Was glaubst du? Drei Theologen suchen nach neuen Worten. Ein Credo-Trialog

Horst Heller, Dietrich Lauter, Gerhard Vidal
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Der Ausgangspunkt war ein Unbehagen. Das apostolische Glaubensbekenntnis, das in der pfälzischen evangelischen Liturgie in Sakramentsgottesdiensten gesprochen wird – in anderen Landeskirchen sogar noch öfter – enthält Unverständliches und Fragwürdiges. Zentrale Jesusüberlieferung hingegen wird ausgelassen. In einem Trialog suchten drei Pfarrer nach Formulierungen, die den christlichen Glauben angemessen zusammenfassen und sich dazu einer verständlichen theologischen Sprache bedienen. Konnte das überhaupt gelingen? Sie haben es jedenfalls versucht und wünschen sich, dass ihr Impuls Kreise zieht. Denn eine Sprache des Glaubens – davon waren alle drei überzeugt – braucht neue Worte.

Dr. Gerhard Vidal, Dietrich Lauter und Horst Heller waren sich einst in Neuhofen (Pfalz) begegnet. Für Gerhard Vidal war und ist es der Wohnort, für Dietrich Lauter die erste Dienststelle als Pfarrer, für Horst Heller der Ort seiner Ausbildung im Gemeindepraktikum seines Vikariats.


Horst Heller: Die Glaubensbekenntnisse der Antike reichen nicht mehr aus

Die christlichen Glaubensbekenntnisse der Antike sind schweigsam in der Gottesfrage. Sie sagen nichts zur Verborgenheit Gottes, zu seiner Unverfügbarkeit, zu seiner Zugewandtheit zur Schöpfung. Dafür wissen sie angeblich alles über Verhältnis von Jesus Christus zum Vatergott. Sie sprechen von der Geburt Jesu, um danach sofort zu seiner Passion zu kommen. Jesu Leben, seine Taten und seine Predigten vom Reich Gottes lassen sie aus. Berufenere als ich haben das schon vor mir kritisiert. Die Glaubensbekenntnisse der alten Kirche äußern sich schließlich auch nicht zum Menschen (außer dass er der Sündenvergebung bedarf), reden weder von seiner Würde noch von seiner Verantwortung für die Welt. Sie schweigen über die Ethik eines christlichen Lebens. Das Wort Nächstenliebe kommt nicht vor. Auch die Bedeutung der Bibel für den christlichen Glauben findet keine Erwähnung.

Weitere Gründe, warum das Apostolische Glaubensbekenntnis als Fundament christlichen Glaubens unvollkommen ist, habe ich auf meinem Blog ausgeführt. In einem zweiten Beitrag habe ich zudem erläutert, dass der christliche Glaube in Kontinuität und Diskontinuität zu den kirchlichen Bekenntnissen stehen muss, wenn er authentisch sein will. Gibt es Worte des Glaubens in einer neuen theologischen Sprache? Sie will und kann die Texte der ökumenischen Konzilien nicht ändern, geht aber über deren Beschlüsse hinaus.

Nach meiner Vorstellung bildet sich eine neue Sprache des Glaubens nicht bei Symposien, während Akademietagungen und in Oberseminaren heraus, sondern entsteht im Netzwerk der großen christlichen Community. Es ist ein Prozess erforderlich, an dessen Ende eine Verständigung darüber steht, was das Christliche ist. Worte des Glaubens sollen innerhalb und außerhalb der kirchlich Sozialisierten verständlich sein. Anders als die altkirchlichen Bekenntnisse wird damit aber kein Schlusspunkt einer langen Diskussion gesetzt, sondern diese soll befruchtet und erweitert werden. Deswegen sucht dieser Trialog das Feedback all derer, die wie wir ins Nachdenken gekommen sind. Aus: Was glaubst du? könnte werden: Was glauben wir?

Horst Heller: Mein Credo-Impuls

Mein Anspruch für diesen Aufschlag war hoch. Der Credo-Impuls sollte
– für meinen eigenen Glauben essenziell und existentiell sein
– auf theologische Insidersprache verzichten
– durch das Zentrum der biblischen Botschaft inspiriert sein
– an Bekenntnisse der Kirche (in Kontinuität und Abgrenzung) anknüpfen und
– mit 4000 Zeichen auskommen.

1. „Ich glaube an Gott …“ Das heißt: Ich rechne mit dem Göttlichen in meinem Leben
Ich weiß nichts von Gott. Und doch erscheint es mir vernünftig, auf ihn zu hoffen. Wenn ich vom Göttlichen spreche, dann deshalb, weil ich glaube, dass die Transzendenz Gottes Licht oder Schatten auf mein Leben wirft. Also mache ich mich auf die Spuren nach seiner verborgenen Gegenwart in meiner Welt. Ob ich ihn finde? Angst macht mir Gott nicht. Im Gegenteil.

2. „… und an Jesus Christus.“ / „Solus Christus“: Ich glaube wie Jesus und an Jesus.
Der Mann aus Nazareth starb, aber er lebt – wie Gott – verborgen vor unseren Augen. Seine Worte und Taten, wie ich sie dem Neuen Testament entnehme, sind für mich zentral, denn wenn ich etwas über Gott wissen will, frage ich nach Jesus Christus. Ich lese die Ehrentitel, die die Bibel Jesus gab, nutze aber lieber eigene Bilder. Ich spreche von Jesus als einem unsichtbaren König im Gotteshimmel. Seine Herrschaft lässt dem Menschen viel Freiheit.

