„Das werdet ihr büßen, und ich weiß auch schon wann.“ Als Jona ankündigen musste, was möglichst nicht geschehen sollte

Horst Heller
Zeichnungen (sw): Christian Günther (CC BY-SA). Kolorierung: Horst Heller
Text und Bilder unter CC BY-SA 3.0: Verwendung, auch mit Änderungen, mit Namensnennung und unter gleichen Bedingungen gestattet
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Jona sitzt im Schatten des Rizinus und schaut nach Osten. Dort in der Ferne sieht er die Stadt. Er sieht sie und er hört sie. Schöne große Stadt, denkt er, du bist voller Menschen und voller Tiere. Und voller Unrecht.

In dieser Stadt ist das Böse zu Hause. Sie hat viele Länder mit Krieg überzogen. Ihre Armee ist für ihre Grausamkeit bekannt. Ihre Waffen sind unbesiegbar. Die Opfer werden gefoltert. Wer nicht getötet wird, wird umgesiedelt oder versklavt. Die Frauen werden zwangsverheiratet. Jona weiß, wovon er spricht. Auch sein Volk, das Volk der Juden, hat gelitten. Das werdet ihr büßen, freut sich Jona, und ich weiß auch schon wann. In 40 Tagen. Es ist gut, dass Gott dem Unrecht ein Ende setzt.

Nun gut, denkt er, der König ist von seinem Thron gestiegen und hat seine Krone abgelegt. Er hat sich auf den staubigen Boden gesetzt und nichts mehr gegessen. Die Menschen der Stadt haben es ihm gleichgetan. Mit Tränen in den Augen und blass im Gesicht haben sie gefastet. Aber wer sagt denn, dass die Stadt das Böse bereut? Aber auch wenn, ist das Böse dadurch aus der Welt? Nein, denkt Jona, Böses kann nicht ungeschehen gemacht werden. Nur eine Strafe schafft einen gerechten Ausgleich.

Dann denkt er an seine eigene Geschichte. An das, was er zu Hause erlebt hatte, bevor er hierhergekommen ist. Eines Morgens war er früher als sonst aufgewacht. Hatte ihn eine Stimme geweckt? Ja, er hatte die Stimme Gottes gehört. Da ist er sich sicher. Und er kann nicht vergessen, was sie ihm gesagt hat.

„Steh auf, Jona, zieh dich an, du hast eine weite Reise vor dir. Geh nach Osten in die große Stadt und sage ihr: Ich habe das Unrecht gesehen, dass sie deinem Volk und vielen Völkern angetan hat. Ich lasse sie nicht länger gewähren. Sage dieser Stadt: Noch 40 Tage, dann wird sie untergehen.“

Einerseits ist war er froh. Wenn Gott die böse Stadt bestrafte, war das gerecht. Andererseits: Warum sollte er ihr das ankündigen? Was sollte das bringen? Was war, wenn die Stadt sich zu Gott bekehrte? Warum diese Frist? „Nein, in die große Stadt gehe ich nicht!“, hatte er laut gesagt. Er war aufgestanden, hatte ein paar Sachen zusammengepackt und war vor sein Haus getreten. Er hatte nach Ostern geblickt. Dort, in Richtung des Sonnenaufgangs, viele Tagesreisen entfernt, lag die Stadt. Dann hatte er sich umgedreht und war nach Westen gelaufen, in Richtung des großen Meeres, die aufgehende Sonne im Rücken. Jeder Schritt seiner Wanderung entfernte ihn weiter von der Stimme. Er hat keine Lust, die Stadt zu warnen. Warum auch? Am Ende würde sie Gott noch verschonen.

Welches Schiff im Hafen von Jafo hatte das entfernteste Reiseziel? Er hatte einen Kapitän aufgespürt, der nach Tarsis, an das alleräußerste Ende im Westen des großen Meeres fahren wollte. Er hatte ihm Fahrgeld gegeben und war an Bord gegangen. Sein Schlafplatz war unter Deck. Sehr gut, hatte er gedacht, da höre ich dann sicher auch die Stimme kein zweites Mal, hier unten, im Bauch des Schiffes.

An das, was dann passiert war, denkt Jona nun nicht gern. Das Wetter verschlechterte sich, ein Sturm kam auf, das Schiff geriet in Gefahr. Die Mannschaft flehte zu den Göttern. Was kann das bringen, dachte Jona, diese Götzen können uns doch nicht helfen. Er selbst betete nicht. Um das Unheil, das diesem Schiff drohte, abzuwenden, musste er etwas anderes tun. Er war der Stimme nicht entkommen. Das war jetzt klar. Er ging an Deck und rief dem Kapitän zu: „Wirf mich ins Meer, ich bin schuld an dieser Katastrophe.“ Die Besatzung zögerte, doch dann warfen ihn die Männer mit Schwung über die Reling. Augenblicklich legte sich der Wind. Das Schiff verlor er schnell aus den Augen. Sicher können sie sich an eine Küste retten, dachte er noch. Dann versank er ihn den Fluten. Er konnte nicht schwimmen.

