Was ist wahr? Auf der Suche nach dem Christlichen im Apostolischen Glaubensbekenntnis

Horst Heller CC BY-SA 4.0 (Verwendung unter Namensnennung und gleichen Bedingungen ausdrücklich erlaubt.)
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Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick erläuterte vor über zehn Jahren den Gläubigen der Erzdiözese seine Sicht des christlichen Glaubens. Über das ganze Jahr verteilt veröffentlichte er Auslegungen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Am 16.03.2010 schrieb er: „Heute ist es modern, sich seinen eigenen Gott zusammen zu ‚k(g)lauben’. Auch das widerspricht dem Bekenntnis an den einen Gott. „Der eigene Gott ist nicht der eine Gott“.

Mal abgesehen davon, ob der Erzbischof den Zeitgeist richtig analysiert hat – Woher weiß er, dass das individuelle Gottesbild seiner Zeitgenossen das Göttliche verfehlt? Woher nimmt er die Gewissheit, dass der Glaube der Kirche der Wahrheit näherkommt? Ich frage umgekehrt: Muss nicht der eine Gott der individuell-eigene werden? Ist es deshalb nicht gerade erforderlich, dass Gläubige die eigene Sicht des Christlichen mit Worten ausdrücken, die zu ihrem Weltbild, zu ihrer Kultur, zu ihrem Lebensalter und zu ihren Lebenserfahrungen passen? Kann, ja muss es nicht verschiedene Blickwinkel auf Gott geben?

Ich habe, angeregt von Ludwig Schick, das Apostolische Glaubensbekenntnis noch einmal gelesen. Seine zwölf Sätze für wahr zu halten, bedeutet noch nicht, von ihnen angerührt sein. Eine systematische Theologie ist aber nur dann gut, wenn sie existentiell ist, hat einer meiner theologischen Lehrer mal gesagt. Ich will also herausfinden, welche der Sätze des Glaubensbekenntnisses in meinem Leben Relevanz entfalten und zu mir sprechen.

Drei Sätze des Glaubensbekenntnisses, in die ich sofort einstimme.

  • 1. „Ich glaube an Gott.“ Wenn es einen Gott gibt, dann ist es einer, nicht mehrere. Ich bin froh, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis von Gott im Singular spricht. Ein wenig vorsichtiger mag ich jedoch formulieren. „Ich hoffe auf Gott…“
  • 2. „… den Vater.“ Ich denke an meinen verstorbenen Vater und weiß zugleich, dass es Väter gibt, die abwesend oder grausam waren oder sind. Ich trage in mir die Sehnsucht nach einem zugewandten väterlichen Wesen, das schützt und begleitet, das die Angst nimmt und sie nicht verstärkt. Ich weiß zugleich, dass andere Menschen diese Hoffnung mit dem Bild der Mutter verbinden. „Wir haben alle einen Vater“, lese ich im Prophetenbuch Maleachi. Wenn das so ist, sind meine Mitmenschen meine Geschwister oder Halbgeschwister. Das Bild des Vaters (oder der Mutter) gefällt mir.
  • 3. „… gelitten, gestorben und begraben.“ Jesus wurde hingerichtet. Er entzog sich dem nicht durch Gegengewalt oder Lüge. Andere folgten ihm nach, indem auch sie ihr Leben für ihren Glauben und ihre Überzeugungen hingaben. Das beeindruckt mich.

Drei Sätze des Glaubensbekenntnisses sind mir so wichtig, dass ich sie gerne in meine Sprache übersetzen möchte. Was für mich „das Christliche“ ist, bedarf eigener Worte, die zugleich klar und für andere verständlich sind. Ein Versuch:

  • 1. „… der Schöpfer des Himmels und der Erde.“ In der Bibel finden wir keine Weltentstehungstheorien, die besser wären als die wissenschaftlichen Erkenntnisse unserer Zeit. Die Kreationisten irren. Dass aber das Leben ein Geschenk ist, dass allen Menschen eine Würde innewohnt und dass der Stern, auf dem wir leben, nicht unser Eigentum ist, das können wir aus der christlichen Schöpfungstheologie lernen. Der Platz an dieser Stelle reicht nicht aus, um die Konsequenzen dieses schöpfungstheologischen Grundsatzes auszuführen. Deshalb folgen hier nur Stichworte: soziale Gerechtigkeit, fairer Handel, Frieden, nachhaltige Entwicklung, Menschen- und Grundrechte, Respekt vor allem, was lebt, …
  • 2. „… auferstanden von den Toten.“ Dass die ersten Christinnen und Christen visionäre Begegnungen mit dem hatten, der doch wenige Tage zuvor dank der grausamen Routine des Hinrichtungskommandos getötet worden war, wurde der Startpunkt für einen Neuanfang mit Freude und Mut, der bis heute nicht verebbt ist und auch mich noch anrührt. Ohne Ostern ist alles nichts. Wenn der Gekreuzigte lebt – wenn auch nicht als Zeitgenosse unter uns – dann darf ich hoffen, dass auch der unausweichliche Tod nicht das letzte Wort über mich hat.
  • 3. „… zu richten die Lebenden und die Toten.“ Der Gedanke an eine zeitlich unbegrenzte Höllenstrafe ist mir fremd. Aber ich kann nicht übersehen, dass das Glück auf der Welt ungleich verteilt ist. Ein Leben im Glauben an Gott garantiert weder Gesundheit noch Sorglosigkeit noch Glück. Umgekehrt bleibt die Hoffnung auf Gerechtigkeit oft unerfüllt, wenn Skrupellose erfolgreicher sind als sozial Denkende und Handelnde. Wenn ich daran glauben kann, dass Gott für einen Ausgleich sorgen wird, entlastet mich das. Ich kann mich hoffnungsvoll für Gerechtigkeit einsetzen, wann immer es geht.