3. „Sola Scriptura.“ Die Bibel ist Satzung, Handbuch und Grundgesetz
Bin ich im Zweifel über das Christliche, suche ich die Antwort in der Bibel. Es lohnt sich deshalb, die Bibel gut zu kennen. Sie spricht eine verständliche Sprache. In ihr finden sich Variationen des Glaubens und dessen schriftgewordene Wirkungsgeschichte, vielfach in erzählender Form. Das reformatorische Prinzip Sola Scriptura ermutigt mich, für meine Sprache des Glaubens auch das Format des Erzählens zu wählen. Wo habe ich Erfahrungen mit der Wirklichkeit Gottes gemacht, die ähnlich oder anders wie die sind, von denen ich in der Bibel lese? (Wer in der Nachfolge des Paulus lieber systematisch-theologische Sätze bevorzugt, dem sei das unbenommen.)

4. Den Menschen gibt es, weil Gott ihn will.
Deshalb ist die Würde des Menschen unantastbar. Dieser Satz hat für mich auch eine religiöse Bedeutung:
– Jede und jede hat das Recht, dass ihre und seine existentiellen Bedürfnisse befriedigt werden.
– Jede und jeder hat ein Recht auf Freiheit und Individualität. Niemand darf daran gehindert werden, so zu sein, wie sie oder er möchte.
– Jede und jeder hat das Recht auf gleiche Chancen und Rechte. Keine und keiner ist „gleicher als andere.“
– Jede und jeder hat ein Recht auf Respekt und ein bisschen Glück.

5. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Wir sind nicht auf dieser Erde, um uns auf das Jenseits vorzubereiten. Dieses eine Leben und diese eine Erde ist in unsere Verantwortung gelegt. Der Planet, auf dem wir leben, gehört uns nicht. Wir haben als vernunftbegabte und zu sozialem Handeln befähigte Menschen, die mit einem freien Willen ausgestattet sind, eine fünffache Aufgabe:
– Begreife das eigene Leben als Chance und übernimm die Verantwortung für dich!
– Respektiere die Andersartigkeit deiner Mitmenschen und schütze ihre Freiheit!
– Wende Zeit, Emotionen, Verstand, kreative Fantasie und Geld auf und den Schwächeren zu. Lindere die Not anderer und fördere das Wohl der Gemeinschaft!
– Teile die Güter der Erde gerecht und taste die Lebensgrundlage der nächsten Generationen nicht an.
– Praktiziere Respekt vor allem Leben, „das leben will“ wie du (A. Schweitzer).
Der christliche Maßstab ist die Liebe. Sie schließt auch dich selbst ein. Du darfst deine eigene Unvollkommenheit annehmen. Sie gehört zu dir.

6. „… zu richten die Lebenden und die Toten.“ Ich hoffe auf Gerechtigkeit.
Ich hoffe darauf, dass die, denen in diesem Leben Ungerechtigkeit widerfahren ist, einen Ausgleich erhalten. Das bedeutet auch, dass wer anderen Schmerzen zugefügt hat, selbst diesen Schmerz fühlen wird. Danach wird die Liebe Gottes alles versöhnen.

7. „Ein weis’rer Mensch auf diesem Stuhle“ (nach G. E. Lessing)
Als religiöser Mensch bin ich der Wahrheit in Bescheidenheit verpflichtet. Wie einst der weise Nathan sagte, wird in tausend Jahren – vielleicht! – die eine Wahrheit offenbar werden. Bis dahin bin ich an die Grundwerte der Liebe und des respektvollen Dialogs gewiesen.


Dietrich Lauter: Ein paar kleine Anmerkungen

Gleich am Anfang stoße ich mich daran, dass die alten Bekenntnisse schweigsam in Bezug auf die Gottesfrage sein sollen. Mir scheint, sie sagen implizit schon sehr viel, sie setzen nämlich als fraglos voraus, dass da ein Allmächtiger (dies explizit), ein Allwissender, ein Allherrscher, eine Prima Causa und ein Summum Bonum im Himmel regiert. Das hat die Geschichte unseres Glaubens geprägt und ist zum Problem vor allem in der Neuzeit geworden. Was da alles fehlt, hat Horst Heller sehr schön beschrieben.

Der Satz „Ich weiß nichts von Gott“ erscheint mir dagegen missverständlich. Geht es darum, dass Gott nicht beweisbar ist, bin ich gerne einverstanden. Aber wenn wir nichts von Gott wissen, wozu hätte Jesus dann seine Gleichnisse und nicht nur diese erzählt?

Wenn Horst Heller vom unsichtbaren König im Gotteshimmel und seiner Herrschaft schreibt, bleibt mir das sehr im hierarchischen und royalen Denkstrukturen verhaftet. Es gibt aus der frühen Christenheit sehr wohl kommunitäre und demokratische Ansätze, auf die man sich auch berufen könnte. Und dass Gott das ganze Königtum, in dessen Tradition die frühe Christenheit den Messias sieht, gar nicht so begeistert zugelassen hat, kann jede und jeder in 1 Sam 8 nachlesen.

Dietrich Lauter: Mein grundsätzlicher Zugang

Ich denke, dass wir alle drei von einem Glauben reden, der sich auf Jesus bezieht. Deshalb sollte ein Glaubensbekenntnis bei Jesus anfangen – ich kenne eines von Martin Ohly, das zwar dreigliedrig ist, jedoch in der Reihenfolge Jesus, Geist, Gott.

