Diplomaten, Dolmetscher, Dialogpartner? Religionslehrkräfte und ihre kirchliche Bevollmächtigung. Wie ich es sehe.

Religionslehrpersonen sind an staatlichen Hochschulen und Seminaren ausgebildet und unterrichten an öffentlichen Schulen. Dennoch erhalten sie am Ende ihrer Ausbildung eine Urkunde der Kirche, die sogenannte Vokationsurkunde. Sie sind jetzt „Vozierte“, „Berufene“. In welchen Verhältnis stehen sie nun zur Kirche, die sie nicht ausgebildet, aber bevollmächtigt hat?

Eine Frage und viele Antworten
Katholische und evangelische Texte geben darauf vielfältige Antworten. Oft beschreiben sie das Verhältnis von Kirche und Religionslehrkräften mit einem Bild. Wer Religion unterrichtet, wird „Zeuge des Glaubens“, „Botschafter der Kirche in der Schule“, „Interpret christlicher Lehre“, „Kontaktperson der Kirche in der Schule“ oder „Dolmetscher kirchlicher oder christlicher Lehre“. Auch Begriffe wie „Brückenbauer“ oder „Vermittler“ finden sich.

Was mich an diesen Bildern nicht überzeugt
Ein Zeuge hat etwas gesehen, gehört oder erlebt, was andernorts geschehen ist. Er kann Auskunft geben und Fragen beantworten. Sein Zeugnis muss korrekt sein, Eigenes darf er nicht hinzufügen, mit Interpretationen soll er vorsichtig sein. Ein Dolmetscher überträgt Inhalte aus einer Rede, die die Anwesenden nicht verstehen, in eine verständliche Sprache. Auch wenn das eine kreative Herausforderung ist, schafft der Übersetzer doch kein eigenes Werk. Ein Botschafter schließlich vertritt sein eigenes Land in einem fremden Staat. Er tut das eigenverantwortlich, in Würde und mit Autorität, aber er ist weisungsgebunden und kann abberufen werden.

Bei näherem Hinsehen weisen diese Metaphern Schwächen auf und sind religionsdidaktisch problematisch. Sie verstehen Religion als Wissen oder Erkenntnis, die „in einer anderen Sphäre“ gewonnen worden sei und nun durch „Übersetzung“ oder „Vermittlung“ Lernenden zugänglich gemacht werden könne. Die Religionslehrperson würde zur Brücke zwischen zwei Welten, der der Schülerinnen und Schüler und der des Evangeliums. Ein solcher Dualismus widerspricht einer zeitgemäßen Lernkultur und passt nicht zur Anbahnung dialogischer Kompetenzen. Und geht an der Realität des Religionsunterrichts vorbei.

Die Welt des Religionsunterricht hat sich gewandelt.
Es ist wahr: Schülerinnen und Schüler begegnen der Kirche im Alltag kaum noch. Ihr Leben ist wie das der Erwachsenen weitgehend säkular. Das gilt auch für die Mehrheit der Religionslehrkräfte. Ihr Berufswunsch, Religion zu unterrichten, ist selten in einer Kirchengemeinde, öfter im erlebten Religionsunterricht entstanden. Nur wenige Kirchengemeinden halten Angebote und Beteiligungsmöglichkeiten für Menschen im mittleren Lebensabschnitt bereit, vor allem, wenn diese studiert haben. Wer (noch) keine eigenen Kinder hat, sieht in der Kirche einen „sympathischen Nachbarn“, zu dem er lose Verbindung hält.

„Botschafter“ der Kirche können und wollen Religionslehrkräfte somit nur selten sein. Wenn sie aber zudem wahrnehmen, dass die Konfession, der sie angehören, Positionen vertritt, die sie ablehnen, wird diese Beziehung kompliziert. Fachleute sprechen dann von einem Identifikationsdefizit der Religionslehrkräfte, die auch im Unterricht als Kirchenkritik zur Sprache kommen kann. Aber was ist Kirche?

„Es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei.“ Wirklich?
Ob dieser Satz Luthers je wahr war, sei dahingestellt. Nach evangelischen Verständnis ist die Kirche mehr als die Institution der Amtskirche. Diese ist auch nach eigenem Verständnis nur ein unvollkommenes Abbild der unsichtbaren „Gemeinschaft der Gläubigen“, die nicht an Gebäude, organisatorische Formen oder Rituale gebunden ist. Wenn im Religionsunterricht junge Menschen ins Nachdenken über die großen Fragen des Lebens kommen, wenn sie einen neuen Blick auf ihren Tag gewinnen und die verborgene Präsenz des Göttlichen in sehr unvollkommene, aber eigene Worte fassen, dann kann sich dadurch unsichtbar Kirche ereignen. Es kann! Ob der Geist Gottes wirklich weht, bleibt sein Geheimnis.

Religionslehrerinnen und Religionslehrer unterrichten – wie Befragungen zeigen – mehrheitlich ihr Fach mit Freude. In der Schule repräsentieren sie die eigene Religionsgemeinschaft, ohne sich mit ihr identifizieren zu müssen. Im Unterricht sind sie Expertinnen und Experten unterschiedlichster Glaubensüberzeugungen und leiten zu inhaltsbezogenen Dialogen an. Diese Aufgabe fordert bestimmte Kompetenzen, die hier nicht dargestellt werden können, aber auch Gestaltungsfreiheit, für die viele Religionspädagoginnen und -pädagogen die Rückendeckung ihrer Kirche dankbar annehmen. Die Kirche gewährt „ihren“ Lehrpersonen die „Freiheit eines Christenmenschen“ und hält zugleich eine Begleit- und Unterstützungsstruktur vor, um sie zu stärken, wann immer sie danach fragen.

Vor ihren Schülerinnen und Schülern und zunehmend auch gegenüber Kolleginnen und Kollegen stehen sie täglich für ihre Überzeugungen ein. Auch wenn sie selbst mehr religiöse Fragen als Antworten haben, wird die kirchliche Bevollmächtigung an „religiös Mündige“ ausgesprochen und ist mit einem Vertrauen in ihre Kompetenz und mit einer Anerkennung ihres Könnens verbunden. Für die Kirche sind Religionslehrerinnen und Religionslehrer Bevollmächtigte.

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