Drei Sätze des Glaubensbekenntnisses, die ich nicht mehr verstehe. Wenn ich für theologische Bekenntnisse der Vergangenheit keine eigenen Worte mehr finde, stellt sich die Frage nach ihrer Relevanz. Wenn ich zudem feststelle, dass ich sie weder im Unterricht noch in der Predigt thematisiere, dann ist das ein Zeichen, dass ich in ihnen keinen Ausdruck eines lebendigen und lebensrelevanten Glaubens entdecken kann.

  • 1. „… und an den Heiligen Geist.“ Dass es der alten Kirche wichtig war, in Jesus Christus den Sohn zu sehen, der „eines Wesens mit dem Vater“ ist, kann ich nachvollziehen. Doch das Dogma von der Trinität war zu allen Zeiten ein Problem und ist es bis heute. Nur auf dem Hintergrund antiker Philosophie kann die Gottheit eine und zugleich drei Personen sein. Viele Gegner dieser Lehre beriefen sich mit guten Gründen auf die Bibel. Einige von ihnen wurden verfolgt. Ich kenne die vielen Bilder, die das Geheimnis der Dreifaltigkeit veranschaulichen sollen. Aber sie helfen mir nicht, in der Dreieinigkeit eine Lebensfrage für meinen Glauben zu entdecken.
  • 2. „… die Vergebung der Sünden.“ Schon Desmond Tutu stellte die Anthropologie der Sünde vom Kopf auf die Füße. „Wir sind ein Meisterwerk im Entstehen“, schrieb er. Mein aufgeklärter Glaube sagt mir, dass wir die Fähigkeit und die Pflicht haben, uns für das Gute zu entscheiden, und es doch oft wider besseres Wissen nicht tun. Statt mich aber täglich für meine Fehler anzuklagen, höre ich lieber auf den Imperativ Jesu: „Gehe hin und tue es wie der Samariter.“ Dieser wartete nicht auf Gottes Erlösung der Welt, sondern tat selbst das Gute, weil er es konnte. Hier liegt für mich der Kern des Gleichnisses.
    Wie der Überfallene bleibe ich auf die Barmherzigkeit meiner Mitmenschen angewiesen. Wie Priester und Levit muss ich zugleich hoffen, dass Gott am Ende mit mir barmherzig ist. Barmherzigkeit ist allenthalben unentbehrlich. Ich kann und darf auch mit mir selbst und meinen Mitmenschen barmherzig sein.
  • 3. „… und an die heilige christliche Kirche.“ In einer säkularen Welt gibt es sakrale Orte, Momente des religiösen Erlebens, aber keine heiligen Institutionen. Vielleicht hat es sie nie gegeben. Kirchen sind nicht heiliger als die Menschen, die ihr angehören. Dass die Kirche als Institution versagen kann und vielfach versagt hat, ist eine schmerzliche Erkenntnis für viele Gläubige.
    Wenn Paulus in seinen Briefen von den Heiligen spricht, meint er „normale“ Gläubige. Ist die Kirche in diesem Sinne heilig? Mag sein, aber ich glaube an Gott und an Jesus, nicht an die Kirche.

Ludwig Schick machte in seinen Auslegungen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses auch auf die einzige Stelle aufmerksam, an der sich die katholische und die evangelische Fassung unterscheiden. Während Katholische bekennen „Ich glaube … an die heilige katholische Kirche“, sprechen Evangelische von einer „heiligen christlichen Kirche“. Der Erzbischof führte dazu aus: „Evangelische können auch ohne Schwierigkeiten das griechische Wort „katholisch“ mitsprechen, denn im Credo ist es kein Konfessionsmerkmal.

Wenn er sich da mal nicht irrte! Für das Verstehen eines Satzes ist nicht allein wichtig, wie ihn der meinte, der ihn schrieb oder sprach, sondern auch, wie er für den klingt, der ihn hört oder liest. Was ich als evangelischer Christ beim Sprechen des Wortes „katholisch“ assoziiere, kann ich besser sagen als er.

Credo – ich glaube
Dieser Blogbeitrag ist der zweite Teil eines dreiteiligen Projekts Credo, das den Versuch eines eigenen Glaubensbekenntnisses macht, das an traditionelle Bekenntnisse anknüpft, aber zugleich individuell und authentisch ist und eine neue theologische Sprache spricht.

14.08.2022, Teil 1: Der Tag, an dem ich ins Nachdenken kam. Verstehst du, was du sprichst? Als die Taufgemeinde das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen sollte.
11.09.2022, Teil 2: Abschiede. Ist es wahr? Auf der Suche nach dem Christlichen im Apostolischen Glaubensbekenntnis
25.09.2022, Teil 3: Ein Versuch und ein Anstoß. Was glaubst du? Mein eigenes Glaubensbekenntnis in einer neuen theologischen Sprache

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02.08.2020: Wir sind gleich. Wir müssen endlich anfangen, an diese Idee zu glauben. Eine Recherche zu Sarah und Yusra Mardini
10.02.2021: Embrace your Limitations! Wer seine eigene Unvollkommenheit bejaht, ist barmherziger mit den Fehlern anderer
23.01.2022: „Wir wissen, dass der Mensch im Grunde gut ist.“ Wie Desmond Tutu die christliche Anthropologie vom Kopf auf die Füße stellte.
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