Ich glaube, dass Jesus war, was wir sein sollten: Helfer und Freund aller, die ihn brauchten.
Weil er liebte, musste er leiden. Weil er so weit ging, musste er sterben.
Aber er starb nicht umsonst und unterlag in Wahrheit nicht. Er wird das letzte Wort behalten
und alle, die Toten, die Lebenden und die Kommenden müssen sich messen lassen an ihm.
Ich glaube, dass mit Jesus ein neuer Geist in die Welt kam, der die verfeindeten Menschen
in neuer Weise miteinander sprechen lehrt und sich als Geschwister erkennen lässt;
der uns ermutigt, den Aufstand der Liebe gegen den Hass fortzusetzen;
der unser Urteil schärft, die Verzweiflung überwindet und auch ein verfehltes Leben wieder lohnend macht.
Ich glaube, dass ich durch Jesus erfahre, was Gott vermag.
So wie ich verdanken sich ihm alle Menschen, auch wenn sie es nicht wissen.
So wie mir gibt er der ganzen Welt Zukunft und Sinn.
Ihm sind wir verantwortlich in allem, was wir tun.
(Martin Ohly)

Ausgehend von dem, was wir über Jesus, den Mann aus Nazareth, wissen, kommen wir zu einem kritischen Blick auf das, was die frühe Christenheit aus ihm gemacht hat – auch auf Paulus, der Jesus nicht gekannt haben musste, weil er nicht Jesus, sondern den Christus verkündigte -, auf die Dogmatiker der ersten Jahrhunderte, die die christliche Rede von Gott in griechisch-philosophische Kategorien gossen, auf die römischen Kaiser, die eine Einheitsreligion als ideologischen Kitt ihrer Herrschaft brauchten, auf die Rechthaber aller Couleur, die Machtmenschen, die Herrscher von Gottes Gnaden.

Das Christentum ist in der Zeit einer von der Macht Roms erzwungenen ersten multikulturellen Gesellschaft entstanden – ganz ohne staatliche Macht, ohne zentrale Lehrinstanz, sicherlich zerstritten, aber vielfältig und von unten aufgebaut. Deshalb bietet es so viel Ansatzpunkte für Christen, die antworten suchen auf die Grundfragen des Lebens heute: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wozu bin ich da? Wo gehe ich hin? Was soll ich tun? Der Dialog, den Horst Heller angestoßen hat, sollte zu einer Vergewisserung des Individuums in einer Gemeinschaft der Fragenden und Suchenden, die sich auf Jesus beziehen, führen.


Gerhard Vidal: Auch ein paar kleine Anmerkungen

Dass die antiken Glaubensbekenntnisse schweigsam zur Gottesfrage seien, kann ich wie Dietrich Lauter gleichfalls nicht nachvollziehen. Gott, der Allmächtige, so kommt es gleich zweimal vor! Damit ist jede Differenzierung niedergewalzt und zum Schweigen gebracht. Andererseits werden damit die drängendsten Fragen provoziert: „Wieso lässt der Allmächtige Krieg, Hunger, Krankheit, Unfälle, Naturkatastrophen zu. Ist das nicht zynisch?“

Andere Formulierungen wie Vater könnten den Gedanken der Geschwisterlichkeit der Menschheit nahelegen. Sie tun es aber in der Formelhaftigkeit des Glaubensbekenntnisses nicht. Genauso geht es mit dem Begriff Schöpfer. Hier könnte der Gedanke der Dankbarkeit für die Schöpfung und der Verantwortlichkeit für sie anknüpfen. Aber auch hier provoziert das Bekenntnis in seiner Formelhaftigkeit eher aufmüpfige Fragen wie: „Noch nichts von Evolution gehört?“

Dass die alten Glaubensbekenntnisse bei den Aussagen über Jesus ein großes „Loch“ aufzeigen, hat u. a. Hubertus Halbfas deutlich aufgezeigt. Dass unsere Glaubensbekenntnisse bei Jesus anfangen sollten, da stimme ich mit Dietrich Lauter überein. Das von ihm zitierte Glaubensbekenntnis von Martin Ohly ist auch für mich eines der besten, die in der letzten Zeit formuliert wurden.

Die Auferstehung mit den Worten zu übersetzen, dass „Er lebt … verborgen vor unseren Augen“ ist mir zu vage. Da gefällt mir Dorothee Sölle besser, wenn sie sagt, dass er in unser Leben auferstehen muss. Albert Schweitzer sieht das ähnlich: Dass Christus in seiner Geistigkeit in uns aufersteht und zum Leben kommt, ist das Entscheidende.

Dietrich Bonhoeffer hat festgehalten, „dass das Entscheidende am Christentum nicht der Jenseitsglaube ist, sondern die bedingungslose Verantwortung für diese Welt.“ Ähnlich kann man es auch bei Albert Schweitzer lesen. Und auch Hubertus Halbfas trifft es: „Die synoptischen Traditionen vom ‚Weltgericht‘ … sind Mahnungen zur Eigenverantwortlichkeit des Menschen …“ Da sollte man auf Leo Tolstoi hören: Die wichtigste Zeit ist der Augenblick. Der wichtigste Mensch ist der, der dir konkret begegnet. Die wichtigste Tat ist die Liebe.


