Lichter, Tauben, achtsam gehen. Als eine ganze Schule den Frieden herbeisehnte. Ein christlich-inklusives Ritual

Horst Heller (CC BY-SA 4.0)
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Wenn Lernende und Lehrende gleichermaßen ihren Wunsch nach Frieden ausdrücken wollen, ist das ein Anlass für ein Ritual der ganzen Schule. Anders als einen Gottesdienst sollen es aber alle mitvollziehen können. Dennoch muss es nicht auf religiöse Elemente verzichten. Ein Projektbericht aus einer Grundschule:

In einem großen Raum, der Aula oder der Turnhalle der Schule, versammeln sich die Schülerinnen und Schüler einer Jahrgangsstufe, im vorliegenden Fall bis zu 80 Kinder mit ihren Lehrerinnen und Lehrern. Ruhige Musik erklingt. Alle betrachten still die Installation in der Mitte des Raums: Dort liegt eine begehbare Doppelspirale aus bunten Bändern. Außen, an ihren Eingang, stehen ein Korb mit brennenden LED-Teelichtern und eine große weiße Friedenstaube auf blauem Stoff. Am „Wegesrand“ finden sich weitere gefaltete Friedenstauben in bunten Farben. Im Zentrum der Spirale stehen auf einer blauen Runddecke das Picasso-Bild „Friede allen Völkern“, daneben eine große Kerze. Sie sind umgeben von vielen gefalteten Friedenstauben in allen Farben, mindestens so viele, wie Lernende und Lehrende an diesem Ritual teilnehmen.


Dann verstummt die Musik. Der Leiter des Rituals begrüßt die Anwesenden: „Heute machen wir etwas, was sonst oft nicht geht. Wir lassen uns Zeit und haben keine Eile.“ Er macht die Schülerinnen auf die Spirale, die Teelichter und die gefalteten bunten Friedenstauben aufmerksam. Mit Impulsen hilft er ihnen bei der Deutung dieser Gegenstände:

„Jedes Kind und jeder Erwachsene hat Wünsche. Wir hoffen, dass sie in Erfüllung gehen. Wir schauen jetzt die Teelichter an und denken dabei an unseren innigsten Wunsch. Wir behalten ihn still für uns. Er ist unser Geheimnis. Nur meinen eigenen Wunsch möchte ich euch verraten. Ich wünsche mir Frieden. Deshalb steht am Eingang dieser Spirale die Friedenstaube. Sie ist ein Symbol für den Frieden.“

Indem er seinen eigenen Wunsch offenlegt, nennt er das Thema des Rituals und lenkt die Gedanken der Schülerinnen und Schüler zugleich auf immaterielle Wünsche.

Dann deutet er auf das Picasso-Bild in der Mitte: „Wir sehen dort vier Gesichter. Der Künstler hat ihnen verschiedene Farben gegeben. Denn Menschen sind unterschiedlich! Es gibt Mädchen und Jungen, es gibt Kinder mit lockigen Haaren und Kinder mit glatten Haaren. Es gibt Erwachsene und Jugendliche. Jeder Mensch ist anders als der, der neben ihm sitzt. Aber wir sind alle Menschen. In der Mitte des Bildes hat der Künstler eine Friedenstaube gemalt. Denn er glaubte: Alle Menschen, so verschieden sie auch sind, haben den gleichen Wunsch. Sie wollen Frieden.“

„Neben dem Bild steht eine große Kerze. Ihr Licht will uns Hoffnung geben. Woher kommt unsere Hoffnung? Für mich ist es das Licht des Osterfestes. Es gibt mir die Hoffnung, dass mein Wunsch nach Frieden in Erfüllung geht. Er macht mir Hoffnung, dass bald wieder Friede herrscht. Was gibt euch Hoffnung? Was macht euch froh?“

Nicht alle, die am Ritual teilnehmen, sind christlichen Glaubens. Und auch Christinnen und Christen deuten das Osterfest unterschiedlich. Die Formulierung „Für mich ist es das Licht des Osterfestes.“ bietet das Licht der Auferstehung als christliche Hoffnungsquelle an, lässt es aber zu, das Licht der Kerze anders zu deuten. Hoffnung kann sich aus vielen Quellen speisen. Ich nenne dies ein inklusiv-christliches Deutungsangebot, das die eigene religiöse Orientierung nicht unterschlägt, aber einlädt, die Symbole individuell zu verstehen.

