Reifeprüfung in der Cafeteria. Nachdenken über eine andere Abiturprüfung. Ein Gedankenexperiment und ein Plädoyer

Der gesamte Jahrgang hat sich in der Aula der Schule versammelt. Eine Kontrolle der Taschen am Eingang gab es nicht. Niemand musste sein Smartphone abgeben. Auch setzen sich die Schülerinnen und Schüler nicht auf ausgeloste Einzelplätze. Sie nehmen Platz an vorbereiteten Gruppentischen. Alle Blicke richten sich nach vorne. Auf dem großen Whiteboard und auf den Displays der Gruppentische werden gleich die Aufgaben sichtbar werden.

Die Schulleiterin begrüßt die Prüflinge und wünscht eine gelingende Zusammenarbeit. Dann ertönt der Gong, ein QR-Code wird sichtbar. Alle greifen zu ihren Tablets und richten sie auf die Displays vor ihnen oder auf den großen Screen an der Stirnwand der Aula. Zunächst herrscht konzentrierte Stille, die Probanden schauen angestrengt auf ihre Tablets, lesen die Fragen und öffnen die Links. Erste Ideen werden halblaut gemurmelt. Noch einmal ergreift die Schulleiterin das Wort, erinnert an die Zeit der Abgabe und gibt das Zeichen zum Aufbruch. Nun stehen alle auf und laufen eilig in die Räume, die ihnen zur Verfügung stehen: die Cafeteria der Schule, die Bibliothek, die Fachräume. Unterwegs werden bereits die ersten Lösungsideen ausgetauscht Auf den Tablets zeigt eine digitale Sanduhr die verbleibende Zeit an. Sie sind überall in das WLan der Schule eingeloggt.

In den Gruppenräumen stehen Kaffee und Wasser bereit. Dort beginnt die Gruppenarbeit. Die gestellten Aufgaben können die Mitglieder der kleinen Teams nicht alleine lösen. Jede und jeder Angehörige der Kleingruppe muss sich nun einbringen. Doch das haben die Schülerinnen und Schüler im Laufe ihrer Schulzeit eingeübt. Sie kennen einander und wissen um ihre Stärken und Schwächen. Um Unterricht haben sie täglich Arbeitsteilung und Kooperation geübt. Mehrfach haben sie so ihre gemeinsame Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Ob ihnen auch heute eine Lösung gelingt? Sie werden alles geben. Denn heute ist Abitur.

Abiturprüfung in der Cafeteria – eine absurde Vorstellung? Vielleicht. Und doch gehört das gegenwärtige Format der Abiturprüfung, das die Nutzung von frei zugänglichen digitalen Ressourcen verbietet und jede Kooperation unterbindet, auf den Prüfstand. Es stammt nämlich aus einer Zeit, die unter Bildung etwas anderes verstand als wir heute.

Von Geisler Martin – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42343525

Die Reifeprüfung des Trierer Abiturienten Karl Marx liegt fast 190 Jahre zurück und erinnert doch an die Abiturprüfungen der Gegenwart. Er hatte 1834 mehrere unter Aufsicht geschriebene Arbeiten abzuliefern. Je fünf Stunden hatte er Zeit für einen deutschen und einen lateinischen Aufsatz, für eine mathematische Arbeit und für das Fach Religion. Etwas weniger aufwändig war die schriftliche Prüfung in den Fächern Französisch und Griechisch. Das Mündliche fand einen Monat später an drei aufeinanderfolgenden Tagen statt: Noch einmal Lateinisch und Griechisch, Französisch, Mathematik und Religion, außerdem Naturwissenschaften und Geschichte.

Seither hat sich mancherlei geändert. Seit genau 150 Jahren dürfen auch Mädchen das Abitur ablegen. Der Fächerkanon, der die Vorrangstellung der alten Sprachen widerspiegelte, hat sich geändert und die Anzahl der Prüfungen wurde reduziert. Seit der Reform der gymnasialen Oberstufe in den frühen 1970er Jahren schlägt sich die Einführung von Wahl-, Leistungs- und Neigungsfächer in der Abiturprüfung nieder. Doch sind das mehr als kosmetische Veränderungen? Nach wie vor dürfen Abiturienten einander nicht helfen. Das Verbot jeglicher Kooperation steht im 21. Jahrhundert wie ein Fels in der Brandung und hat die Schulreformen des 19. und 20. Jahrhunderts überdauert.

Doch nun ist es Zeit, das zu überdenken. Das Wissen der Welt verdoppelt sich in nur wenigen Jahren. Eine Einzelperson kann mit dieser Geschwindigkeit nicht mehr Schritt halten. Um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, reicht individuelles Wissen auch nicht mehr aus. Überall, auch in den Schulen, sind „multiprofessionelle Teams“ gefragt. Innovative Lösungen für die Herausforderungen der Gegenwart bedürfen der intensiven Kooperation zwischen Menschen unterschiedlicher Fachrichtungen und Qualifikationen. Jede und jeder übernimmt einen Teil der Aufgabe und leistet ihren und seinen Beitrag. Die unterschiedlichen Anteile können eingebracht, von der Gruppe bewertet und zusammengeführt werden, wenn die Zusammenarbeit in heterogenen Teams zuvor eingeübt worden ist. Kooperationsfähigkeit wird in der Arbeit und im gesellschaftlichen Leben immer wichtiger und zur Kernkompetenz für die Zukunft.

Wenn das schriftliche Abitur dies antizipieren würde, müssten den Probanden in der Prüfung Gelegenheit gegeben werden, ihre Fähigkeit zu kritischem und innovativem Denken, ihre kreative Problemlösungskompetenz, ihre Selbstorganisations-, Kommunikations– und Kooperationsfähigkeit nachzuweisen. Ein fundiertes Sachwissen ist dazu zweifellos erforderlich, doch es macht keinen Sinn, vor allem nach Fakten zu fragen, die frei zugänglich sind und mit einem Klick nachgeschlagen werden können.

Diesbezüglich vollzieht die Unterrichtskultur gerade einen Wandel. Kooperative Lernformen sind in der Schule angekommen. Nun ist es Zeit, auch die Abschlussprüfungen in den Blick zu nehmen. In einer Reifeprüfung muss es künftig nicht nur erlaubt, sondern auch geboten sein, die in der Schule erworbene Fähigkeit zu Kooperation und Kommunikation zu zeigen und einzusetzen. Eine Abiturprüfung wie eingangs beschrieben wird vielleicht immer unrealistisch bleiben. Aber Visionen zeigen die Richtung an. Denkverbote für Reformen gibt es nicht. Sie passen auch nicht zur Schule.

https://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/zukunft-bildung/238795/abitur-im-wandel
https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/die-geschichte-des-abiturs-von-noeten-noten-und-dem-nutzen/1831655

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