Als aus dem uralten Tempel in Syrakus eine christliche Kirche werden sollte

Das Portal des Doms von Syrakus, erbaut 1728-54

Die Geschichte der Stadt Syrakus reicht mehr als 2700 Jahre zurück. Griechische Auswanderer eroberten die Insel Ortigia unmittelbar vor der Ostküste Siziliens. Bestimmt gab es dort schon Bewohner, über die wir aber wenig wissen. Die Neuankömmlinge gründeten eine Kolonie und bauten später der Göttin Athene einen großen Tempel. Weil es auf der Insel eine ergiebige Frischwasserquelle gab (und bis heute gibt), war sie praktisch uneinnehmbar.

In byzantinischer Zeit aber kam das Christentum nach Sizilien. Eine Kirche wurde gebraucht. War es möglich, den Athene-Tempel in eine christliche Kirche zu verwandeln? Das schien unmöglich. Denn das griechische Heiligtum war von meterdicken dorische Säulen umgeben und hatte innen eine gemauerte Cella. Eine Kathedrale hingegen benötigte genau das Gegenteil: außen eine gemauerte Einfassung, im Inneren aber Rundbögen, die das Mittelschiff von den Seitenschiffen trennte. Außerdem wurde der alte Tempel von der Ostseite betreten, der Eingang einer christlichen Basilika aber musste auf der Westseite liegen. Das Gebäude hätte also um 180 Grad gedreht werden müssen. Konnte angesichts dieser Herausforderungen aus dem Tempel eine Kirche werden? Es gelang. Doch der Reihe nach.

Vierzig gewaltige Säulen mit dorischen Kapitellen, im unteren Bereich zwei Meter dick und über acht Meter hoch, wurden im 6. vorchristlichen Jahrhundert angefertigt und aufgerichtet. Sie bildeten das künstlerische und statische Rückgrat des antiken Tempels und haben die vielen Erdbeben überstanden, die Sizilien im Laufe der Jahrhunderte heimgesucht haben.

Zunächst verlegte man den Eingang auf die gegenüber liegende Westseite. Die riesigen Säulen ließ mal stehen, mauerte aber die Zwischenräume zu, nicht ohne auf der Südseite einen Seiteneingang vorzusehen. Die Wände der Cella hingegen wurden aufgeschnitten. So entstanden Rundbögen, die durch Tonnengewölbe mit den Säulen der Außenwand verbunden wurden. Aus dem griechischen Tempel war eine Kirche mit einem dreischiffigem Innenraum geworden.

In normannischer Zeit wurde das Mittelschiff erhöht. Auf die Wände der ehemaligen Cella setzte man einen Aufbau mit Fenstern. So konnte mehr Licht in das Innere fallen. Rings um den erhöhten Teil des Gebäudes verlief nun ein Wehrgang, der für die normannische Kirchenbauarchitektur in Sizilien typisch ist. An der Ostseite wurden drei Apsiden mit Mosaiken eingebaut, von denen leider zwei durch spätere Erbeben zerstört wurden.

Südseite des Doms. Erkennbar sind die griechischen Säulen, die in die Mauer integriert sind, und der Wehrgang aus normannischer Zeit.

Ein weiteres Erdbeben im 16. Jahrhundert gefährdete die Statik des gesamten Gebäudes schwerwiegend. Die Kirche wurde daraufhin an der Nordseite um eine weitere tragende Mauer erweitert, die einen Teil der Last von den uralten Tempelsäulen nahm. Die gemauerten Wände wurden aufgebrochen. So war es wieder möglich, zwischen den Säulen hindurchzulaufen. Es entstanden Seitenkapellen.

Im 18. Jahrhundert wurde – wieder durch eine seismische Katastrophe – die normannische Fassade auf der Westseite des Doms zerstört. Man entschloss sich, der uralten Kirche ein neues Portal zu geben. Dem Architekten Andrea Palma aus Palermo gelang es, die barocke Pracht seines Entwurfs mit den Bestandselementen aus Antike und Mittelalter harmonisch zu verschmelzen. Er gab dem Dom ein modernes Gesicht, ohne den in Jahrhunderten gewachsenen Baubestand anzurühren.

Entstanden ist eine Domfassade, die das Gebäudeensemble der Piazza ergänzt und optisch krönt, ohne die benachbarten Palazzi in den Schatten zu stellen.

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