Horst Heller: Eine erste Antwort

Zunächst macht es mir keine Schwierigkeiten, einige Anmerkungen aufzunehmend, meinen Entwurf zu korrigieren. Die Glaubensbekenntnisse sind schweigsam in der Gottesfrage: Ich lese dort von einem Allmächtigen, der alles geschaffen hat. Die altkirchlichen Symbole enthalten eine Menge angebliches Wissen. Dagegen richtet sich mein Satz Ich weiß nichts von Gott. Aber in welcher Weise wendet sich Gott den Menschen zu? Ist er barmherzig? Darüber lese ich nichts im Apostolikum. Insofern vermisse ich für meinen Glauben Wichtiges. Das, was ich da lese, ist hingegen problematisch.

In drei Fragen sollten wir unseren Diskurs fortsetzen:

1. Wo bleibt die Christologie?

Welche Worte verwenden wir, um zu sagen, dass Jesus für unseren Glauben mehr ist als der historische Jesus von Nazareth? Wenn er erst „in unser Leben auferstehen muss“ ist das – abgesehen von der kaum noch zu verstehenden Metaphorik – doch eine Korrektur des biblischen Osterglaubens. Das, was die christliche Gemeinde einst ins Leben gerufen hat, muss nun erst noch geschehen.

Der Ehrentitel König, den ich gewählt habe, ist in der Arbeit mit Kindern entstanden. Die klassischen Hoheitstitel Jesu sind anders als der Königstitel erklärungsbedürftiger oder sogar unverständlich. Das Wort Auferstehung klingt in den Ohren von Kindern wie die Wiederbelebung eines Toten. Wir brauchen aber eine christologische Sprache, deren Worte nicht erst erklärt werden müssen. Oder wollen wir es bei einer Verehrung des historischen Jesus belassen? Ich möchte das nicht. Es fällt aber auf, dass in dem von Dietrich Lauter zitierten Glaubensbekenntnis von Martin Ohly das Wort Christus nicht vorkommt.


Gerhard Vidal: Mit eigenen Geschichten über Jesus reden

Die geläufigsten Hoheitstitel Jesu sind in besonderem Maße abhängig von der zeitlichen und soziokulturellen Umgebung, in der sie entstanden sind. Konnten die Juden der Antike mit dem Begriff des Messias bestimmte Inhalte verbinden, so war für die hellenistische Umwelt Sohn Gottes ein geläufiger und durch viele Beispiele gefüllter Begriff. Beide Möglichkeiten sind für uns nicht mehr nachvollziehbar. Wenn überhaupt jemand in diesen Hoheitstiteln mehr sieht als bloße Formeln, so wird er von dem wirklichen Jesus eher weggeführt. Der Titel des Messias verweist auf ein zukünftiges, nicht gegenwärtiges Ereignis. Sohn Gottes ruft biologische Vorstellungen wach, über denen der konkrete Jesus verloren geht.

So stehen wir zunächst mit leeren Händen da. Auch der Versuch, die Bedeutung Jesu durch Ausdrücke der Modesprache wie Jesus Christ Superstar zu bezeichnen, führt nicht weiter.

Mein Vorschlag ist – ähnlich wie es Martin Ohly in seinem Glaubensbekenntnis tut – auf Hoheitstitel überhaupt zu verzichten und statt dessen konkrete Eigenschaften, Haltungen, Handlungen, Verhaltensweisen Jesu zu benennen. Ich könnte mir vorstellen, dass man dazu eine ganze Reihe prägnanter kurzer Geschichten erzählen könnte – in Anlehnung an Bibeltexte, aber frei und interpretierend. Wenn sie überzeugen, wird jeder seine eigenen „Hoheitstitel“ formulieren.

Dazu ein eigenes vorläufiges – keineswegs endgültiges – Beispiel:

Gerhard Vidal: Von einer Frau, die sich wieder freuen kann

So war das damals:
Mit einer Frau auf der Straße reden? Für jeden Mann ein Tabu!
Sich um Kranke oder Behinderte kümmern?
Lieber einen großen Bogen um sie machen, denn sie sind gewiss selbst schuld an ihrer Krankheit!
Und dann das:
Da war eine Frau.18 Jahre lang war sie schon krank. 18 lange Jahre.
Kaum jemand beachtete sie. Freunde hatte sie schon lange keine mehr.
Kaum jemand redete mit ihr.
Aber viele redeten über sie:
„Bestimmt hat sie etwas ganz Schlimmes getan, dass Gott sie so gestraft hat.“
Sie schämte sich: „Wer weiß, vielleicht haben die Leute recht und ich trage eine große Schuld?“
Sie blickte unter sich. Sie sah nichts mehr von der Welt.
Nichts Schönes mehr. Keine Hoffnung mehr.
Sie wurde ganz krumm vor Schmerz und Trauer.
Dann begegnete sie Jesus. Und – große Überraschung: Er redete mit ihr!
„Du bist nicht schuld an deiner Krankheit,“ sagte er.“ Du trägst schwer daran.
Aber du hast doch auch ein Recht, dich zu freuen.
Du bist ein wertvoller Mensch. Du brauchst Hoffnung. Du brauchst Freude.
Du brauchst Freunde.“
Die Frau war überrascht. Sie war froh. Sie blickte auf.
Sie sah, dass die Welt auch für sie noch Schönes bereit hielt.
Sie wurde gesund.
nach Lukas 13,10-13


Dietrich Lauter: Ich kann mit dem „Anti-Titel“ Jesus von Nazareth gut leben

Jedes Mal, wenn ich in einer orthodoxen Kirche stehe und nach oben zum Pantokrator blicke, empfinde ich das beeindruckend – so ist das ja auch wohl beabsichtigt. Aber ich bin mir irgendwie sicher, dass Jesus, so wie ich ihn verstehe und wie er mich bewegt, nie ein solcher Allherrscher werden wollte.