Während der Erklärung des Rituals bewegt sich der Leiter selbst mit sehr langsamen Schritten durch die Spirale und demonstriert so das Lauftempo. „Ich nehme mir ein Teelicht und denke an meinen innigsten Wunsch. Mit dem Licht trage ich diesen Wunsch in ganz langsamen Schritt in die Mitte der Spirale. Dort stelle ich die Kerze an den Rand des Rundtuchs. Ich betrachte das Bild des Künstlers und achte besonders auf die vielfarbigen Gesichter der Menschen und die Friedenstaube in der Mitte des Kunstwerks. Dann stelle ich das Teelicht an den Rand der Runddecke und nehme eine der Friedenstauben in die Hand. Nun denke ich an die Hoffnung, dass mein Wunsch in Erfüllung geht. Ich trage die Friedenstaube auf der offenen Handfläche durch die Spirale wieder nach außen und stelle sie in einem großen Kreis um die Spirale herum. Das mache ich ganz ohne Eile.“

Die Musik wird wieder eingeschaltet. Die Schülerinnen und Schüler erheben sich und beginnen mit dem achtsamen Gehen vom Eingang der Spirale zum Zentrum. Die Lehrperson kann als erste vorangehen. Alle tragen ein Teelicht auf der offenen Handfläche. Im Zentrum angekommen betrachten sie das Picasso-Bild aus der Nähe. Sie stellen ihr Licht an den Rand des Rundtuchs, ergreifen eine der farbigen Tauben, tragen sie in ebenso achtsamer Gehweise nach außen und stellen sie dort ab. Es wächst ein bunter Kreis oder Bogen aus farbigen Tauben um die Spirale herum.

Wenn alle Schülerinnen und Schüler diese Übung beendet haben und wieder auf ihren Plätzen sitzen, verstummt die Musik. Der Leiter des Rituals lenkt den Blick auf die Veränderung der Installation. Die zahlreichen Teelichter bilden nun einen großen Kreis und die Runddecke in der Mitte. „Wir sind so verschieden, aber alle haben wir unsere Wünsche in die Mitte getragen. Vielleicht haben wir ganz ähnlich Wünsche. Die bunten Friedenstauben sind ein Zeichen unserer Hoffnung, wir haben sie aus der Mitte nach außen getragen. Sie bilden nun einen großen bunten Kreis um unsere Wünsche herum.“

Die Schüler werden nun eingeladen, ein stilles und persönliches Ritual zu vollziehen. „Wenn der Wunsch, den wir nach innen getragen haben, ein ganz inniger Herzenswusch war, dann dürfen wir jetzt die Hand auf das Herz legen. Jeder der mag, kann das jetzt tun. Wer will, darf auch ein stilles Gebet sprechen. Niemand wird das hören, niemand wird es sehen. Nur wir selbst wissen, ob wir gebetet haben und was welche Gedanken wir uns gemacht haben.“

Da alle, die zur Schulgemeinschaft gehören, zur Teilnahme an diesem Ritual eingeladen sind, darf niemand durch die Aufforderung zu beten überwältigt werden. Glaubende aber haben an dieser Stelle die Möglichkeit, es zu tun, indem sie ein stilles Gebet „denken“. Mit dem Angebot, die Hand auf das Herz zu legen, wird allen Teilnehmenden eine Geste vorgeschlagen, die sie wahlweise religiös oder nicht religiös deuten können, eine christlich-inklusive Symbolhandlung.

Am Ende erklingt die Musik erneut. Die Schülerinnen und Schüler gehen nacheinander, schweigend und in langsamem Tempo hinaus. Ein stummer Segen (durch Handauflegung) kann angeboten werden. Erst wenn die Schülerinnen und Schüler den Raum verlassen haben, reden sie wieder miteinander.

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