Der verletzte Hirsch und „Viva la Vida“ – Frida Kahlo, ihre Kunst und ihr Ja zum Leben (1/4)

Frida Kahlo, La Venadita – der kleine Hirsch, 1946

Frida Kahlo und das Lernen am gelebten Leben – Biografische und pädagogische Notizen zu der mexikanischen Künstlerin und zu einigen ihrer Werke (PDF)

Frida Kahlos berühmtes Gemälde zeigt einen Hirsch, von vielen Pfeilen getroffen, inmitten einer Waldlichtung unweit vom Wasser. Aus den Wunden, die die Pfeile im Körper des Tieres geschlagen haben, rinnt das Blut. Trotz der schweren Verletzung, die dem Tier zugefügt worden sind, springt es noch leichtfüßig durch den Wald. Nur im Moment des Betrachtens scheint die Bewegung einen Moment lang innezuhalten und zu verharren. Der Kopf des Tieres ist eines der vielen Selbstbildnisse der Künstlerin. Frida selbst sieht den Betrachter unverwandt an.

Der verletzte Hirsch ist ein Bild für die leidende Künstlerin. Frida Kahlo wurde 1907 in Mexiko-Stadt geboren. Ihr Vater, den sie ihr Leben lang verehrte, war ein Fotograf mit deutschen Wurzeln. Im Alter von sechs Jahren erkrankte sie an Polio. Neun Monate durfte sie das Bett nicht verlassen, damit sie niemanden ansteckte. Als sie genesen war, war ihr rechtes Bein kürzer als das linke. Spott und Hänseleien ihrer Mitschüler lernte sie zu ertragen. Ihr Vater, der selbst an Epilepsie litt, fühlte mit ihr und ermutigte sie, Sport zu treiben. Mit Fridas Mutter hatte er vier Töchter und keine Söhne. Vielleicht war das der Grund, dass er keine Einwände hatte, dass sie Fußball spielte und zum Boxtraining ging. Dennoch war sie ein Leben lang nur eingeschränkt beweglich. Ihr Vater ermöglichte ihr eine gute Ausbildung. Als eines der ersten Mädchen konnte sie eine Schule besuchen, die auf ein Studium der Medizin vorbereitete. Sie wollte Ärztin werden.

Doch ein schwerer Busunfall im Alter von 18 Jahren durchkreuzte ihre Pläne. Ein Bus stieß mit einer Straßenbahn zusammen. Ihr Freund, der sie begleitete, hatte großes Glück, doch Frida wurde sehr schwer verletzt. Eine Haltestange bohrte sich in ihren Körper. Wirbelsäule, Becken, Beine, Schulter und innere Organe trugen schwere Schäden davon. Sie überlebte, musste aber viele Monate im Krankenhaus verbringen. An den Folgen dieser schweren Verletzung und an den chronischen Schmerzen litt sie ein Leben lang.

1946, sie hatte inzwischen über dreißig Operationen hinter sich, unterzog sie sich in New York einem weiteren Eingriff an der Wirbelsäule. Er sollte endlich Linderung bringen. Doch er misslang. Bis zu ihrem Lebensende nahm sie starke Schmerzmittel nehmen, die sie süchtig machten.

Zu den körperlichen Leiden und ihrer Invalidität kamen ihre beiden glücklich-unglücklichen Ehen mit dem über 20 Jahre älteren Maler Diego Rivera, den sie 1929 heiratete, von dem sie zehn Jahre später geschieden wurde, um ihn im Jahr darauf erneut zu heiraten. Ihr Ehemann, den sie sehr liebte, sei ihr zweiter Unfall des Lebens gewesen, schrieb sie einmal. Er verletzte sie durch seine andauernde Untreue. Selbst mit ihrer eigenen Schwester Cristina, die ihrerseits verheiratet war, betrog er sie. Doch auch Frida selbst hatte zahlreiche Affären mit Männern und Frauen, in der Glück und Unglück nahe beieinanderlagen. Mit ihrem Mann zusammen kämpfte sie für die Revolution, für Freiheit und linke Ideen und setzte sich für Frauenrechte ein.