Jesus selbst hatte sich weniger mit hellenistischen Vorstellungen als vielmehr mit der in seiner Umgebung brennend wichtigen Frage nach dem Kommen des Messias auseinanderzusetzen. Diese Hoffnung war durchaus innerweltlich gedacht: Sie richtete sich auf einen neuen König David, oder vielleicht besser noch auf einen wie Salomo mit einem großen Reich, in dem Frieden und Gerechtigkeit herrschten, mit dem Tempel in Jerusalem als zentralem Heiligtum, das von allen Menschen verehrt wurde.

Das Auftreten Jesu war eine einzige Kritik an dieser Vorstellung. Er kam aus dem völlig unbedeutenden Nazareth in Galiläa (oder aus dem kleinen Bethlehem?), er war besitzlos, pries Armut und Einfachheit, kritisierte den Reichtum als Gefahr, ritt, wenn er einmal nicht zu Fuß ging, auf einem Esel. Die Geburtserzählung des Lukas von der Notunterkunft passt dazu. Das Reich Gottes, das Jesus verkündete, war keine bessere Alternative zum Römischen Friedensreich des Augustus, sondern es war (und ist und bleibt) eine Graswurzelbewegung, die sich überall Bahn bricht, wo Menschen nach dem Tun des Gerechten fragen, wo sie die Not des Nächsten sehen und entsprechend handeln. Es braucht weder Macht noch Waffen.

Die Verlagerung seiner Herrschaft in den Himmel mag eine hilfreiche Vorstellung für Menschen sein, die erleben, wie wenig von dem, was Jesus anstieß, realisiert wird, ähnlich tröstend wie der Pantokrator. Von den Anstößen Jesu leben aber die Menschen in den Basisgemeinden, lebten auch die Mönche und Nonnen, die das wörtlich nahmen, bis auch die Klöster zu Großgrundbesitzern und Machtfaktoren wurden. Von dieser Überzeugung wurde auch einer geleitet, der vom habilitierten Theologen zum Urwalddoktor wurde (Gerhard Vidal hat ihn schon erwähnt).

Die Titelfrage: Christus oder Messias als Gesalbter? Dazu haben wir heutzutage wohl kein Verhältnis mehr. Wenn es um die Salbung als Beauftragung im Namen Gottes geht, kann ich diesen Titel gut annehmen. Zu bedenken bleibt allerdings, dass er im damaligen Verständnis kaum von der Abstammung von David und der Ausübung einer Königsherrschaft zu trennen ist.

Ich persönlich könnte mit Jesus von Nazareth gut leben – ein Anti-Titel sozusagen.


Horst Heller: Eine narrative Christologie nach dem Vorbild der Bibel

In unserem Trialog überwiegen die Zweifel, ob die christologischen Hoheitstitel eine Sprache sprechen, die wir Heutige auch ohne Theologiestudium richtig verstehen. Ich selbst kann dazu sagen, dass sie zwar im Religionsunterricht der Sekundarstufe erklärt werden sollen, dass sie aber für mich im Verdacht stehen, ein Teil des trägen Wissens zu werden. Zur religiösen Identitätsfindung eines jungen Menschen tragen sie nichts bei, möglicherweise behindern sie sie eher. Gerhard Vidal und Dietrich Lauter plädieren in unterschiedlicher Weise für eine Neubesinnung.

Eine Überlegung gefällt mir besonders gut: Um von Gott und von Jesus Christus zu sprechen, verwenden das Alte und das Neue Testament vielfach, ja überwiegend das Mittel des Erzählens. Was Verheißung und Segen ist, wird im Alten Testament vorwiegend in Geschichten entfaltet. Auch die Evangelisten erzählen, um zu sagen, wer Jesus war und ist. Matthäus und Lukas schreiben eine christologische Geburtsgeschichte. Von den Evangelien sind wir eingeladen, gleichfalls eine narrative Christologie zu betreiben. (Dass die antiken Glaubensbekenntnisse einen anderen Modus wählen, ist auf diesem Hintergrund besonders schmerzlich.)

2. Was heißt Sola Scriptura?

Das führt mich zur Bedeutung der Bibel für unseren Glauben. Die Reformation hat das lateinische Sola scriptura geprägt. Ich mag die Bibel und ich mag diesen Ausdruck. Was das Wörtlein Sola in der Reformationszeit bedeutete, ist klar. Was es heute nicht bedeutet, ist unter uns sicher auch nicht umstritten. Die Bibel ist Literatur gewordene Glaubenserfahrung aus der Antike. Ist sie auch Maßstab des Christlichen heute?


Dietrich Lauter: Die Bibel lädt zum Weiterdenken ein

Das wichtigste Dokument in unserem Kulturkreis ist die Bibel, besser: sind die Bibelbücher, denn, um gleich jedes monolithische Verständnis auszuschließen: Es handelt sich um Bücher im Plural, also um viele Dokumente.

