The King’s Speech – Beethovens Allegretto und die Sprechhemmung des Königs

Am Ende von Tom Hoopers Oscar-prämiertem Film aus dem Jahre 2010, in der Colin Firth den britischen König George VI. spielt, erklingt der 2. Satz (Allegretto) aus Beethovens 7. Sinfonie.

Hier erklingt das Allegretto aus Beethovens Siebter

Die Szene: Der König leidet an einer Störung des Redeflusses. Er stottert. Seine Therapie macht nur langsam Fortschritte. Doch als Großbritannien zwei Tage, nachdem Polen überfallen worden ist, dem Deutschen Reich den Krieg erklären muss, hält der Monarch die wichtigste Rundfunkansprache seines Lebens. Sein Sprechlehrer Logue hat mit ihm die Rede vorbereitet und begleitet ihn ins Studio.

Sie betreten den Senderaum. Als das rote Licht leuchtet, muss er beginnen. Doch der König schweigt. Die ersten Akkorde erklingen und verstummen wieder. Der König schweigt noch immer. Anzeichen von Resignation sind zu sehen.

Augenblicke später füllt eine sanfte Allegretto-Bewegung den Raum. Die Musik bleibt ruhig, doch sie nimmt langsam Fahrt auf. Da beginnt auch der König zu sprechen. Zunächst stockend, dann flüssiger. Während Logue ihn lautlos durch die schwierigen Stellen seines Manuskripts führt, entfaltet sich die melancholische Musik Beethovens, die an Intensität zunimmt und dann wieder nachlässt, genau wie der Duktus der Rede.

Dann erlischt das rote Licht im Studio. Die Ansprache ist geschafft. Auch die Musik ist zu Ende. Der König hat sein Volk erreicht und zugleich seinen Redestil gefunden. Wie die Pausen zur Musik gehören, gehören von nun an auch Unterbrechungen zu seinem Vortragstil. Musik und Ansprache sind eindringlich und einprägsam, ohne laut oder aggressiv zu werden.
Es brandet Beifall auf. Für wen? In erster Linie für den König, ein wenig vielleicht auch für Logue. Und nur für mich auch ein bisschen für Beethoven.

Meine Lieblingsstelle der 7. Sinfonie ist nicht dieses Allegretto (obwohl es auch für mich wunderbar klingt). Ich höre am liebsten den Beginn des 1. Satzes. Langsame Akkorde ziehen den Hörer in den Bann. Dann werden leise Tonleitern eingeflochten, deren erster Ton jeweils zweimal erklingt. Immer neue Instrumentengruppen übernehmen die musikalische Idee, bis sie vorübergehend zum bestimmenden Motiv wird.

Ein Konzert des Royal Concertgebouw Orchestra und der Leitung von Ivan Fischer

Quoting Beethoven – Was der Komponist selbst schreibt
Die Probe zur Aufführung seiner 7. und 8. Sinfonie in Wien war unerfreulich verlaufen. Viele der Musiker hatten enttäuschend gespielt, fand der Komponist. Besonders schlimm aber war für ihn die Performance des Cellisten Nikolaus Kraft.

Um das Konzert zu retten, benötigte Beethoven Hilfe. Sein Freund Nikokaus von Zmeskall war Jurist, Cellist und komponierte in seiner Freizeit. Er arbeitete in der ungarischen Hofkanzlei in Wien und hatte Einfluss. Beethoven hoffte, ihn an seinem Arbeitsplatz sprechen zu können, traf ihn jedoch nicht an. So schrieb er ihm am 22. April 1813 eine kurze Nachricht und bat um ein Gespräch:

Ich war schon bei ihnen, lieber Zmeskall, obschon ihr Bedienter sagte, dass Sie gar nicht in die Kanzlei gingen, so halte ich dieses für einen Irrtum. Wissen sie schon etwas, könnte ich sie sprechen? Wär’s mir lieb, besonders wegen gestern, und der besonders schlecht mitspielenden [Musiker], wobei Hr. Kraft Sohn obenan steht. Ganz Ihr Beethowen (Quelle)

Beethoven 7 mal anders

Allegretto, bearbeitet für vier Gitarren von Nathan Aldhizer, vorgetragen vom Richmond Guitar Quartet: schön!
Roll over Beethoven, eine Kombination des Allegretto aus Beethoven 7. Sinfonie mit dem Rock’n Roll-Klassiker von Chuck Berry aus dem Jahre 1951, arrangiert von Marv Conan (2017). Es singt der Peace of Heart Choir unter der Leitung von Robert René Galván, aufgeführt 2018 im Bank Street College Auditorium, New York City: Geschmacksache!

Literatur
Eleonore Büning, Sprechen wir über Beethoven. Ein Musikverführer, Salzburg und München 2018
Michael Ladenburger, Beethoven zum Vergnügen. Ditzingen 2020

Mein Beethovenjahr auf www.horstheller.de

01.03.2020: The King’s Speech und die Sprechhemmungen des Königs: Beethovens Siebte -Mein Beethovenjahr (1/9)

29.03.2020: Die Sinfonie, die mit einem Dominantseptakkord beginnt. Beethovens Erste – eine charmante Provokateurin – Mein Beethovenjahr 2/9

24.05.2020: Tonmalerei galt als Todsünde des Komponierens. Beethoven war das egal. Für Götter galten solche Regeln nicht. Beethovens Sechste, die Pastorale – Mein Beethovenjahr 3/9

28.06.2020: Die Gute-Laune-Sinfonie zwischen den Titanen: Beethovens Achte – Mein Beethovenjahr 4/9

23.08.2020: Die „Sinfonia grande“, auf deren Deckblatt jemand heftig radiert haben muss: Beethovens Eroica – Mein Beethovenjahr 5/9

04.10.2020: Freude schöner Götterfunken: Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenze genau bei Takt 697 der Ode an die Freude. Beethovens Neunte – Mein Beethovenjahr 6/9

18.10.2020: „Der angestochene Lindwurm, der nicht ersterben wollte.“ Die Sinfonie, die das Publikum erschreckte, gilt heute als graue Maus – zu Unrecht: Beethoven Zweite – Mein Beethovenjahr 7/9

15.11.2020: War Beethovens Metronom in Reparatur? Das Rätsel um das teuflische Tempo im Schlusssatz von Beethovens Vierter – Mein Beethovenjahr 8/9

20.12.2020: Da – da – da – daaaa! Das vielleicht bekannteste Motiv der Musikgeschichte erklang wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1808 zum ersten Mal: Beethovens Fünfte – Mein Beethovenjahr 9/9