Mit Kindern vom Krieg reden? Zehn Überlegungen für Schule und Religionsunterricht

Horst Heller
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Die kriegerische Gewalt in der Ukraine beschäftigt auch Kinder. Mit welchen Gefühlen kehren sie nach den Winterferien in ihre Schule zurück? Und wie können Lehrerinnen und Lehrer Kindersorgen und -ängste im Unterricht aufnehmen? Die folgenden Fragen und Antworten wollen eine Hilfestellung für Lehrerinnen und Lehrer sein, die Kinder unterrichten.

Sollen wir den Krieg thematisieren?
Das entscheiden unsere Schülerinnen und Schüler. Als Lehrerinnen und Lehrer sind wir vorbereitet, wenn sie sich dazu äußern oder Fragen stellen.

Was erzählen wir?
Nicht dramatisieren, aber auch nicht verharmlosen.
Es ist nicht sinnvoll, Bilder von Leid und Zerstörung zu zeigen oder den Konflikt detailliert zu erläutern. Ob es altersgemäß aufbereitete Informationen aus Kindernachrichten oder Podcasts für Kinder eingesetzt werden können, hängt vom Alter und von der Medienkompetenz der Klasse ab. Es ist in jedem Fall angeraten, dies in kleinen Dosen und gemeinsam mit Erwachsenen zu tun. Die Erfahrung der auf Kinder spezialisierten Redakteur*innen sind sicher hilfreich für die eigene Vorbereitung.

Warum gibt es Krieg in der Ukraine?
Wir sind keine Expert*innen in Konfliktforschung und auch jüngere Kinder verfügen schon über Weltwissen und Erfahrung in sozialen Interaktionen. Wenn sie Fragen stellen, ist das ein Zeichen, dass sie schon angefangen haben, über die Ursachen des Konflikts nachzudenken. Es kommt bei unseren Antworten deshalb weniger darauf an, den aktuellen Konflikt zu analysieren, sondern die Kinder beim Finden ihrer eigenen Antworten zu begleiten. Wir hören zu und geben Impulse, ihre eigenen Gedanken weiterzudenken.

  • Vielleicht haben die Politiker, die Krieg befohlen haben, in ihrer Schulzeit nicht gelernt, Konflikte friedlich beizulegen.
  • Vielleicht hat ihnen nie jemand gesagt, wie schrecklich ein Krieg für Frauen, Kinder, alte Menschen, aber auch für die Soldaten ist.
  • Vielleicht haben sie vergessen, dass ihr Volk eigentlich Frieden will.
  • Vielleicht sind sie den Menschen, deren Land sie angreifen, nie wirklich begegnet, oder sie haben sich nie für sie interessiert.

Wer ist schuld?
Anknüpfen an Konfliktbewältigungserfahrungen der Schülerinnen und Schüler. Kinder tragen täglich kleinere und manchmal größere Konflikte aus und können daraus lernen, dass eine Stigmatisierung des Gegenübers nicht zum Frieden führt. Es empfiehlt sich, bereits erworbene friedenspädagogische Kompetenzen zu thematisieren: Wie konnte ich schon einmal einen Streit beilegen?
Nachhaltige Konfliktlösung sucht nicht nach Schuldigen, sondern nach Lösungen. Wir haben wahrscheinlich alle eine persönliche Meinung zu der Frage, wer für die Gewalt verantwortlich ist. Dennoch sind wir zurückhaltend. Die Kinder in unseren Klassen haben unterschiedliche ethnische Hintergründe und hören zuhause unterschiedliche politische Meinungen. Keines von ihnen soll durch unsere Äußerungen in Loyalitätskonflikte kommen.
Keine Pauschalisierungen, keine Polarisierung. Unsere Sprache ist wichtig. Es hilft den Kindern nicht weiter, pauschal von „den Russen“ oder von „Russland“, aber auch nicht von „Putin“ zu sprechen. Sie kennen den russischen Präsidenten, wenn überhaupt, nur aus den Medien. Die Wahrheit ist, dass es viele Menschen gibt, die in diesem Krieg Befehle geben, und viele – auch in Russland –, die diesen Krieg ablehnen. Ein Vorschlag:

  • Das ist kompliziert. Wir wissen aber, dass die allermeisten Menschen keinen Krieg wollen. Ich vielen Ländern gibt es deshalb auch Demonstrationen gegen den Krieg.