In den Schriften des AT, die wir als Erbschaft mit dem jüdischen Volk, aus dem sie stammen, teilen, berichten Menschen (von denen viele sicher religiös begabter waren, als ich es bin) von herausfordernden, umwälzenden Erfahrungen mit Gott: „So spricht der Herr“. Aber nicht alle Schriften behaupten, unmittelbar Wort Gottes zu sein – Geschichtsschreibung, Psalmen und Weisheitslehren, lehrhafte Geschichten sind oft explizit als Werke ihrer Autoren gekennzeichnet, manchmal sind sie als solche erkennbar. In diesen Schriften wird das, was Menschen von Gott erfahren und verstehen können, reflektiert und dabei weiterentwickelt. Dies erfolgt in der Sprache und in den Denkstrukturen der jeweiligen Zeit.

In den Schriften des NT werden wir mit den Erfahrungen von Menschen konfrontiert, die Jesus von Nazareth in der Zeit seines Wirkens kennengelernt haben oder ihm als dem Auferstandenen begegnet sind. Aber auch die Schriften des NT bestehen nur zu einem kleinen Teil aus Worten Jesu („Ich aber sage euch!“). Mehrheitlich finden wir Erzählungen über ihn, viele aus zweiter oder dritter Hand, Beschreibungen der Entwicklung der frühen Christenheit, Briefe mit Ermahnungen …

Alle diese Schriften sind in einer Weise verfasst, in der lebendig und oft bildhaft von Erfahrungen mit Gott und Jesus erzählt wird, nicht in der Form von Aussagen über das göttliche Wesen an sich. Die späteren Bekenntnisse setzen ein nicht-biblisches, von der griechischen Philosophie geprägtes Denken voraus.

Das Großartige an der Bibel ist gerade ihre Vielfalt. Zu ihren herausragenden Stärken gehört es, dass sie auch nichtkompatible Erzählungen über die Schöpfung und über die Geburt Jesu nebeneinander stehen lässt und unterschiedliche Erzählstränge im AT und vier Evangelien im NT zulässt. Erzählungen über Propheten, die wegen ihrer kritischen Reden verfolgt wurden und Lebensbeschreibungen des Jesus von Nazareth, der nach der Sicht von Außenstehenden kläglich gescheitert war, bilden einen wunderbaren Kontrast zu der Selbstbeweihräucherung und Selbstlegitimation der Herrscher der Zeit und den Elogen ihrer Hofschreiber. Das hat zur Folge, dass sich der eine Glaube, den man formulieren, auswendig lernen und bekennen könnte, nicht aus der Bibel herleiten lässt.

Christen müssen die Bibel nicht als sakrosankt betrachten und meinen, dass sie nicht auch Gegenstand kritischen Nachdenkens sein kann. Wir dürfen darüber nachdenken, wo, wie und warum zeitgebundene kulturelle Vorschriften als Erfüllung göttlicher Offenbarungen dargestellt werden oder wie die Differenz zwischen „Selig sind die Armen“ (Lk) und „Selig sind die geistlich Armen“ (Mt) zu erklären ist. Wir dürfen auch als Pfarrer in der Predigt anmerken, dass die Bereitschaft Abrahams, seinen Sohn zu opfern, nicht als vorbildlicher Glaubensgehorsam gedeutet werden kann, dass das Verhalten Davids gegenüber Uria nicht mit einem kurzen „Ich habe gesündigt“ aus der Welt zu schaffen ist und dass die Worte Jesu gegenüber der syro-phönizischen Frau mehr als grenzwertig sind.

Dennoch gilt, dass die Bibelbücher uns nicht nur zum Nachdenken über die Grundfragen des Lebens, über unser Verhältnis zu Gott, zu uns selbst und zu unseren Nächsten einladen und provozieren, sondern auch zum Weiterdenken und zur Formulierung unseres Glaubens in Worten unserer Zeit. Kein anderes Buch, keine Dogmatik, kein Glaubensdokument kann höhere Autorität beanspruchen.


Gerhard Vidal: Die Bibel kann zu Gottes Wort werden

Oft habe ich mich mit dem Gedanken getragen, eine Elementarbibel zu erstellen. Sie hätte dann keine 1300 Seiten, sondern vielleicht 50. Alles Überflüssige würde eliminiert. Was soll ich mit seitenlangen Geschlechtsregistern? Weg damit! Wieso soll ich loben, dass Gott „der rechte Kriegsmann“ ist, der „Rosse und Reiter ins Meer“ stürzt? Was ist das für ein Jesus, der die bösen Geister in eine Schweineherde versetzt, die sich dann in den See stürzt? Was sollen die frauenfeindlichen Äußerungen von Paulus? Die Liste ließe sich fortsetzen. Also: eine Elementarbibel – das wär’s. Aber da höre ich in einer Predigt, wie jemand einer Stelle, die ich ausscheiden würde, einen tiefen Sinn abgewinnt. Da lese ich in einer Andacht, wie der Autor mich mit einem Text zutiefst berührt, den ich bis jetzt nie beachtet habe. Und da fällt mir Luthers Wort ein, dass die Bibel nicht Gottes Wort ist, sondern Gottes Wort werden kann. Also doch keine Elementarbibel!

Genauso geht es mir mit dem sola. Bei vielen Autoren – z. B. Bert Brecht, Leo Tolstoi, Max Frisch – habe ich Texte gefunden, die der Bibel in nichts nachstehen. Der Text von Max Frisch ist 1. Korinther 13 durchaus ebenbürtig: „Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt …“ Und welcher Bibeltext brächte das menschliche Wesen so auf den Punkt wie Andorra? Warum also nicht der Elementarbibel – wenn es sie geben sollte – profane Text hinzufügen, die an Tiefe biblischen Texten gleichkommen?

