„Die Zeit ist kaputt, Christian!“ Dürfen wir angesichts von Corona, Klima und Ukraine den Sommer genießen? Was sagt Paul Gerhardt dazu?

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„Entweder ist Ihre Uhr kaputt, Herr Baron, oder die Zeit selber“, sagt der Diener. Er ist gerade mit seinem adligen Herrn auf dem Mond gelandet und stellt bestürzt fest, dass er in zwei Stunden um Jahre gealtert ist. Am Abend des Tages schon wird er ein Greis sein und für immer die Augen schließen. Wie konnte die Zeit so schnell vergehen, fragt er den Baron. Die Zeit ist kaputt, Christian, antwortet der ihm.

Dieser Dialog ist Erich Kästners Film Münchhausen entnommen, der mitten im Zweiten Weltkrieg in den Filmstudios Babelsberg gedreht wurde. Schon 1933, also zehn Jahre zuvor, waren dem Autor von Pünktchen und Anton sämtliche Veröffentlichungen untersagt worden. Doch als in der Bevölkerung der Glaube an den „Endsieg“ mehr und mehr schwand, bediente man sich noch einmal des „verbotenen“ Schriftstellers. Das sogenannte Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda beauftragte ihn, unter dem Pseudonym Berthold Bürger das Drehbuch für einen opulenten Ufa-Film zu schreiben.

Am 3. März 1943, als das ganze Ausmaß der Katastrophe von Stalingrad gerade in der Wochenschau eingestanden worden war, kam der Farbfilm von Goebbels Gnaden in die Kinos. In Berlin waren bereits Strom, Heizung und Benzin rationiert, die Spielstätten bei Potsdam waren durch alliierte Luftangriffe gefährdet. Doch für diesen Propagandafilm standen Kostüme, Komparsen und Kameras in großer Zahl zur Verfügung. Eine Zeit, in der so etwas durchgesetzt werden kann, ist in der Tat kaputt. Aber die unsinnige Filmproduktion, dem Propagandakalkül der Diktatur entsprungen, sollte Mangelwirtschaft und Bomben einen Kinoabend lang vergessen machen.

„Die Zeit ist kaputt.“ Erich Kästner wäre nicht er selbst, hätte er nicht dem Lügenbaron freche Worte in den Mund gelegt, für die andere zweifellos verhaftet worden wären. Auch dieses Wort, gesprochen vom Hauptdarsteller Hans Albers, gehörte zu den mutigen Sätzen des Drehbuchs. Vordergründig war gemeint, dass der Diener des Barons auf dem Mond in Windeseile gealtert war. Doch der markante Münchhausensatz drückte das Lebensgefühl der Menschen im vierten Kriegsjahr aus. Hitlers verbrecherischer Angriffskrieg hatte die Zeit „kaputtgemacht“.

79 Jahre später hat wieder ein europäisches Land ein Nachbarland überfallen. Eine so genannte „Spezialoperation“, die in Wahrheit ein barbarischer Angriffskrieg ist, greift Wohnhäuser mit Raketen an, macht ganze Städte unbewohnbar und kostet Tausenden Kindern, Frauen und Männern das Leben. In vier Monaten haben Artillerie und Panzer 600 Kindertagesstätten, 600 Gesundheitszentren und 1000 Schulen und Hochschulen zerstört. Ein Land wird vernichtet. Eine Zeit, in der so etwas möglich ist, ist kaputt.

Der Krieg in der Ukraine hat auch uns um Illusionen ärmer gemacht. Wir waren gewohnt, von Krisen zu sprechen, die den gewohnten Frieden und geliebten Wohlstand nur vorübergehend oder nur an entfernten Orten unterbrachen. Der Krieg in der Ukraine hat das geändert. Einkaufen und Heizen ist hier bei uns teurer geworden. Der Krieg ist nah an uns herangerückt, er befeuert andere Krisen, die noch nicht überwunden waren, und lässt Wissenschaftler, Expertinnen und Politiker ratlos zurück.

Das Wort Krise passt nicht mehr.

