Embrace your limitations! Wer seine eigene Unvollkommenheit bejaht, ist barmherziger mit den Fehlern anderer.

„Sei barmherzig mit Dir, sei barmherzig mit anderen! Du verlierst nichts, du gewinnst.“ Das sind Sätze aus einem Aufsatz des EKD-Ratsvor­sitzenden Heinrich Bedford-Strohm (Quelle), mit denen er die Jahreslosung 2021 auslegt. Er macht uns damit auf eine wichtige Voraussetzung aufmerksam, dass wir ohne Sorge um uns selbst in Barmherzigkiet dem Nächsten zuwenden können.

Warum es wichtig ist, mit mir barmherzig zu sein.
Je unzufriedener ein Mensch mit sich selbst ist, desto größere Probleme verursacht er anderen Menschen. Ein unglücklicher Mensch kann mit Mitmenschen kein Glück teilen. Voraussetzung für ein harmonisches und respektvolles Miteinander ist die Selbstliebe. Einen achtsamen Umgang mit dem Nächsten praktiziert nur der, der mit sich selbst achtungs- und liebevoll umgeht. „Embrace your limitations“ (Frank Bodin) bedeutet mehr, als seine eigenen Unvollkommenheiten und Mängel zähneknirschend zu akzeptieren. Es bedeutet, sie wohlwollend zu umarmen, wie man es bei seinem Kind mit schlechten Schulnoten oder einem alten Freund trotz seiner Macken tut.

Wie ist es möglich, die eigenen Schwächen zu umarmen?
Viele Menschen können schneller zehn Dinge nennen, die sie an sich nicht mögen, als fünf, auf die sie stolz sind. Woran liegt das? Ein Grund ist sicher, dass Menschen dazu neigen, sich selbst mit anderen zu vergleichen. Bin ich so schön wie sie? Bin ich so cool wie er? Trage ich Kleidung, die so hip ist wie die meiner Freundinnen oder Freunde? In Wahrheit ist jeder Vergleich problematisch. Denn welcher Maßstab soll dafür gelten? Welcher Typ ich bin, welcher Stil zu mir passt, kann kein Schönheitsideal und kein Modetrend entscheiden.

Alle sind gleichwertig. Jeder ist anders.
„Alle Menschen sind gleich.“ Dieser Satz sagt uns: Menschen haben zwar unterschiedliche Hautfarben, verschiedene Religionen, sie sind weiblich, männlich oder divers, aber sie sind in ihrer Unterschiedlichkeit gleichwertig. Wenn es gelingt, dass nicht jede und jeder einer Durchschnittsnorm nacheifert und die Verschiedenheit der Menschen als Bereicherung erlebt, ist es möglich, sich an der eigenen Einzigartigkeit zu freuen. Schon Kinder beginnen zu begreifen, dass sie ein Wesen sind, das anderen ähnelt, aber von ihnen unterschieden ist. Es bleibt eine Lebensaufgabe: Auch Jugendliche und Erwachsene üben sich darin, sich selbst zu lieben, weil sie einzigartige Menschen sind.

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!
Selbstliebe ist nicht zu verwechseln mit Egoismus oder Egozentrik. Sie öffnet im Gegenteil den Blick und das Herz für die Welt. Wer sich mit seinen Licht- und Schattenseiten annehmen kann, blickt mit anderen Augen auf die Stärken und Schwächen seiner Mitmenschen. Er kann mit ihnen fühlen und sie annehmen. Wer sich selbst mag, ist barmherziger mit anderen.

Selbstbildnisse wie Frida Kahlo – ohne digitale Schönheitsoperationen.
Noch nie war es einfacher, sich öffentlich zu präsentieren. Social Media Plattformen bieten die Möglichkeit, on vielen gesehen und wahrgenommen zu werden. Im Kampf um die Aufmerksamkeit herrscht Konkurrenz. Die Versuchung ist groß, Fotos von sich selbst mit Hilfe digitaler Werkzeuge dem anonymen Schönheitsideal anzugleichen. Frida Kahlo hob auf ihren Selbstbildnissen nicht hervor, was sie schön, sondern was sie einzigartig machte. Sie umarmte ihre Unvollkommenheit. Sei barmherzig mit dir! Embrace your Limitations!

Blogbeiträge zur Jahreslosung auf www.horstheller.de
09.01.2020: „Sei barmherzig!“ Warum Empathie keine Frage des Glaubens ist.
10.02.2021: Embrace your Limitations! Wer seine eigene Unvollkommenheit bejaht, ist barmherziger mit den Fehlern anderer
14.03.2021: Im Namen der Barmherzigkeit. Hans Küng sollte die Missio Canonica zurückerhalten. Ein Appell.
wird fortgesetzt