Kommt der Krieg auch zu uns?
Nicht beschwichtigen, aber auch nicht ängstigen. Aktuell gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass wir in diesen Konflikt hineingezogen werden, aber natürlich sind wir keine Hellseher. Eine ehrliche Antwort könnte lauten:

  • Nein, das glaube ich nicht. Unsere Politiker tun alles, damit das nicht geschieht.

Ein Gespräch, in dem Schülerinnen und Schüler erzählen, welche Strategien sie nutzen, wenn sie sich ängstigen, kann hilfreich sein. Es geht darum, Kinder zu stärken. Das können sie auch gegenseitig tun.

Mit der Ukraine solidarisieren?
Vorsicht vor unbedachten Solidaritätsaktionen. So sinnvoll blau-gelb beleuchtete Gebäude und Solidarität im öffentlichen Raum sind, genauso wichtig ist es, für Positionierung und Bekenntnisse den Kontext zu bedenken. In unseren Klassen könnten sie polarisieren und Kindern mit Migrationsgeschichte dazu veranlassen, Partei zu ergreifen. Das trägt den Konflikt in unsere Klassen.

Was können wir selbst tun?
Angst und Traurigkeit in positive Aktionen überführen. Aktuell können Kinder nicht viel Konkretes für die Opfer dieses Krieges tun. Sollten in der nächsten Zeit Flüchtlinge aus der Ukraine zu uns kommen, können wir unserem Wunsch nach Solidarität Taten folgen lassen. Jetzt können Symbole und Rituale, die mit Schülerinnen und Schülern gedeutet werden, helfen.
Traurigkeit zulassen, aber Fassungslosigkeit vermeiden. Auch wir Erwachsene dürfen Betroffenheit zeigen. Wir achten aber darauf, nicht hilflos zu wirken. Offen gezeigte Angst kann Ängste der Kinder verstärken. Sie brauchen (insbesondere nach zwei Jahren pandemischen Ausnahmezustands) aber jetzt unsere Stabilität.

Können wir auch für den Frieden beten?
Ja. Aber in religiösen Fragen gibt es keinen Zwang. Jedes Kind darf beten, wir helfen gern dabei, Worte zu finden. Aber niemand muss sich daran beteiligen. Jedes Kind verhält sich rücksichtsvoll, wenn andere beten.

Sollen wir den Unterricht unterbrechen?
Ja und Nein. Wenn Kinder verbal oder nonverbal zeigen, dass der Krieg auch ein Thema für sie ist, sind Rechtschreiben und Multiplikationsübungen vorübergehend zweitrangig. Gegen Verunsicherung und Angst kann der geregelte Ablauf eines Schultages jedoch ebenso wichtig sein. Die Kinder weisen uns den Weg.
Angst ist nicht vorlaut. Schulklassen sind keine homogene Gruppen. Die Bewältigung der mentalen Herausforderungen dieser Tage gelingt unterschiedlich gut. Wir behalten die Stillen im Blick.

Was ist mittel- und langfristig unsere pädagogische Aufgabe?
Friedenserziehung ist das Gebot der Stunde. Bildungsarbeit, das Anspornen der Kinder zu lernen und Leistungen zu erbringen, ist nach wie vor der Hauptauftrag der Schule. Die letzten zwei Jahre des pandemischen Ausnahmezustands und die aktuellen politischen Ereignisse zeigen jedoch, dass Kinder mehr brauchen als die Vermittlung von Fachwissen, vor allem, wenn ihre Welt „aus den Fugen gerät“.
Die schulische Werteerziehung setzt auf den Wert der Gemeinschaftlichkeit. Die oder der, der diesen Krieg wollte(n), hat vielleicht nie erfahren, dass es – im Bild gesprochen – dem Leib nur gut geht, wenn es allen Organen gut geht. „Deshalb kann das Auge nicht zur Hand sagen: »Ich brauche dich nicht.« Oder der Kopf zu den Füßen: »Ich brauche euch nicht.« … Wenn ein Körperteil leidet, leiden alle Körperteile mit (1 Kor 12,21 und 26).“ Ohne Bild gesprochen: Eine Nation wird letztlich nur Frieden und Wohlergehen sichern, wenn sie das auch ihren Nachbarn zugesteht. Wir wecken in den Kindern den Willen und die Fähigkeit zu einer friedlichen Beilegung von Konflikten und vermitteln den Wert der Gemeinschaftlichkeit. Friedenserziehung ist integraler Bestandteil der schulischen Werteerziehung.

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