Nicht alles, was wahr ist, muss gesagt werden. Die drei Siebe des Sokrates, eine Goldene Regel im digitalen Zeitalter

Ich stehe auf der steinernen Brücke, die über den Burggraben führt. Der Himmel ist blau. Der Sonnenschein wärmt mich. Neben mir steht mein Rollkoffer mit Computer und Manuskript. Die Burg ist zu einem Tagungszentrum umgebaut, und ich bin dort gleich als Referent gefragt.

Ich mache zwei Fotos mit meinem Mobiltelefon. Ich spüre den Wunsch, diese beiden Bilder zu posten und öffne die einschlägigen Social-Media-Apps. Ähnliche Statusmeldungen finden sich dort bereits. Ein Facebook-Freund hat einen Bahnhof fotografiert und dazu geschrieben: „In Erfurt eingetroffen, wo ich die Sitzung des Rechtsausschusses moderieren darf.“ Eine Instagram-Freundin fotografiert ihr neustes Buch, dessen Belegexemplare sie gerade erhalten und mit denen sie ihren Schreibtisch dekoriert hat. Auf Twitter fällt mein Blick auf das Bild eines Prominenten, der am Präsidiumstisch eines Kongresses sitzt. Dann sehe ich ein Foto vom Rheinufer in Bonn, im Vordergrund ist der Schatten des Fotografen zu sehen. Unter dem Bild finden sich die Worte: „Atem holen nach einem anstrengenden Sitzungstag.“

Ich betrachte nochmals meine beiden Fotos. Ich tippe ein: „Auf dem Weg zur Burg, wo ich auf der X-Tagung des Y-Veranstalters das Eröffnungsreferat halten darf. Nun ist der „Jetzt teilen“-Button aktiv. Soll ich, soll ich nicht?

Ich denke an die Legende von den drei sokratischen Sieben. Sie erzählt, dass Sokrates wieder einmal auf einem der Plätze der Stadt in philosophische Gespräche mit Menschen aus Athen vertieft war. Da sprach ihn ein Unbekannter an: „Sokrates, ich möchte dir etwas erzählen.“
„Du möchtest mir etwas erzählen? Prüfe zunächst, ob das, was du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe geht: durch das Sieb der Wahrheit, das Sieb der Güte und das Sieb der Notwendigkeit.“

Ich betrachte den vorbereiteten Beitrag. Ich will ihn durch die sokratischen Siebe prüfen. Das erste Sieb passiert er ohne Probleme. Wahrhaftig ist das, was ich schreiben möchte. Ich bin heute wirklich auf der Burg und werde ich dort gleich etwas vortragen. Mein Post wird sich von den Fakes, Halbwahrheiten und missgünstigen Kommentaren, die es im digitalen Raum unzählig oft gibt, unterscheiden. „Was wahr ist, muss gesagt werden“, pflegte ein Freund früherer Tage immer zu sagen.

Schwieriger ist das zweite Sieb. Ist es gut? Die Antwort darauf fällt mir schwer. Das was ich nachher vortragen möchte, empfinde ich als gut und wichtig. Aber davon wird ja in diesem Post nicht die Rede sein. Wird er vielleicht andere anregen, sich mit dem Thema meiner Präsentation zu beschäftigen? Mir kommen Zweifel. Ich möchte zeigen, wie gerne ich hier bin, wie sehr ich mich über den Sonnenschein und die Aufgabe freue, die vor mir liegt. Daran kann ich nichts Böses entdecken. Vielleicht aber entsteht in den Augen der Betrachter ein anderer Eindruck: Hier zeichnet der Referent der Tagung ein Bild von sich: Sein Wissen und seine Kompetenzen sind gefragt, er wird gerne eingeladen. Das Sieb der Güte passiert der geplante Beitrag eher nicht.

Das dritte Sieb bringt die Entscheidung. Die Sozialen Netzwerke sind voller Belanglosigkeiten: „Ich fahre gerade Rad.“ „Ich sitze am Meer.“ „Ich esse ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte in einem angesagten Café.“ Ich frage mich: Sind meine Schritte über die steinerne Brücke relevanter als diese Posts? Nein, das sind sie wohl nicht.

Die Sozialen Medien geben uns die Möglichkeit, unser Leben wie auf einer digitalen Theaterbühne zu leben. Wir können den Vorhang geschlossen halten oder öffnen. Wenn wir ihn hochziehen, ist uns ein kleines oder großes Publikum einen Moment lang gewiss. Es nimmt zur Kenntnis, was ich tue, wie es mir geht, was ich denke. Es wird sich bald wieder anderen Posts und Tweets zuwenden, aber meine Statusmeldung und die schönen Bilder sind nun in der Welt.

Aber nicht alles, was wahr ist, muss auch gesagt werden. In Gedanken widerspreche ich meinem Freund. Wenn ich den vorbereiteten Beitrag online stelle, sind auf meiner kleinen Theaterbühne nur ich selbst und die Kulisse zu sehen. Eine Botschaft, die gut, wahr und notwendig wäre, ist nicht zu erkennen. Alles posten, tweeten und teilen zu können, bedeutet nicht, dass es auch nützlich, hilfreich, gut und von Belang ist. Ich entscheide, den Bühnenvorhang, der für den Rest des Tages das Private meines Lebens vor der digitalen Öffentlichkeit verbirgt, auch jetzt nicht zu heben. Ich schließe die Apps, freue mich selbst an den Bildern, dem Sonnenschein und dem blauen Himmel. Ich gehe hinein, in Vorfreude auf die Tagung, und danke Sokrates – oder wer immer diese Legende geschrieben hat – für seine Goldene Regel.

Für das Gute, Notwendige und Wahre will ich gerne ein anderes Mal mein Gesicht zeigen.

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