Was glaubst du? Ein eigenes Glaubensbekenntnis in neuer theologischer Sprache.

Horst Heller CC BY-SA 4.0 (Verwendung unter Namensnennung und gleichen Bedingungen ausdrücklich erlaubt.)
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Die christlichen Glaubensbekenntnisse der Antike sind schweigsam in der Gottesfrage. Sie sagen nichts zur Verborgenheit Gottes, zu seiner Unverfügbarkeit, zu seiner Zugewandtheit zur Schöpfung. Dafür wissen sie angeblich alles über Verhältnis von Jesus Christus zum Vatergott. Sie sprechen von der Geburt Jesu, um danach sofort zu seiner Passion zu kommen. Jesu Leben, seine Taten und seine Predigten vom Reich Gottes lassen sie aus. Berufenere als ich haben das schon vor mir kritisiert. Die Glaubensbekenntnisse der alten Kirche äußern sich schließlich auch nicht zum Menschen (außer dass er der Sündenvergebung bedarf), reden weder von seiner Würde noch von seiner Verantwortung für die Welt. Sie schweigen über die Ethik eines christlichen Lebens. Das Wort Nächstenliebe kommt nicht vor. Auch die Bedeutung der Bibel für den christlichen Glauben findet keine Erwähnung.

Warum das Apostolische Glaubensbekenntnis als Text unverständlich und als Fundament christlichen Glaubens unvollkommen ist, habe ich in einem ersten Beitrag dargestellt. In einem zweiten Beitrag habe ich ausgeführt, dass der Glaube in Kontinuität und Diskontinuität zu den kirchlichen Bekenntnissen stehen kann, wenn er ein authentischer Glaube sein will. Dieser Beitrag sucht nach Worten des Glaubens in einer eigenen theologischen Sprache. Er will und kann ökumenische Konzilien nicht ändern, geht aber über deren Beschlüsse hinaus.

Nach meinen Vorstellungen bildet sich eine neue Sprache des Glaubens nicht bei Symposien, während Akademietagungen und in Oberseminaren heraus, sondern entsteht im Netzwerk der großen christlichen Community. Dieser Beitrag möchte deshalb einen Prozess befördern, an dessen Ende eine Verständigung steht, was das Christliche ist. Das soll innerhalb und außerhalb der christlichen Bubble der kirchlich Sozialisierten verständlich sein.

Anders als die altkirchlichen Bekenntnisse will dieser Beitrag also nicht den Schlusspunkt einer langen Diskussion setzen, sondern diese befruchten und erweitern. Deswegen ist er frei zugänglich, darf zitiert, kritisiert und verändert werden. Er sucht das Feedback aller derer, die wie ich ins Nachdenken gekommen sind. Aus: Was glaubst du? könnte werden: Was glauben wir?

Mein Credo: Was bedeutet es für mich, Christ zu sein?

Der Anspruch für diesen Credo-Impuls ist hoch. Mein Credo soll

  • für meinen eigenen Glauben essenziell und existentiell sein,
  • auf theologische Insidersprache verzichten,
  • durch das Zentrum der biblischen Botschaft inspiriert sein,
  • an Bekenntnisse der Kirche (in Kontinuität und in Abgrenzung) anknüpfen und
  • mit 4000 Zeichen auskommen.
„Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu bewahren, ….

1. „Ich glaube an Gott …“ Das heißt: Ich rechne mit dem Göttlichen in meinem Leben
Ich weiß nichts von Gott. Und doch erscheint es mir vernünftig, auf ihn zu hoffen. Wenn ich vom Göttlichen spreche, dann deshalb, weil ich glaube, dass die Transzendenz Gottes Licht oder Schatten auf mein Leben wirft. Also mache ich mich auf die Spuren nach seiner verborgenen Gegenwart in meiner Welt. Ob ich ihn finde? Angst macht mir Gott nicht. Im Gegenteil.

2. „… und an Jesus Christus.“ / „Solus Christus“: Ich glaube wie Jesus und an Jesus.
Der Mann aus Nazareth starb, aber er lebt – wie Gott vorborgen vor unseren Augen. Seine Worte und Taten, wie ich sie dem Neuen Testament entnehme, sind für mich zentral, denn wenn ich etwas über Gott wissen will, frage ich nach Jesus Christus. Ich lese die Ehrentitel, die die Bibel Jesus gab, nutze aber lieber eigene Bilder. Ich spreche von Jesus als einem unsichtbaren König im Gotteshimmel. Seine Herrschaft lässt dem Menschen viel Freiheit.

3. „Sola Scriptura.“ Die Bibel ist Satzung, Handbuch und Grundgesetz
Bin ich im Zweifel über das Christliche, suche ich die Antwort in der Bibel. Es lohnt sich deshalb, die Bibel gut zu kennen. Sie spricht eine verständliche Sprache. In ihr finden sich Variationen des Glaubens und dessen schriftgewordene Wirkungsgeschichte, vielfach in erzählender Form. Das reformatorische Prinzip „Sola Scriptura“ ermutigt mich, für meine Sprache des Glaubens auch das Format des Erzählens zu wählen. Wo habe ich Erfahrungen mit der Wirklichkeit Gottes gemacht, die ähnlich oder anders wie die sind, von denen ich in der Bibel lese? (Wer in der Nachfolge des Paulus lieber systematisch-theologische Sätze bevorzugt, dem sei das unbenommen.)