Beruflich war sie zunehmend erfolgreich, aber bedingt durch ihre körperliche Beeinträchtigung konnte sie weniger malen, als sie wollte. Sie war dem Leben zugewandt, sah aber dem Leiden und dem Tod täglich ins Auge. In ihrem Leben sammelten sich Glück, Anerkennung und Freundschaften, aber auch Angst, Trauer, Verletzungen und Tränen, und das alles im Übermaß.

Unbekannter Künstler, Die Marter des heiligen Sebastian, 1493/94

In dieser Situation malte sie den verletzten Hirschen, der ihr eigenes Angesicht trägt. Mit diesem Bild knüpfte sie an Darstellungen des Heiligen Sebastian an, der als Märtyrer in Italien, Spanien und Mexiko sehr verehrt wird. Der Legende nach waren die Pfeile, die ihn trafen, nicht tödlich, doch wurde er unter Kaiser Diokletian wegen seines freimütigen Bekenntnisses zum christlichen Glauben hingerichtet. Seit dem frühen Mittelalter wird er als Heiliger dargestellt, in dessen Körper Pfeile stecken, weshalb er als Schutzheiliger der Bogen- und Armbrust-Schützen, der Schützengilden, der Soldaten und Kriegsinvaliden gilt. Weil in der mittelalterlichen Vorstellung auch Seuchen durch unsichtbare Pfeile übertragen werden, wurde und wird er auch als Helfer gegen die Pest verehrt.

Frida Kahlo nimmt dieses Motiv auf und zeigt sich selbst als eine von zahlreichen Pfeilen verwundete Frau, die Schmerzen leidet und blutet. Über dem Meer gehen Blitze nieder. Vor dem Tier liegt ein abgeschnittener Ast. In Mexiko wird er auf das Grab verstorbener Angehöriger gelegt. Neun Pfeile haben sie getroffen. Doch ebenso viele starke und tief verwurzelte Bäume stehen links von ihr und bieten Zuflucht. Und das Geweih, dass der stolze Hirsch trägt, hat ebenfalls neun Enden. Der Hirsch gibt nicht auf. Das Selbstbildnis der Künstlerin zeigt neben Trauer und Ernst auch Würde und Stolz. So als wolle sie sagen: Ich kenne das Leiden, doch ich trage es mit Haltung. Ich suche das volle Leben, und ich weiß, dass es auch Schmerzen bereithält. Ich werde aber nicht zulassen, dass mich Einschränkungen an der Verwirklichung meiner Träume hindern.

Literatur und Links:
Vanna Vinci: Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe, Prestel-Verlag 2017
María Hesse: Frida Kahlo, eine Biographie, Insel-Verlag 2018
Magdalena Holzhey: Frida Kahlo, die Malerin im Blauen Haus. Prestel-Verlag 2003
Jane Kent, Nick Ackland, Isabel Munoz: Frida Kahlo, National Geographic, 2020
Monica Brown, John Parra: Frida Kahlo und ihre Tiere, Nord-Süd-Verlag, 2017
Ingrid Pfeifer (Hg), Fanstasische Frauen, Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo. Schirn Kunsthalle Frankfurt, Hirmer-Verlag, 2020
Giorgia Simmonds, Why Frida Kahlos Unibrow is important: https://www.net-a-porter.com/de-de/porter/article-633ccbb7977517f1/lifestyle/culture/warum-frida-kahlos-augenbrauen-so-wichtig-sind
Tatiana Rodríguez, Andrea Sosa und Denis Düttmann, Feministische Ikone ohne Damenbart, https://www.neues-deutschland.de/artikel/1086219.frida-kahlo-feministische-ikone-ohne-damenbart.html

Frida Kahlo auf www.horstheller.de
12.07.2020
: Der verletzte Hirsch und „Viva la Vida“ – Frida Kahlo, ihre Kunst und ihr Ja zum Leben (1/4)
14.07.2020
: Damenbart, Augenbrauen und FeminismusFrida Kahlo, ihre Kunst und ihr Ja zu sich selbst (2/4)
16.07.2020
: Rauch, Ruinen und RiveraFrida Kahlo, ihre Kunst und ihr Ja zum heutigen Tag (3/4)
17.07.2020
: Biografisches LernenFrida Kahlo und ihr Ja zur Unvollkommenheit (4/4)