatte der Baum aber für die Geschundenen und Gequälten? Verbanden sie mit ihm die Hoffnung, dass das Land Goethes nicht dauerhaft in Unmenschlichkeit und Dunkelheit versinken und ihnen Freiheit und Zukunft zurückgegeben werden könne? Sie nannten den Baum in Erinnerung an den Dichter „Goethe-Eiche“. Und doch: Die starken Äste des Baumes, unter dessen Blättern vielleicht einst ästhetische Diskurse stattgefunden hatten und Sonette vorgetragen worden waren, dienten nun als Galgen. Jedem das Seine.

Schmiedeeisernes Eingangstor, dessen berühmte Inschrift nur von innen zu lesen ist

Das Foto eines Häftlings, im Juni 1944 heimlich aufgenommen, zeigt, dass die Eiche in diesem Frühsommer keinerlei Blätter mehr trug. Vielleicht protestierte sie dagegen, dass sich die Herren dieses Lagers auf Werte der Aufklärung und des Idealismus beriefen. Vielleicht zerbrach sie an dem zynischen Missbrauch ihrer zu einer anderen Zeit so edlen Geschichte. In jedem Fall war die kahle Eiche ein Symbol dafür, dass auch der Einfluss eines Regimes des Schreckens begrenzt war.

Ein Luftangriff am 24. August 1944 markierte das endgültige Ende der Goethe-Eiche. Amerikanische Flugzeuge vernichteten in weniger als einer halben Stunde die Rüstungsfabriken, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Lagers befanden, und in denen die Häftlinge arbeiteten mussten. Zahlreiche Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und auch viele SS-Angehörige kamen ums Leben. Doch das Lager selbst blieb weitgehend verschont. Lediglich ein großes Gebäude am Nordende des Lagers wurde getroffen und geriet in Brand. Von dort griff das Feuer auf die Goethe-Eiche über. Die Lagefeuerwehr der Gefangenen versuchte, das Gebäude zu löschen. Niemand rührte jedoch einen Finger, um die Eiche zu retten. Sie brannte die ganze Nacht. Mit ihr brannten die Bilder der Erinnerung an die an ihren Ästen gehängten Gefangenen. Gehängt durch die grausame Willkür der Peiniger, die sich vielleicht abends nach getaner Arbeit ein Goethe-Bändchen aus dem Bücherschrank zogen.

Ein namenloser Häftling (er trug die Nummer 4935) erinnert sich im November 1945 an die Löscharbeiten: Wenn ich die Augen schließe, sehe ich dieses Bild noch heute: In der Ferne das Dach des Waschhauses in Flammen, die Gestalten der Lagerfeuerwehr auf den Leitern, die schlechten Feuerspritzen aus dem Lager an der Arbeit. Näher bei mir das hilflose Gerippe der Eiche mit brennendem Wipfel. Ich höre das Knistern des Feuers, sehe die herumfliegenden Funken; die ausgebrannten Zweige der Eiche fallen herab sowie zusammengerollte Fetzen Dachpappe. Ich rieche den Rauch. Die Gefangenen bilden eine lange Kette und reichen sich die Wassereimer vom Reservoir bis hin zur Brandstätte. Sie retten das Waschhaus und löschen nicht die Eiche. In ihren Mienen ist eine heimliche Freude, ein schweigender Triumph…“ (Quelle)

Der Baum, der den SS-Schergen so viel bedeutet hatte, war nicht mehr zu retten. Wenig später wurde den Häftlingen erlaubt, ihn zu fällen. Der Marterpfahl der Lagers verschwand – und damit auch die gewaltsame Inanspruchnahme des Ansehens Goethes für faschistische Grausamkeiten, an der sich viel zu wenige Zeitgenossen störten. Eine Gedenktafel erinnert heute daran, wie wenig sich Kunst dagegen wehren kann, von Gewaltherrschern für ihre Ziele missbraucht zu werden.

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