Biografisches Lernen – Frida Kahlo und ihr Ja zur Unvollkommenheit (4/4)

Horst Heller (CC BY)

Vorbildlernen mit gebrochenen Biografien – Geht das?
Die optimistische Prognose, dass Kinder und Jugendliche allein durch die Kraft der Vernunft und die Reflexion eigener Erfahrungen ihren Weg finden, wird sich nicht erfüllen. Sie brauchen Vorbilder. Doch können Menschen Orientierung geben, deren innere Widersprüche so deutlich sichtbar werden? Brauchen wir nicht die historischen Vorbilder alter Schule?

Die Antwort: Identitäten und Lebensentwürfe sind bis weit in das Erwachsenenalter volatil. Werte ändern sich, Rollenbilder werden erprobt, modifiziert und verworfen. Wer auf der Suche nach Identität ist, kann an vollkommenen Persönlichkeiten, sofern es diese überhaupt gibt, wenig lernen. Hilfreicher sind Biografien und Lebenszeugnisse, in denen Irrwege und Wandlungen noch erkennbar sind. Heldentum und Genialität beeindrucken zwar. Von ihrem Vorbild zu lernen gelingt aber nur, wenn deutlich wird, wie diese Menschen mit Krisen und Rückschlägen umgegangen sind.

Frauen und Männer, die es dank ihrer Lebensweisheit, ihrer Weitsichtigkeit oder dank konsequenter Lebensentscheidungen zu „Vorbildklassikern“ gebracht haben – Ich denke an Mutter Teresa, an Franz von Assisi oder Dietrich Bonhoeffer – ging weite Wege bevor sie ihre Lebensaufgabe erreichten.

Die mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907-1954), deren Leben durch Schmerz, Leid und Liebe  gekennzeichnet war, ist zu einer Ikone des 20. Jahrhunderts geworden und hat auch bei vielen Jugendlichen einen gewissen Kultstatus. Vorbildlernen mit Frida bedeutet, nicht nur über ihr Leben nachzudenken, sondern auch über das eigene

Stars und Influencer, die sich täglich auf Instagram inszenieren, sind vor allem an einer großen Zahl von Nachfolgern (Followern) interessiert. Sie interessieren sich nicht wirklich für eine Kommunikation mit ihren Fans, sondern verbergen sorgfältig vor diesen, was sie hindern könnte, ihnen weiter zu folgen. Ihre Selbstpräsentationen sind für ein differenziertes Vorbildlernen ungeeignet.

Größere Lernchancen bieten in der Tat Menschen, die sich wie Lernende in einer inneren Entwicklung befinden oder befanden, die Konflikte erlebt und mit ihnen umzugehen gelernt haben. Sie haben vielleicht Fehler gemacht und verbergen sie nicht.

Frida Kahlo, 1932, portraitiert von ihrem Vater Guillermo Kahlo

Die optimistische Prognose, dass Kinder und Jugendliche allein durch die Kraft der Vernunft und die Reflexion eigener Erfahrungen ihren Weg finden, wird sich nicht erfüllen. Sie brauchen Vorbilder. Doch können Menschen Orientierung geben, deren innere Widersprüche so deutlich sichtbar werden? Brauchen wir nicht die historischen Vorbilder alter Schule?

Heldentum und Genialität beeindrucken zwar. Von ihrem Vorbild zu lernen gelingt aber nur, wenn deutlich wird, wie diese Menschen mit Krisen und Rückschlägen umgegangen sind. Frauen und Männer, die es dank ihrer Lebensweisheit, ihrer Weitsichtigkeit oder dank konsequenter Lebensentscheidungen zu „Vorbildklassikern“ gebracht haben – ich denke an Mutter Teresa, an Franz von Assisi oder Dietrich Bonhoeffer –  gingen weite Wege, bevor sie ihre Lebensaufgabe erkannten und erfüllten. Wer auf der Suche nach Identität ist, kann an vollkommenen Persönlichkeiten, sofern es diese überhaupt gibt, also wenig lernen. Hilfreicher sind also Biografien und Lebenszeugnisse, in denen Irrwege und Wandlungen noch erkennbar sind.

Stars und Influencer, die sich täglich auf Instagram inszenieren, sind vor allem an einer großen Zahl von Nachfolgern (Followern) interessiert. Sie arbeiten konsequent an ihrer  Außenwirkung und verbergen alles sorgfältig, was Anlass sein könnte, ihnen nicht länger zu folgen. Ihre Selbstpräsentationen sind für ein differenziertes Vorbildlernen ungeeignet.

Nicht nur über fremde Biografien nachdenken
Die mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907-1954), deren Leben durch Schmerz, Leid und Liebe  gekennzeichnet war, ist zu einer Ikone geworden und hat bis heute bei vielen Jugendlichen einen gewissen Kultstatus. Vorbildlernen mit Frida bedeutet, nicht nur über ihr Leben nachzudenken, sondern auch über das eigene. Menschen, die Hindernisse und Krisen als Entwicklungschancen nutzen konnten, die Konflikte erlebt und mit ihnen umzugehen gelernt haben, bieten eine ungleich größere Projektionsfläche für die Auseinandersetzung mit eigenen biographischen Fragen.

