Wie in weniger als hundert Jahren aus Humanität Barbarei werden kann

In Ottweiler (Kreis Neunkirchen) wurde vor genau 81 Jahren die Synagoge zerstört. Dabei war ihre Erbauung nur möglich gewesen, weil Juden und Christen einander uneigennützig unterstützt hatten.

Die Allgemeine Zeitung des Judentums, eine in Leipzig herausgegebene Wochenzeitung, die in ganz Deutschland gelesen wurde, schrieb am 8. August 1840, wenige Wochen vor ihrer Einweihung der neuen Synagoge: „Hier konnte man auch die Humanität unserer Behörde und christlichen Einwohner wahrnehmen, sie wetteiferten mit den Israeliten in unentgeltlicher Herbeiführung von Holz und Stein und sonstigem Baumaterial zur Synagoge. Es war aber auch nicht anders zu erwarten; denn als hier vor sechs Jahren eine katholische Kirche erbaut wurde, da bestrebten sich ebenso die Israeliten, es den Christen in unentgeltlicher Herbeischaffung der verschiedenen Baumaterialien zuvorzutun außer den freiwilligen Geldbeiträgen. Überhaupt findet man hier ein sehr schönes patriarchalisches Leben bei den Israeliten … Von Gehässigkeit zwischen Christen und Juden ist hier keine Spur zu finden, im Gegenteil, man nimmt den lebhaftesten Anteil gegenseitig bei Freuden und Leiden, die christlichen Leichen werden ebenso von den Israeliten, wie die Israelitischen von den Christen begleitet. Dennoch herrscht allenthalben daselbst echte Religiosität, sodass dieses Betragen keineswegs die Folge eine Indifferentismus sein kann.“

Das war im Jahr 1840. In November 1938 brannten überall in Deutschland die Synagogen. Auch in Ottweiler wurde die Zerstörung des jüdischen Gebetshauses und der jüdischen Schule angeordnet, doch man hatte Sorge, dass benachbarte Gebäude ebenfalls in Brand geraten könnten. Deshalb wurde die Synagoge am frühen Morgen zunächst „nur“ geplündert. Ihr gesamtes Inventar wurde herausgetragen und auf den Schlossplatz vor der Synagoge geworfen. Am Nachmittag wurde alles angezündet. Historische Fotos dokumentieren die Untaten. Alles geschah unter musikalischer Begleitung durch das SA-Musikcorps. Als die Flammen erloschen waren, war die fast hundert Jahre alte Synagoge von Ottweiler eine Ruine. Über 20 Jahre lang erinnerte sie als hässliches Denkmal an das angeordnete Pogrom, denn die Stadt blieb ansonsten von größeren kriegsbedingten Zerstörungen verschont. Im Jahr 1962 wurde abgerissen, was von dem Gebäude noch übrig war.

Heute erinnern eine Gedenktafel, ein Modell der Synagoge und ihrer Schule sowie ein kleines Denkmal an das Gebetshaus, dessen fast hundertjährige Geschichte so erfreulich begonnen hatte und so inhuman endete.

Quellen:
http://www.alemannia-judaica.de/ottweiler_synagoge.htm – Hier finden sich auch die im Text erwähnten Fotos.
sowie mündlich von Willi Wälder, „Nachtwächter“ von Ottweiler (https://www.ottweiler.de/tourismus/index.php?option=com_content&view=article&id=49&Itemid=2)