„In die Knie vor der Liebe Gottes!“ Der Brief, der Kaiser Wilhelm ermahnte, seine Soldaten heimzuholen, könnte heute erneut versendet werden.

Horst Heller CC BY-SA 4.0
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Sei Friedensfürst, setze Demut an die Stelle der Siegereitelkeit, Wahrheit anstatt Lüge, Aufbau anstatt Zerstörung. In die Knie vor der Liebe Gottes, … habe die Kraft des Dienens, Kaiser!“

Am 20. Januar 1918 schrieb der Maler und Architekt Heinrich Vogeler (1872-1842) einen offenen Brief an Wilhelm II. Es war ein dramatischer Appell, den grausamen Krieg, für den der Kaiser die Verantwortung trug, sofort zu beenden. Dieser Brief könnte heute mit wenigen Änderungen noch einmal versendet werden. Dieses Mal nach Moskau.

Heinrich Vogeler war nicht als Pazifist auf die Welt gekommen. Er hatte sich im September 1914 als Kriegsfreiwilliger gemeldet. Er teilte die Begeisterung vieler Zeitgenossen für den Waffengang zwar nicht, aber sein künstlerisches Lebensprojekt auf dem Barkenhoff in Worpswede war unvollendet geblieben und ließ sich nun nicht mehr fortsetzen. Er suchte den inneren Frieden in einer neuen Aufgabe.

Vogeler diente an der Ostfront. Bald wurde ihm klar, dass der nationalistische Eroberungsfeldzug nicht der Wiederherstellung einer Friedensordnung diente. Am Ende des Jahres 1917 bot sich die Chance, das Morden wenigstens an der Ostfront zu beenden. Doch die deutsche Seite zeigte sich in den Verhandlungen kompromisslos, die russische Seite spielte auf Zeit. In dieser Situation schrieb Vogeler die Geschichte – er nannte sie ein Märchen – und schickte sie an den Kaiser.

Sie beginnt damit, dass Gott am Weihnachtsabend die Stadt Berlin besuchte.

Das Merkwürdige war, dass am Spätnachmittag des 24. Dezember auf dem Potsdamer Platz von vielen Menschen der liebe Gott gesehen worden ist. Ein alter trauriger Mann verteilte Flugblätter. Oben stand: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, und darunter in lapidarer Schrift die Zehn Gebote. Der Mann wurde … wegen Landesverrat standrechtlich erschossen.

In Anspielung auf die erwähnten Verhandlungen mit Russland fährt Vogeler fort:

Ein paar Tage darauf waren unsere großen Feldherrn nach Berlin gekommen, mit der festen Absicht, durch Wort und Tat die Welt von Elend und Blut zu erlösen. … Da sahen sie plötzlich, wie der totgeglaubte Mann vom Potsdamer Platz mitten unter ihnen stand und stumm auf seine Zehn Gebote wies.

Vogeler erinnert sodann daran, dass die Losung „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern der Soldaten zu lesen war. Sie war Wahlspruch der preußischen Könige und der deutschen Kaiser gewesen, nun aber endgültig zur Parole des Tötens geworden. Gott aber, so Vogeler, weist auf die Gebotstafeln und fordert eine Besinnung auf das Gebot „Du sollst nicht töten.“

Da aber sah Gott, dass man ihn gar nicht kennen wollte, dass man von ihm sich nur eine prunkende Form, eine Uniform behalten hatte. … Da verließ Gott die Friedensversammlung und machte den ordenbesternten Götzen Platz, denn Gott will nicht siegen. … Die Götzen aber führten das Volk immer tiefer ins Elend … Da ging Gott zu denen, die zusammengebrochen waren unter der Bürde der Leiden, unter Hass und Lügen: Es gibt über euren Götzen einen Gott, es gibt über eurem Fahneneid meine ewigen Gesetze. Es gibt über eurem Hass die Liebe. Da gaben die Krüppel ihre blutstinkenden grauen Kleider, ihre Orden und Ehrenzeichen zurück an den Gott des Mammons, gingen unter das Volk und entheiligten die Mordwaffen und vernichteten sie.

Die Opfer haben nun die Verlogenheit der Kriegspropaganda durchschaut. Vor allem erkennen sie, dass die Werte Ehre, Gehorsam und Treue nur zu Hass und Leiden geführt haben. Höher als der Eid, den sie auf den Kaiser geleistet haben, steht das Gesetz Gottes. Es befiehlt ihnen die Waffen niederzulegen und nicht länger dem Krieg zu dienen.

Hier hätte das Märchen enden können. Doch die Realpolitik des Kriegsjahrs 1918 war anders. Der Kaiser zeigte keine Einsicht. In Vogelers Erzählung wendet sich Gott deshalb selbst an den Kaiser:

„Gott aber ging zum Kaiser: Du bist Sklave des Scheins. Werde Herr des Lichtes, indem du der Wahrheit dienst und die Lüge erkennst. Vernichte die Grenzen, sei der Menschheit Führer. Erkenne die Eitelkeit des Wirkens. Sei Friedensfürst, setze an die Stelle des Wortes die Tat, Demut an die Stelle der Siegereitelkeit, Wahrheit anstatt Lüge, Aufbau anstatt Zerstörung. In die Knie vor der Liebe Gottes, sei Erlöser, habe die Kraft des Dienens, Kaiser!“

Vogelers mutiges Schreiben erinnerte den Kaiser an die Werte, die er eigentlich zu verteidigen vorgab. Doch der blieb gefangen in der falschen Logik, dass das, was er begonnen hatte, zu Ende geführt werden müsse. Verantwortungslos zerstörte er, was ihm selbst alles bedeutete. Im November dieses Jahres musste er abdanken und ins Exil gehen. Es gab wohl keine Familie in seinem Reich, die für seine Uneinsichtigkeit nicht einen Preis zahlen musste.

Wieder müssen dieser Tage junge Menschen ihr Leben lassen, weil die Befehlshaber den Großmachtträumen einer vergangenen Epoche anhängen. Dafür gab und gibt es weder in 1918 noch in 2022 eine moralische Rechtfertigung und schon gar keine religiöse Begründung. Vogeler verweist auf die Weihnachtsbotschaft des Engels („Friede auf Erden“) auf die Zehn Gebote. Gott will diesen Krieg nicht.

In der Abschrift des Briefes notierte Vogeler, dass er sich über die Folgen seines offenen Briefes im Klaren war.

Ich bete, dass diese Worte der Kaiser liest, dann mag er die Feigheit haben mich erschießen zu lassen.

Er wurde verhaftet, kam aber mit dem Leben davon. Zwei Monate verbrachte er gegen seinen Willen in einer psychiatrischen Klinik. „Ich bete, dass der Kaiser diese Worte liest.“ Ich füge an: „… und Wladimir Putin auch.“

Heinrich Vogelers Brief vom 20. Januar 1918 im Wortlaut

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