„Jedem das Seine“ – Warum die Schrift am Lagertor in Buchenwald im Bauhaus-Stil gestaltet ist

Horst Heller (CC BY-SA 4.0)
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Die Schrift am Tor des ehemaligen Konzentrationslagers ist nur von innen zu lesen. Sie richtete sich also nicht an diejenigen, die nach einem langen Tag der Zwangsarbeit in das Lager Buchenwald zurückkehrten. Sie sollte von denen gelesen werden, die sich auf dem Appellplatz versammelt hatten und sich dort frierend fragten, mit welcher Begründung sie hier gequält wurden. Die drei Worte, die sie lasen, gaben ihnen die Antwort der Täter: „Jedem das Seine!“ Und das sollte bedeuten: Ihr bekommt hier, was euch zusteht: Steinbruch, Rechtlosigkeit, Verachtung.

Gestaltet wurde das schmiedeeiserne Tor von dem 1907 geborenen Architekten Franz Ehrlich, zu dieser Zeit ein Häftling im Lager. Er hatte bei Otto Gropius in Dessau studiert und drei Jahre später sein Bauhaus-Diplom erhalten. Er war Mitglied der kommunistischen Partei. 1935 wurde er verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein „Verbrechen“: Er hatte an einer Untergrundzeitung mitgearbeitet.

Er saß seine Strafe in Zwickau ab. Ein Jahr, bevor er wieder ein freier Mann hätte werden sollen, wurde er in das neu gegründete Konzentrationslager auf dem Weimarer Ettersberg überstellt. Dort wäre er – wie viele andere Gefangene – wegen unmenschlicher Arbeitsbedingungen fast umgekommen. Doch er hatte bei seiner Registrierung den Beruf Architekt angegeben und erhielt so den Auftrag, das Eingangstor des Lagers mit den Worten Jedem das Seine zu entwerfen.

Ehrlich machte sich an die Arbeit und zeichnete den Schriftzug so, wie er es beim Bauhaus gelernt hatte: mit einem runden E und den Buchstaben N und M, die an hochgezogene Kleinbuchstaben erinnern. Seinen Entwurf übergab er dem SS-Bauleiter, der ihn als seine eigene Zeichnung ausgab und die Umsetzung befahl.

Jedem das Seine: Die Nationalsozialisten hatten dieses Motto nicht erfunden. Es geht auf Aristoteles und das römische Recht zurück und benennt den Maßstab einer gerechten Verteilung der Güter. Suum cuique bedeutet: Nicht jeder muss gleich viel haben, aber alle sollen erhalten, was ihnen rechtmäßig zusteht. Später begründete dieses Prinzip das Recht auf Eigentum. Die Lagerleitung pervertierte diesen Rechtssatz der Gerechtigkeit, indem sie ihn zur Begründung der Ungerechtigkeit machte.

Doch auch in der griechisch-römischen Ursprungsbedeutung ist er ein moralisch unvollkommenes Gesetz. Christlich ist es nicht, nicht einmal sozial. Jedem das Seine sanktionierte zu allen Zeiten auch Ungleichheit und Verarmung. Ein Gemeinwesen aber, das die Schwachen im Blick hat, muss ihm zumindest einen weiteren Satz zur Seite stellen: Jeder und jedem genug zum Leben.

1939 wurde Ehrlich überraschend entlassen, aber zur Zwangsarbeit in jenem Baubüro verpflichtet, in dem er seine Zeichnung ein Jahr zuvor eingereicht hatte. Den von ihm entworfenen Schriftzug las er nun von hinten. Dann wurde er doch noch an die Front geschickt und kam in Gefangenschaft. Als er 1946 nach Deutschland zurückkehrte, lebte er zunächst in Dresden und später in Berlin. Er wurde Mitglied der SED und Informant des Ministeriums für Staatssicherheit, letzteres vermutlich, um seine Karriere voranzubringen. Zugleich wurde er auch selbst bespitzelt. Bis in die erste Reihe der DDR-Architekten schaffte er es nie. Sein Festhalten am Bauhaus und seine Kritik an der Kultur der Plattenbauten gefielen der Partei nicht. Er starb 1984, enttäuscht von der Realität des Sozialismus in seinem Land.

Obwohl die von ihm entworfenen Möbel und zahlreiche Gebäude mit seinem Namen verbunden sind, sind heute die dreizehn Buchstaben am Lagertor des Konzentrationslagers sein bekanntestes Werk. Die Nationalsozialisten hatten die Fraktur zu ihrer bevorzugten Schrift erklärt und hielten ein modernes Buchstabendesign für „entartet“. Dass es sich bei der Bauhaus-Schrift am Lagertor aber um eine heimliche Rache an den Nationalsozialisten gehandelt hat, ist unwahrscheinlich. Sein Neffe Werner Ehrlich erzählte in einem Podcast des DLF, dass er zur Jugendweihe eine Glückwunschkarte seines Onkels erhalten habe. Lieber Werner, sei da in Bauhaus-Druckbuchstaben zu lesen gewesen, ich gratuliere dir zur Jugendweihe. „Es war seine Schrift. Franz Ehrlich schrieb immer so.“

So ist sein Jedem das Seine vor allem eines: das Werk eines eigenwilligen Menschen, der sich künstlerisch nicht verbiegen ließ. Dass er zweimal den falschen Herren diente, habe ich nicht zu bewerten. Es ist ihm zu verdanken, dass das Lagertor in Buchenwald bis heute einer ironischen Note nicht entbehrt. Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft hatte das Bauhaus bekämpft und verboten. Aber durch einen Befehl der Lagerleitung kam seine Kunst dorthin zurück, wo sie entstanden war: nach Weimar.

Weiterführende Links
Rainer Erices, Schöpfer des KZ-Tores „Jedem das Seine. Bauhäusler und „Buchenwald-Architekt“ war Stasi-Spion. (2013)
Regina Kusch und Andreas Beckmann, Bauhaus, Buchenwald und Baudenkmäler. Die fantastische Karriere des Architekten Franz Ehrlich (2018)

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