Im Anfang war das Quadrat. Warum wir die Zwei-Quellen-Theorie nicht mehr unterrichten sollten

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Horst Heller (CC BY-SA 4.0)
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Viele Male habe ich es an die Tafel gezeichnet. Die vier Ecken habe ich mit den Buchstaben Mk, Q, Mt und Lk gekennzeichnet und sie dann mit Bedacht mit Strichen verbunden. Rechts und links davon notierte ich zusätzlich die Buchstaben SMt und SLk und verband sie durch diagonale Linien mit den beiden unteren Ecken des Quadrats. Dann sagte ich: „So könnten die Evangelien entstanden sein.“

Immer wenn das schöne Quadrat an der Wandtafel einer siebten Klasse oder einer elften Jahrgangsstufe entstanden war, fragte ich mich? War das jetzt wichtig? Seit einiger Zeit frage ich mich zudem: War das überhaupt richtig?

Ein Kollege sagte mir kürzlich: „Ich glaube nicht an Q!“ Ich mag auch nicht an Q glauben, aber schon in meiner Studienzeit galt, dass es Q gegeben haben muss. Ein Berufsleben lang war die Zwei-Quellen-Theorie die einzige mir bekannte Theorie der Entstehung der biblischen Evangelien. In Religionsbüchern wurde und wird sie ohne Alternativen vorgestellt. Im Unterricht hat sie zudem den Vorteil, dass sie sich in einem einfachen Tafelbild darstellen lässt. Immer öfter höre ich, dass sie Fachleute nicht mehr überzeugt.

Auch etwas anders aber beschäftigt mich in diesem Zusammenhang: Wenn ich die Schülerinnen und Schüler – etwa in einem Leistungsnachweis – aufforderte, die Entstehungsgeschichte der synoptischen Evangelien mit eigenen Worten wiederzugeben, dann klang das oft so: „Matthäus hat bei Markus abgeschrieben, Lukas hat auch bei Markus abgeschrieben und beide haben bei der Quelle Q abgeschrieben. Dann hatte jeder von beiden auch noch ein Sondergut. Daraus haben sie dann ihr Evangelium gemacht.“

So war es nicht gemeint! Ich wollte meine Schülerinnen und Schüler dafür sensibilisieren, dass in der Bibel verschiedene Überlieferungstraditionen zusammenkommen und dass es sich deshalb lohnt, den Akzentuierungen der Evangelien nachzuspüren. Für meine Schüler beantwortete die Zwei-Quellen-Theorie aber eine andere Frage. Sie wollten wissen, wie verlässlich die biblischen Überlieferungen sind. Das Quadrat und meine Erklärung bestätigten ihre Skepsis: Die Evangelisten hatten keine eigenen Kenntnisse von Jesus und bedienten sich deshalb bei fremdem Traditionsgut. Sie „schrieben ab“.

Manchmal fragten mich meine Schülerinnen und Schüler: „Und woher hatte Markus seine Informationen?“ Ich antwortete dann in der Regel: „Der hatte ja die mündliche Überlieferung.“ Noch bevor dieser Satz zu Ende gesprochen war, sah ich in den Gesichtern meiner Schülerinnen und Schüler, dass das ihre Zweifel nochmals verstärkte: Mündliche Überlieferung war in ihren Augen „subjektiv“ und unzuverlässig. Und in den erwähnten Leistungsnachweisen fand sich dann auch der Niederschlag dieses Missverständnisses: „Jeder hat die Geschichten so dargestellt, wie er es für richtig hielt. Dabei haben sie manches weggelassen, anderes hinzugefügt und vieles verändert.“

Vielleicht wird die Zwei-Quellen-Theorie bald aus unseren Religionsbüchern verschwunden sein, weil es schlüssigere Erklärungen für die Entstehung der synoptischen Evangelien gibt. Aber eines weiß ich jetzt schon: Das Quadrat und meine Erklärungen antworten nicht auf die Fragen der Lernenden.

Die Jesusüberlieferung endet nicht mit der Abfassung der Evangelien. Die Erzähltradition der Jesusgeschichten, die lange vor der Abfassung der Evangelien begann, setzt sich bis zum heutigen Tag fort. Auch mein Unterricht ist ein Teil dieser Überlieferungsgeschichte.

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