Doch auch dagegen regt sich in mir Widerstand. Bibel + hat selten gutgetan: Bibel + Konzilsbeschlüsse, Bibel + Sektenlehre, Bibel + Blut- und Boden-Ideologie … Das geht alles schief. Also alles beim Status Quo belassen? Das würde allerdings eine intensive theologische Arbeit in den Gemeinden, in Predigt, Bibelseminaren, Gesprächskreisen, Gemeindebriefen voraussetzen – und davon sehe ich wenig.

Ich persönlich würde aber in meinen Predigten auf die Anregung durch literarische Texte über die biblischen Texte hinaus nicht verzichten wollen. Ein wegweisender Meister auf diesem Gebiet war Manfred Mezger.


Horst Heller: Die Bibel, kein Buch mit auch nur einem Siegel

Die Hochschätzung der Bibel ist in den beiden Antworten mit Händen zu greifen. Die Bibel in ihrer Vielfalt, aber auch ihre zentrale Botschaft ist unverzichtbar. Sie zu ergänzen, etwa durch Bekenntnisschriften oder durch die genannten Verirrungen, ist nicht ratsam. Auch eine „Verschlankung“ ist nicht möglich, eine diesbezügliche Einigung ist jedenfalls nicht zu erreichen.

Aber eigentlich ist das ja keine Überraschung. Wer käme auf die Idee, etwa die Lyrik Goethes, die Dramen Shakespeares oder die Sagen eines Homer neu zu sortieren und dabei in den Textbestand einzugreifen? Schon allein der Respekt verbietet das. Dass es auch Gegenwartsliteratur gibt, die in das kulturelle Erbe der Menschheit eingehen wird und Weisheit und (deshalb auch) Anregungen für die Predigt enthält, ist genauso wenig strittig.

Nicht einig sind wir uns geworden, was denn das Alleinstellungsmerkmal der Bibel sei. Ein Brecht, ein Frisch und ein Tolstoi werden nie den Status erreichen, den die Bibel für die Christenheit hat. Was Letztere für die christliche Gemeinschaft von allen anderen wertvollen Texten unterscheidet, ist ein wenig in der Schwebe geblieben.

Ich bin überzeugt, dass die Bibel kein Buch mit auch nur einem Siegel ist, sondern dass sie verständlich und verstehbar ist und sich selbst auslegt. So wie wir auch bei Martin Luthers umfangreichem Werk sein zentrales Anliegen finden können, das auch durch seine aggressiven Traktate und seine judenfeindlichen Veröffentlichungen nicht zugedeckt wird, so sind auch in der Bibel Zentrum und Peripherie klar voneinander zu unterscheiden. Es ist möglich, die Mitte der Schrift zu finden, und davon problematische Passagen zu unterscheiden. So sind auch die von Dietrich Lauter angeführten Beispiele einzuordnen. Luther wollte „nur“ die Schrift zum Sprechen bringen. Er nutzte dafür seine Sprache und prägte Begriffe, die zu seiner Zeit verstanden wurden.


Dietrich Lauter: Die Bibel legt sich nicht selbst aus

Wo ich Horst Heller nicht so recht zustimmen kann, ist seine Aussage, dass die Bibel „sich selbst auslegt“. Um die Mitte der Schrift zu erkennen und zu begründen, welche Passagen man als problematisch bezeichnen darf, bedarf es einer historisch, linguistisch, philosophisch und theologisch fundierten und reflektierten Begründung, über die man sich und anderen Rechenschaft geben kann. Auch der so gern in Anspruch genommene gesunde Menschenverstand reicht nicht aus; er könnte gerade bei vielem, was Jesus uns sagt, gewaltig in die Irre führen.


3. Was ist der Kern unseres christlichen Glaubens?

Gerhard Vidal: Die Nachfolge Jesu ist das Kernstück des Glaubens

Hätte ich in meiner Konfirmandenzeit vor 65 Jahren eine Antwort auf diese Frage geben sollen, so hätte ich mich wahrscheinlich an Frage 35 des Pfälzer Katechismus gehalten: Auf die Frage „Welche Segnungen gewährt der rechte Glaube?“ hätte ich brav geantwortet: „Wenn ich mit bußfertigem Herzen auf Christus mein Vertrauen setze, so werde ich gerecht vor Gott, wiedergeboren und geheiligt zum ewigen Leben.“ Zur Bekräftigung werden noch die „Gnadengüter Rechtfertigung, Wiedergeburt, Heiligung und ewiges Leben“ angeführt. Ich vermute, dass auch heute ein Großteil der Christen „Rechtfertigung des Sünders und ewiges Leben“ als Kernstücke des Glaubens bezeichnen würden. Hier zeigt sich, dass es stimmt, was Hubertus Halbfas sagte: „Alle christlichen Kirchen bekennen in ihren zentralen Formeln einen Glauben, in dem das Leben Jesu nicht vorkommt.

