Heinrich Vogeler, Künstler, Visionär und Träumer. Warum der Worpsweder Künstler in Kasachstan geehrt wird.

Horst Heller (Text: CC BY-SA 4.0)
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Von Aljato – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68769650

Vor 23 Jahren wurde in der Großstadt Qaraghandy in der Steppe von Kasachstan eine Büste des Bildhauers Anatoli Bilyk zu Ehren von Heinrich Vogeler errichtet, der dort, über 5000 km von seiner Heimat entfernt, im Jahr 1942 verstorben war. Eine Delegation aus Worpswede war anwesend, als sie am 14. Juni 1999, dem 57. Todestag Vogelers, enthüllt wurde. Was hatte den Maler, Zeichner und Architekten in die Sowjetunion verschlagen?

Heinrich Vogeler wurde 1872 als zweites Kind einer Bremer Kaufmannsfamilie geboren und erhielt seine Ausbildung in der Kunstakademie Düsseldorf. Mit 22 Jahren besuchte er erstmalig die Künstlerkolonie Worpswede, die von Fritz Mackensen, Otto Modersohn und anderen einige Jahre zuvor gegründet worden war. Bereits ein Jahr später kaufte er – durch das väterliche Erbe zunächst aller materiellen Sorgen enthoben – den Barkenhoff, einen ehemaligen Bauernhof, der schnell zum Mittelpunkt der Künstlergruppe wurde. Er heiratete die Worpswederin Martha Schröder und gründete mit ihr eine Familie.

Er baute das Gebäudeensemble um, entwarf neue Möbel und richtete das Haus in seinem Sinne ein. Das Anwesen, das Künstler seiner Zeit, unter ihnen auch Rainer Maria Rilke anzog, wurde zu seiner Bühne, auf dem er sein Künstlerleben und das der Worpsweder Kolonie inszenierte. Hier entstanden seine bekanntesten Bilder. Immer wieder malte er seine Frau Martha, die die Kleider und den Schmuck trug, die er entworfen hatte. Sie wurde für ihn zur Kunstfigur, was dem Eheglück des Paares abträglich war.

1903 begann Vogeler mit der Arbeit an seinem berühmtesten Bild „Das Konzert“, später auch „Der Sommerabend“ genannt. Es zeigt eine Zusammenkunft der Worpsweder Künstler auf der Sommerterrasse des Barkenhoffs, zu der nun auch einige Frauen gehörten. Auf der linken Seite sind Paula Modersohn-Becker, Clara Rilke-Westhoff, Otto Modersohn sowie Agnes Wulff zu sehen. Auf der gegenüberliegenden Seite musizieren Vogelers Bruder Franz mit der Geige, sein Schwager Martin Schröder mit der Flöte, sowie, halb verdeckt, er selbst mit dem Cello.

Das scheinbare Idyll wird aufgehoben durch Martha Vogeler, die, als zentrale Figur in der Mitte stehend, traurig in die Ferne schaut. Den anderen Frauen hat sie den Rücken zugewandt, auch der Musik der Männer scheint sie nicht zuzuhören. Mit diesem großformatigen Bild, das Vogeler 1905 fertigstellte, machte er die Entfremdung Marthas von ihm selbst sichtbar.

Das Leben der Kolonie verlief zu dieser Zeit in auffälliger Parallelität zur deutschen Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Das Reich steuerte im Blindflug auf einen Krieg zu, der Europa in die Katastrophe stürzen sollte. In der Worpsweder Künstlergemeinschaft konnte Vogeler seine Idee eines alternativen Lebens nicht dauerhaft verwirklichen, obwohl er zu dieser Zeit durchaus als Künstler angesehen und wirtschaftlich erfolgreich war. Als sich das Ende seines Traums abzeichnete, geriet Vogeler in eine Lebenskrise. Seine Ehe mit Martha scheiterte, seit 1909 wohnte ihr neuer Lebensgefährte ebenfalls auf dem Barkenhoff. Vogeler reiste in dieser Zeit viel, immer auf der Suche nach einer tragbaren Alternative zur bürgerlichen Existenz.