Nicht alles an Frida war vorbildlich
Sie rauchte, sie hatte zahlreiche Liebhaber. Sie verstand sich in den letzten Jahren als Atheistin, verwendete aber zahlreiche religiöse Motive. Sie war Mitglied der Kommunistischen Partei, hatte eine Affäre mit Leo Trotzki in Anwesenheit von dessen Frau und verehrte eine Zeitlang Josef Stalin. Nicht alles, was Frida tat und dachte, war und ist zur Nachahmung geeignet. Vorbildlernen bedeutet aber nicht Nachahmen eines fremden Lebens, sondern die Reflexion des eigenen Lebens im Licht einer fremden gelebten Biografie.

Biografisches Lernen mit Frida – Was könnte das heißen?
1. Welche ihrer Erlebnisse, Erfahrungen und Dilemmata sind ähnlich wie meine eigenen?
2. Welche ihrer Entscheidungen finde ich vorbildlich, mutig, wegweisend? Wo möchte ich ihr nacheifern?
3. Welches Teil ihres Lebens lehne ich eher ab? Was möchte ich anders machen?Biografisches Lernen mit Frida Kahlo. Didaktische Ansätze
1. Als junges Mädchen erlebte sie, dass ein Elternteil an sie glaubte. So begann sie zu malen.
2. Sie war eine Frau, die nicht aufhörte zu träumen, als ihr Leben am Abgrund stand: Sie litt an den Folgen der Polio-Erkrankung in ihrer Kindheit und hatte mit 18 Jahren einen schweren Verkehrsunfall. Ihre Ehe bezeichnete sie als ihren „zweiten Unfall.“
3. Es gelang ihr, die Trauer über ihre ungewünschte Kinderlosigkeit kreativ zu verwandeln. Auch die Wunden, die ihr ihr Mann zufügte, finden sich auf ihren Bildern wieder.
4. Sie wollte keine Ikone sein. Es war nicht wichtig, was ihre Mitmenschen über sie dachten.
5. Ansprüchen anderer an ihr Äußeres, ihr Erscheinungsbild und ihre Lebenseinstellungen unterwarf sie sich nicht. Dem Mainstream passte sie sich nicht an.
6. Ihre Selbstbildnisse sind Abbilder ihres Inneren, die nicht Menschen an sich zu binden wollten, sondern eher provozierend wirken können.
7. Trotz Einschränkungen, Schmerzen und Rückschlägen bejahte sie das Leben (Viva la Vida).

Von DinoraCLecaransa – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68920157

Literatur und Links:
Vanna Vinci: Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe, Prestel-Verlag 2017
María Hesse: Frida Kahlo, eine Biographie, Insel-Verlag 2018
Magdalena Holzhey: Frida Kahlo, die Malerin im Blauen Haus. Prestel-Verlag 2003
Jane Kent, Nick Ackland, Isabel Munoz: Frida Kahlo, National Geographic, 2020
Monica Brown, John Parra: Frida Kahlo und ihre Tiere, Nord-Süd-Verlag, 2017
Ingrid Pfeifer (Hg), Fanstasische Frauen, Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo. Schirn Kunsthalle Frankfurt, Hirmer-Verlag, 2020
Giorgia Simmonds, Why Frida Kahlos Unibrow is important: https://www.net-a-porter.com/de-de/porter/article-633ccbb7977517f1/lifestyle/culture/warum-frida-kahlos-augenbrauen-so-wichtig-sind
Tatiana Rodríguez, Andrea Sosa und Denis Düttmann, Feministische Ikone ohne Damenbart, https://www.neues-deutschland.de/artikel/1086219.frida-kahlo-feministische-ikone-ohne-damenbart.html

Frida Kahlo auf www.horstheller.de
12.07.2020: Der verletzte Hirsch und „Viva la Vida“ – Frida Kahlo, ihre Kunst und ihr Ja zum Leben (1/4)
14.07.2020: Damenbart, Augenbrauen und FeminismusFrida Kahlo, ihre Kunst und ihr Ja zu sich selbst (2/4)
16.07.2020: Rauch, Ruinen und RiveraFrida Kahlo, ihre Kunst und ihr Ja zum heutigen Tag (3/4)
17.07.2020: Biografisches LernenFrida Kahlo und ihr Ja zur Unvollkommenheit (4/4)
Alle vier Texte als PDF: Frida Kahlo und das Lernen am gelebten Leben. Biografische und pädagogische Notizen

10.01.2021: „Embrace your Limitations!“ Wer seine eigene Unvollkommenheit annimmt, ist barmherziger mit den Fehlern anderer