Es ist deshalb die vordringliche Aufgabe, das Zentrum des Glaubens neu zu benennen. Für mich geht der Weg zu einer Neufindung des Kerns des christlichen Glaubens nicht an Jesus vorbei. Und da habe ich bei der Quäkerin Evakatrin Sieveking eine klassische Formulierung gefunden: „Quäker sind Menschen, die um Christus kreisen“. Kann man das Zentrum des Glaubens treffender beschreiben? Dass dieses Kreisen um Christus bei den Quäkern keine dogmatische Phrase ist, sondern wirklich das Kernstück des Glaubens, lässt sich an vielerlei Einstellungen und Handlungen ablesen: Etwa die Überzeugung von der Gleichheit und Würde aller Menschen – unabhängig von Hautfarbe, Rasse, Geschlecht, Meinung. So gab es bei ihnen – schon im 17. Jahrhundert! – weder eine Frauen- noch eine Rassenfrage. Die Abschaffung der Sklaverei geht im Wesentlichen auf die Quäker zurück, ebenso wie Gefängnisreform und Gefangenen- und Strafentlassenenfürsorge. Eine intensive Friedensarbeit ist wesentliche Konsequenz des Kreisens um Christus genau wie die Sorge für kranke und behinderte Menschen. All das lässt sich auch als Nachfolge Jesu beschreiben. Aus diesen beiden Wörtern besteht für mich das Kernstück des Glaubens. Wenn es für alle Christen zählen würde, hätte Friedrich Nietzsche keinen Grund gehabt zu lästern: „Erlöster müssten mir die Christen aussehen.


Dietrich Lauter: Glaube hat mit meinem Leben zu tun und entwickelt sich in der Begegnung

Glaube ist für mich Welt-Anschauung. Er hilft mir, ein Lebens-Konzept zu finden, wie ich sinnvoll und verantwortlich existieren kann. Wer bin ich eigentlich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was soll ich tun? Im Dialog mit der Bibel entdecke ich Antworten.

Ich bin ein einzigartiges Geschöpf und zugleich ein zu vernachlässigendes Staubkorn im Universum, ein Nichts. Ich soll mich darum weder überschätzen noch unterschätzen. Mir ist viel zugemutet und zugetraut; und doch muss ich nicht an dem zerbrechen, was mir nicht möglich ist, nicht gelingt, wo ich fehle.

Ich versuche, die Welt mit den Augen Jesu anzuschauen – sehr kritisch und zugleich mit großer Zuneigung, als Geschenk und ebenso als große Aufgabe in meinem Hier und Jetzt, als lebens- und liebenswert für mich und genauso für alle Menschen, alles Leben, zu allen Zeiten.

Was soll ich tun? Ich möchte herausfinden, was in meiner Zeit, an meinem Ort, mit meiner Kraft zu tun ist, und versuche, das Rechte anzugehen. Ich weiß, dass mein Tun nicht immer das Richtige ist, aber ich weiß auch, dass Nichts-Tun keine Alternative ist. So bin und bleibe ich ein Suchender und Versuchender.

Ich verstehe mich als einer, der (nicht erst am Ende, aber doch gerade da) gefragt wird: was hast du gemacht aus deinen Talenten, was hast du gemacht mit deiner Zeit? Meine Hoffnung ist es, dass ich auf die Frage, ob ich sinnvoll gelebt habe, wenigstens einigermaßen Antwort geben kann.

Glaube ist weder das Für-Richtig-Halten ontologischer Aussagen über das Transzendente noch das Für-Wahr-Halten wundersamer Geschehnisse. Es hat mit meinem Leben, mit meiner Haltung gegenüber der Welt und anderen Menschen zu tun. (Ich denke, hier bin ich sehr nahe bei dem, was Gerhard Vidal formuliert hat.)

Gleichwohl ist mein Glaube nicht subjektive Meinung, nicht nur eine nur auf mich bezogene Angelegenheit; er hat sich entwickelt, weil ich hineingeboren wurde in eine Kultur- und Glaubensgeschichte, er entwickelte und entwickelt sich noch immer im Gespräch mit anderen Menschen, sowohl mit solchen, die vor mir gelebt haben, als auch mit solchen, denen ich heute begegne. Er entwickelt sich ebenso im Dialog mit den Worten der Bibel, von denen ich mich angesprochen weiß.


Gerhard Vidal: Ein Impuls für die Gemeinde

Es war eine gute Idee, drei Theologen – zumal unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Prägung – zu einem Trialog zusammenzuführen. Über vieles musste man sich Gedanken machen, eigene Positionen klären, die Meinung der anderen überdenken und verstehen lernen. Das passiert in Theologenkreisen viel zu selten. Technische und organisatorische Fragen verdrängen häufig das Bemühen um wirklich theologische Gespräche. Insofern war der Trialog ein wichtiger Impuls.

Eines allerdings wurde nicht erreicht: Ein gemeinsames Konzept, das alle Positionen unter einen Hut gebracht hätte. Differenzen haben sich gezeigt und das war gut so. Insofern glaube ich, dass es nicht möglich sein wird, ein für viele gültiges „modernes“ Glaubensbekenntnis zu formulieren.

Ich hätte dazu eine Idee: Wie wäre es, wenn man bei allen Gelegenheiten, bei denen üblicherweise das Apostolikum gebetet wird, darauf verzichten würde? Stattdessen würde jedes Mal ein anderes Gemeindeglied sein persönliches Glaubensbekenntnis vortragen. Natürlich müsste das langfristig geplant sein. Die Gemeinde würde so die Vielfalt des Glaubens erfahren und zu eigenen Überlegungen angeregt.

Credo – Ich glaube
Dieser Blogbeitrag ist Teil eines Projekts Credo, das nach neuen Worten für den christlichen Glauben sucht, die an traditionelle Bekenntnisse anknüpfen, aber zugleich individuell und authentisch sind und eine verständliche theologische Sprache sprechen.

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