Abraham und das Vermächtnis von Hebron. Als Ismael und Isaak ihren Vater friedlich bestatteten

Text (CC BY-SA 4.0) und Bilder (CC0): Horst Heller
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Die „Höhle des Patriarchen“ am Stadtrand von Hebron, genannt Machpela, ist seit dem Mittelalter von dicken Mauern umgeben, die auf die Zeit des Herodes zurückgehen. Sie enthält die Kenotaphen (Gedenkgräber) von Abraham und Sara, von Isaak und Rebekka sowie von Jakob und Lea. Im Laufe der Jahrhunderte war die Festung mal ein jüdisches Gebetshaus, mal eine christliche Basilika, mal eine Moschee. Heute ist die Pilgerstätte von Juden, Christen und Muslimen in der Mitte geteilt. Von Nordosten betreten jüdische Gläubige das Gebäude, auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich der Eingang zum muslimischen Gebetshaus. In der Mitte zwischen beiden Hälften stehen die Ehrenmäler Abrahams und Saras in verschlossen Räumen. Die beiden Erzeltern „gehören“ keiner Religion.

Die Bibel erzählt, dass die beiden Halbbrüder Ismael und Isaak hier in Hebron ihren Vater Abraham bestatteten. An diese kleine Notiz aus 1 Mose 25,9 musste ich denken, als ich vor einigen Jahren die Machpela besuchen konnte. Ich las dazu noch einmal die Vorgeschichte im ersten Buch Mose nach. Dort wird erzählt, dass Abraham auf Vorschlag seiner Frau Sara mit deren ägyptischer Magd Hagar einen legitimen Erben zeugte, weil Sara selbst keine Kinder bekommen konnte. Hagar brachte einen Jungen zur Welt und nannte ihn Ismael. Doch dann wurde Sara im hohen Alter doch noch schwanger und gebar den Isaak. Nun hatte Abraham zwei legitime Erben. Sara verlangte nun, dass Hagar und Ismael nicht mehr mit ihnen leben sollten. Abraham verweigerte zunächst seine Zustimmung, willigte aber schließlich ein, versorgte Hagar und ihren Sohn mit Wasser und Proviant und schickte sie nach Ägypten zurück. Als Abraham starb, kehrte Ismael noch einmal nach Kanaan zurück und bestattete zusammen mit seinem Halbbruder Isaak den Vater in der Höhle von Machpela, in der auch bereits Saras sterbliche Überreste ruhten.

Auch der Koran erzählt von Ismael und Isaak, arab. Ismail und Ishaq, und nennt sie Vorbilder für die Gläubigen. Er erzählt, dass Abraham, arab. Ibrahim, zusammen mit Hagar und Ismail Arabien durchreist habe. In Mekka vernahm er den Befehl Gottes, an dieser Stelle die Kaaba zu erbauen: „Ibrahim und Ismail legten den Grundstein des Heiligen Hauses und beteten: ‚Unser Herr, nimm es von uns an! Du bist der Allhörende, der Allwissende“ (Sure 2:127, deutsche Übersetzung). Während Ibrahim nach Hebron zurückkehrte, wo er starb, blieb Ismail in Arabien, heiratete dort und gilt als der erste arabische Muslim und Vorfahr des Propheten Mohammed. Isaak hingegen wurde zum Patriarchen der Juden (und der Christen), die „an den Gott Abraham, Isaaks und Jakobs“ glauben.

Ismael und Isaak vor dem Felsengrab Abrahams. Dieses Bild ist ein Auftrag. Während die Söhne Abrahams an dessen Grab Frieden hielten, gelingt den Abrahamsreligionen diese Verständigung seit Jahrhunderten nicht.

Ibrahim, so sagt es der Koran, war „weder Jude noch Christ. Er war vielmehr ein Gott ergebener Sucher und kein Heide“ (Sure 3:67, deutsche Übersetzung). Und auch aus christlicher Sicht gehört er keiner der drei Buchreligionen an, die sich ihm verdanken. Aber das Vermächtnis von Hebron ist Verpflichtung: Religionsfrieden in gegenseitigem Respekt.

Der Beitrag versteht sich als Vorbereitungsmaterial für eine religionspädagogische digitale Fortbildung, den Relilab Impuls vom 23.09.2022. Das gesamte Unterrichtsmaterial steht auf my.relilab.org in freier Lizenz zur Verfügung.

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