Zu Beginn des 1. Weltkrieges meldete er sich – wie viele Zeitgenossen – freiwillig zum Dienst an der Waffe und verbrachte die ersten Jahre als Nachrichtenoffizier in Südosteuropa. Doch je länger der Krieg dauerte, desto mehr wuchsen seine Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Waffengangs. Im Februar 1918 forderte er Kaiser Wilhelm in einem offenen Brief auf, das sinnlose Sterben zu beenden. Für seinen Mut zahlte er mit einem zweimonatigen Aufenthalt in einem Krankenhaus für „Geisteskranke“.

Als er April 1918 auf den Barkenhoff zurückkehrte, war er zu einem Sozialisten und Pazifisten geworden. Die ehemalige Künstlerkolonie wandelte er in eine revolutionäre Kommune ohne Privateigentum um. Zwar wurde auch weiterhin die Kunst gepflegt, zusätzlich war aber harte landwirtschaftliche Arbeit zu leisten. Politisch Verfolgte, die sich an einem kommunistischen Aufstand beteiligt hatten, fanden hier nun Unterschlupf. Ein zweites Mal sollte der Barkenhoff der Ort werden, an dem Vogeler einen Traum verwirklichen wollte. Doch Marthas Welt war das nicht mehr, zwei Jahre nach der Rückkehr ihres Mannes verließ sie mit den drei gemeinsamen Töchtern den Barkenhoff.

Vogeler hatte nun eine politische Vision. Er hoffte, dass sich Arbeiter und Bauern in Deutschland erheben würden. Doch in Deutschland scheiterte die Revolution. Als wenige Jahre später die Wirtschaftskrise auch die letzten Ersparnisse auffraß, war das Projekt einer sozialistischen Kommune gescheitert. Vogeler entschloss sich, den Barkenhoff zu verlassen. Seine Hoffnung setzte er auf die russische Oktoberrevolution. Mit seiner Lebensgefährtin Sonja Marchlewska reist er 1923 erstmals nach Moskau. In der Sowjetunion wollte er noch einmal neu beginnen. Weitere Reisen folgten, 1931 siedelte das Paar, das nun verheiratet war, endgültig nach Russland über.

Schon bald darauf wandelte sich Deutschland zu einer nationalsozialistischen Diktatur. Vogeleres Weg ins Exil war somit umumkehrbar. Aber auch der dritte Traum seines Lebens scheiterte. Seine Ehe mit Sonja wurde ebenfalls geschieden, und statt der ersehnten sozialistischen Welt erlebte der deutsche Emigrant zunächst Ausgrenzung und Prekariat und dann stalinistischen Terror und Verfolgung. Als Hitler die Sowjetunion überfiel, wurde er mit anderen Deutschen nach Kasachstan zwangsevakuiert. Dort vereinsamte, verarmte und erkrankte er in kürzester Zeit. Mitte Mai 1942 wurde Vogeler in das Krankenhaus einer Kolchose eingeliefert. Dort starb er entkräftet am 14. Juni 1942 im Alter von knapp 70 Jahren.

Als im Jahr 1999 die Büste Vogelers an seinem letzten Aufenthaltsort enthüllt wurde, äußerte der Bildhauer Anatoli Bilyk den Wunsch, dass auch in Worpswede ein identisches Denkmal aufgestellt werden möge. Im September 2010 ging sein Wunsch in Erfüllung. Seither blickt in der Worpsweder Bergstraße der alte Heinrich Vogeler ernst auf die Menschen, die in den Museen des Ortes seine Kunst bewundern.

Unter dem Gedenkstein ist eine Inschrift angebracht: „Der Träumer ging verloren, seine Träume bleiben.“ Heinrich Vogeler hat uns durch seine Kunst ein bleibendes Geschenk gemacht. Er sah die Gefahren des Nationalismus und des Militarismus klar und war ein Gegner des Faschismus in Deutschland. Er irrte sich, als er seine Hoffnung auf den Kommunismus der Sowjetunion setzte. Er zahlte dafür einen hohen Preis. Hinter seinem bitteren Irrtum entdecke ich die Vision einer besseren, schöneren und gerechteren Welt. Sie stand ihm ein Leben lang vor Augen. Dafür ehre ich ihn.

Links
https://www.worpswede24.de/neu/Detail.html?&aid=527
https://www.weser-kurier.de/landkreis-osterholz/das-elend-der-letzten-tage-in-kasachstan-doc7e3ut7fa4ywhq9qt9m7
https://www.heinrich-vogeler.de/gedenkstein-fuer-heinrich-vogeler/

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