Überschwemmungen finden nicht mehr nur in Bangladesch, sondern in Rheinland-Pfalz statt. COVID ist noch nicht besiegt, da brennt Europa an seiner Ostflanke. Das Wort Krise passt nicht mehr. Corona, Klima und Ukraine sind keine Unterbrechungen des Normalzustands, sondern Kennzeichen einer neuen Zeit. Und die ist kaputt.

Doch nun ist der Sommer gekommen. Wir haben Urlaub im Süden, Wandern in den Bergen oder Vergnügen im Club geplant. Irgendwie will das nicht so recht in die Zeit passen. Können wir, dürfen wir Sonne, Freizeit und Erholung genießen, wenn andernorts Kinder, Frauen und Männer um ihre Angehörigen trauern? Ich suche eine Antwort bei Paul Gerhardt.

Geh‘ aus, mein Herz, und suche Freud“, dichtete der brandenburgische Pfarrer in den frühen 1650er Jahren. In fünfzehn Strophen seines Gedichtes, das erst vor 200 Jahren seine heute bekannte Melodie erhielt, lenkte er den Blick auf Sommerblumen, Bienen und Bäche und freute sich an Weizenfeldern und Vogelgesang. Die sommerliche Natur deutet er als „des großen Gottes großes Tun“. Sie „erweckt ihm alle Sinnen.“ Er „kann und will nicht ruh’n“, in diesen natürlichen Lobgesang einzustimmen.

Können wir, dürfen wir Sonne, Freizeit und Erholung genießen?

Und doch war seine Zeit überhaupt nicht idyllisch. Der Dreißigjährige Krieg war gerade erst beendet worden, die Kriegsparteien waren erschöpft. Auch in Brandenburg waren Höfe und Häuser geplündert, ganze Landstriche menschenleer. Dazu kamen die konfessionellen Streitigkeiten, die auch nach dem Ende des Krieges weiterbestanden und Gerhardt ein Leben lang begleiten sollten. Auch seine Zeit war kaputt.

Paul Gerhardt wollte nicht über das schreiben, was allen vor Augen stand.

Die Kriegsschäden, die bittere Armut auf dem Land, die Felder, die nicht bestellt werden konnten, weil die Landbevölkerung getötet oder geflohen war, und die ungezählten Familien, die Angehörige verloren hatten, hätten genügend Stoff für ein Klagelied mit 15 Strophen geboten. Doch der Pfarrer, der nach getaner Arbeit gerne Liedtexte dichtete, wollte nicht über das schreiben, was vor Augen stand.

Deshalb begann er mit einem Imperativ: „Geh aus und suche Freud!“ Eine Legende erzählt, er habe bei dieser Aufforderung an seine Braut Anna Maria gedacht, die er 1655 heiratete. Mit den Worten Erich Kästners, der knappe 300 Jahre später 30 Kilometer von Mittenwalde entfernt in einem Berliner Café das Münchhausen-Drehbuch schrieb, könnte man den Beginn seines berühmten Liedes so paraphrasieren: „Die Zeit ist kaputt, Anna Maria. Sie fährt Auto, doch kein Mensch versteht zu lenken. Aber aus den Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen.“

Wir sollten den Sommer nicht vorübergehen lassen, ohne uns an ihm zu erfreuen.

In meiner Konfirmandenzeit ließ ein Pfarrer in einem sommerlichen Gottesdienst unter freiem Himmel unendlich viele Strophen dieses Lied singen, dass sogar mein Vater milde seinen Kopf schüttelte. Ob es wirklich fünfzehn Strophen waren oder nur die heute bekannten ersten acht, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass gerade jetzt, wo ich diesen Beitrag verfasse, Bienen und Hummeln um mich schwirren und die vielfältigen Blüten besuchen. Heute habe ich es wahrgenommen und freue mich daran. Paul Gerhardt hat mich aufgefordert. „Geh‘ aus, mein Herz!“

Wir dürfen das Leben genießen, wenn wir es können, weil wir es brauchen.

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