Die Verantwortung auf müden Schultern. Von einem, der versuchte, eine schwere Last loszuwerden, indem er sie anderen auflud. Ein Gleichnis

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Die Statue des mythologischen Riesen Atlas – gesehen in der Domus Aurea, dem Palast Neros in Rom

Der Riese Atlas war einst von Zeus, dem obersten der Götter, bestraft worden, weil er ihn im Kampf gegen seine Widersacher nicht unterstützt hatte. Er legte fest, dass Atlas von nun an für alle Zeit das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern zu tragen habe. Das tat der Titan schon viele Jahre. Aber die Last war ihm schwer geworden und sein Rücken schmerzte. Er war erschöpft und dachte ans Aufhören. Aber das war unmöglich. Ohne seine starken Arme würde der Himmel auf die Erde fallen.

Da begab es sich, dass Atlas Besuch von Herakles bekam. Der König von Mykene hatte dem Helden befohlen, für ihn einen Apfel aus reinem Gold aus einem geheimnisvollen Garten zu stehlen. Doch der Baum, auch dem die kostbaren Früchte wuchsen, wurde von den drei Töchtern des Atlas bewacht. Sie waren Kriegerinnen, die selbst Herakles unmöglich besiegen konnte. So reiste er zu ihrem Vater und bat ihn um Hilfe: „Ich muss dem König von Mykene einen der goldenen Äpfel bringen. Aber ohne deine Hilfe schaffe ich das nicht. Bitte rede du mit deinen Töchtern.“

Der müde Riese sah Herakles an und spürte, dass die Gelegenheit gekommen war, der Strafe des Zeus endgültig zu entkommen. „Gerne tue ich das für dich“, antwortete er. „Ich rede mit den Mädchen. Nimm mir nur solange das Himmelsgewölbe ab. Dann kann ich mich auch einen Moment ausruhen.“ Herakles war einverstanden. Für eine kurze Zeit war er bereit, die Last der Verantwortung zu tragen. Er nahm die Kugel auf seine Schultern, Atlas hingegen lief zu seinen Töchtern.

Als er zurückkam, hielt er die goldene Frucht in der Hand und sprach zu Herakles: „Ich werde den Apfel selbst nach Mykene bringen, du aber trage nur weiter den Himmel auf deiner Schulter.“

Da merkte Herakles, dass er hereingelegt worden war. Einen Moment dachte er nach, dann antwortete er: „So war es nicht vereinbart. Aber weil ich nun keine Wahl habe, muss ich wohl nachgeben. So hilf mir wenigstens, dass die Kugel mich weniger schmerzt. Sieh, hier liegt ein Kissen, das will ich mir auf meine Schulter legen.“ Atlas wähnte sich am Ziel, legte den Apfel vor sich auf den Boden und nahm Herakles noch einmal die Himmelskugel ab. Herakles beugte sich nieder, griff aber nicht nach dem Kissen, sondern nach dem goldenen Apfel, und ging schnell davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

Atlas merkte, dass sein Plan gescheitert war. Es war ihm nicht gelungen, sich zu entlasten, indem er anderen das auflud, was ihm zu schwer geworden war. Von nun an schmerzte sein Rücken mehr als zuvor.

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