Wie durch ein Wunder wurde er gerettet. Und als er am Ufer des großen Meeres saß, dachte er wieder an die Stimme. Er schaute nach Osten, wohin er hätte reisen sollen, er schaute an den Horizont nach Westen, wohin aufgebrochen war. Er hatte einen Fehler gemacht und Menschen in Gefahr gebracht. Er stand auf.

So war er am Ende doch in die große Stadt gereist und eine sehr kurze Ansprache auf dem Marktplatz gehalten: „Eure Stadt wird in 40 Tagen untergehen.“ Das musste genügen. Dann hatte er sie durch eines der Stadttore im Westen wieder verlassen. Doch die Bestrafung der Stadt wollte er noch sehen. „Was ihr Böses getan habt, werdet ihr büßen“, hatte er gerufen, als er in sicherer Entfernung war.

Nun sitzt er unter den Rizinusstrauch, der ihm ein wenig Schatten spendet, und zählt die Tage.

Als 40 Tage vergangen sind, geschieht … nichts. Die Dächer der Häuser und der Tempel der Stadt glitzern nach wie vor in der Sonne. Kein Blitz, kein Erdbeben, nichts. Jona ist irritiert.

Da hört er wieder die Stimme: „Jona, ich habe es mir anders überlegt.“

„Aber Gott, wie kannst du? Siehst du denn nicht das Unrecht? Hörst du nicht das Schreien der Opfer, der Sklaven? Brauchst du eine Brille für die Sklaverei? Brauchst du ein Hörgerät für die Kriege, die Grausamkeiten? Wo bleibt denn die Gerechtigkeit? Wo in aller Welt gibt es denn einen Richter, der dem Straftäter die Strafe erlässt, nur weil der sagt: Es tut mir leid!“

„Jona, ich habe Mitleid.“

„Aber Gott, wie kannst du ihnen gnädig sein? Gut, sie haben Buße getan, aber sie dienen doch noch immer ihren Göttern. Sie glauben doch gar nicht an dich! Ist dir das egal? Ach, ich wusste es, du bist zu großmütig mit den Ungläubigen. Deshalb wollte ich ja diese Reise nicht antreten. Nun habe ich es doch getan, aber es war umsonst. Dieser bösen Stadt wird kein Haar gekrümmt. Ich bin zornig, solange ich lebe.

„Jona, ich habe Mitleid mit den vielen Menschen, die nicht einmal wissen, was rechts und links ist, und mit den Tieren.“

Da muss Jona an seine eigene Geschichte denken. Hat er nicht auch eine Rettung erlebt? Hat er nicht auch eine zweite Chance bekommen?

War es vielleicht Gottes Plan, dass die Menschen der Stadt zur Einsicht kommen? Musste er hierhin reisen, um androhen, was möglichst nicht geschehen sollte? Sollte er den Untergang androhen, damit er nicht eintrat? War das der Sinn der 40-Tage-Frist? Sollten die Menschen die Möglichkeit haben, das Unheil noch abzuwenden?

Und: Kommt es Gott vielleicht gar nicht darauf an, dass die Menschen an ihn glauben? Weiß er, dass ihn nicht alle kennen? Ist es Gott wichtiger, dass die Menschen das Böse lassen und das Gute tun?

Und ein Drittes geht ihm durch den Kopf: Er und sein Volk haben bitter unter dieser Stadt gelitten. „Das werdet ihr büßen!“, war sein Leitwort. Aber Buße hatten sie ja getan, wollte er vielleicht mehr? Wollte er Rache? Hat Gott diese Geschichte inszeniert, damit er etwas dazulernte?

Nachdenklich steht er auf. Der Rizinus, in dessen Schatten er gesessen hat, ist inzwischen verdorrt. Er hat etwas verstanden. Gott ist barmherzig, er war es mit ihm, und nun ist er es mit der großen Stadt. Und er denkt darüber nach, ob auch er gütiger sein sollte mit den Menschen, die ihm und seinem Volk Böses getan haben. Eines Tages, so denkt Jona, werden viele Menschen auf dieser Erde zu dem Gott seines Volkes beten. Aber jetzt war der Tag noch nicht gekommen.

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