4. Den Menschen gibt es, weil Gott ihn will.
Deshalb ist die Würde des Menschen unantastbar. Dieser Satz hat für mich auch eine religiöse Bedeutung:
– Jede und jede hat das Recht, dass ihre und seine existentiellen Bedürfnisse befriedigt werden.
– Jede und jeder hat ein Recht auf Freiheit und Individualität. Niemand darf daran gehindert werden, so zu sein, wie sie oder er möchte.
– Jede und jeder hat das Recht auf gleiche Chancen und Rechte. Keine und keiner ist „gleicher als andere.“
– Jede und jeder hat ein Recht auf Respekt und ein bisschen Glück.

5. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Wir sind nicht auf dieser Erde, um uns auf das Jenseits vorzubereiten. Dieses eine Leben und diese eine Erde ist in unsere Verantwortung gelegt. Der Planet, auf dem wir leben, gehört uns nicht. Wir haben als vernunftbegabte und zu sozialem Handeln befähigte Menschen, die mit einem freien Willen ausgestattet sind, eine fünffache Aufgabe:
– Begreife das eigene Leben als Chance und übernimm die Verantwortung für dich!
– Bewahre die Unversehrtheit deiner Mitmenschen und schütze ihre Freiheit!
– Wende Zeit, Emotionen, Verstand, kreative Fantasie und Geld auf und den Schwächeren zu. Lindere die Not anderer und fördere das Wohl der Gemeinschaft!
– Teile die Güter der Erde gerecht und taste die Lebensgrundlage der nächsten Generationen nicht an.
– Praktiziere Respekt vor allem Leben, „das leben will“ wie du (A. Schweitzer).
Der christliche Maßstab ist die Liebe. Sie schließt auch dich selbst ein. Du darfst deine eigene Unvollkommenheit annehmen. Sie gehört zu dir.

6. „… zu richten die Lebenden und die Toten.“ Ich hoffe auf Gerechtigkeit.
Ich hoffe darauf, dass die, denen in diesem Leben Ungerechtigkeit widerfahren ist, einen Ausgleich erhalten. Das bedeutet auch, dass wer anderen Schmerzen zugefügt hat, selbst diesen Schmerz fühlen wird. Danach wird die Liebe Gottes alles versöhnen.

7. „Ein weis’rer Mensch auf diesem Stuhle“ (nach Lessing)
Als religiöser Mensch bin ich der Wahrheit in Bescheidenheit verpflichtet. Wie einst der weise Nathan sagte, wird in tausend Jahren – vielleicht! – die eine Wahrheit offenbar werden. Bis dahin bin ich an die Grundwerte der Liebe und des respektvollen Dialogs gewiesen.

… sondern ihre Hoffnungen zu verwirklichen.“ (Theodor W. Adorno zugeschrieben)

Credo – ich glaube
Dieser Blogbeitrag ist der letzte Teil eines dreiteiligen Projekts Credo, das den Versuch eines eigenen Glaubensbekenntnisses macht, das an traditionelle Bekenntnisse anknüpft, aber zugleich individuell und authentisch ist und eine neue theologische Sprache spricht.

14.08.2022, Teil 1: Der Tag, an dem ich ins Nachdenken kam. Verstehst du, was du sprichst? Als die Taufgemeinde das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen sollte.
11.09.2022, Teil 2: Abschiede. Ist es wahr? Auf der Suche nach dem Christlichen im Apostolischen Glaubensbekenntnis
25.09.2022, Teil 3: Ein Versuch und ein Anstoß. Was glaubst du? Mein eigenes Glaubensbekenntnis in einer neuen theologischen Sprache

Blogbeiträge auf www.horstheller.de
02.08.2020: Wir sind gleich. Wir müssen endlich anfangen, an diese Idee zu glauben. Eine Recherche zu Sarah und Yusra Mardini
23.01.2022: „Wir wissen, dass der Mensch im Grunde gut ist.“ Wie Desmond Tutu die christliche Anthropologie vom Kopf auf die Füße stellte.
13.03.2022: Frieden lehren. Wenn wir wollen, dass künftige Politiker friedensfähige Menschen sind, müssen wir heute damit beginnen.
12.06.2022: Kugel, Quader und das Glück. Wenn das Runde auf dem Eckigen zur Ruhe gekommen ist.
19.06.2022: „Wenn ich von Theologie auch nur das Geringste verstehe…“ Ein neunzig Jahre alter Brief von Karl Barth zur Rolle der Frau in der Kirche gibt noch heute zu denken.
26.06.2022: Ohne die katholische Kirche wäre Rom heute eine unbedeutende Kleinstadt, behauptete einst mein Lateinlehrer. Ob er Unrecht hatte?
04.09.2022: Was ist Erfolg? Eine Antwort in 99 Worten
30.10.2022: Benedikt und andere Heilige. EIne evangelisch-religionspädagogische Überlegung