Biografisches Lernen – Frida Kahlo und ihr Ja zur Unvollkommenheit (4/4)

Frida Kahlo und das Lernen am gelebten Leben – Biografische und pädagogische Notizen zu der mexikanischen Künstlerin und zu einigen ihrer Werke (PDF)

Vorbildlernen mit gebrochenen Biografien – Geht das?
Die optimistische Prognose, dass Kinder und Jugendliche allein durch die Kraft der Vernunft und die Reflexion eigener Erfahrungen ihren Weg finden, wird sich nicht erfüllen. Sie brauchen Vorbilder. Doch können Menschen Orientierung geben, deren innere Widersprüche so deutlich sichtbar werden? Brauchen wir nicht die historischen Vorbilder alter Schule?

Die Antwort: Identitäten und Lebensentwürfe sind bis weit in das Erwachsenenalter volatil. Werte ändern sich, Rollenbilder werden erprobt, modifiziert und verworfen. Wer auf der Suche nach Identität ist, kann an vollkommenen Persönlichkeiten, sofern es diese überhaupt gibt, wenig lernen. Er benötigt Biografien und Lebenszeugnisse, in denen Irrwege und Wandlungen noch erkennbar sind. Die perfekten Vorbilder ohne Schattenseiten sind vermutlich auch noch nicht geboren.

Frauen und Männer, die es dank ihrer Lebensweisheit, ihrer Weitsichtigkeit oder dank konsequenter Lebensentscheidungen zu „Vorbildklassikern“ gebracht haben – Ich denke an Mutter Teresa, an Franz von Assisi oder Dietrich Bonhoeffer – waren weite Wege gegangen, bevor sie ihre Lebensaufgabe erreicht hatten.

Stars und Influencer, die sich täglich auf Instagram inszenieren, sind vor allem an einer großen Zahl von Nachfolgern (Followern) interessiert. Sie interessieren sich nicht wirklich für eine Kommunikation mit ihren Fans, sondern verbergen sorgfältig vor diesen, was sie hindern könnte, ihnen weiter zu folgen. Ihre Selbstpräsentationen sind für ein differenziertes Vorbildlernen ungeeignet.

Größere Lernchancen bieten in der Tat Menschen, die sich wie Lernende in einer inneren Entwicklung befinden oder befanden, die Konflikte erlebt und mit ihnen umzugehen gelernt haben. Sie haben vielleicht Fehler gemacht und verbergen sie nicht.

Frida Kahlo, 1932, portraitiert von ihrem Vater Guillermo Kahlo

Nicht alles an Frida war vorbildlich, sie wusste das selbst. Es war ihr nicht wichtig, was andere über sie dachten. Sie rauchte, sie hatte zahlreiche Liebhaber. Sie verstand sich in den letzten Jahren als Atheistin, verwendete aber zahlreiche religiöse Motive. Sie war Mitglied der Kommunistischen Partei, hatte eine Affäre mit Leo Trotzki in Anwesenheit von dessen Frau und verehrte eine Zeitlang Josef Stalin. Nicht alles, was Frida tat und dachte, war und ist zur Nachahmung geeignet. Vorbildlernen bedeutet aber nicht Nachahmen eines fremden Lebens, sondern die Reflexion des eigenen Lebens im Licht einer fremden gelebten Biografie.

Für das biografische Lernen mit Frida könnte das heißen:
1. Welche ihrer Erlebnisse, Erfahrungen und Dilemmata sind ähnlich wie meine eigenen? Wo erkenne ich mich wieder?
2. Welche Entscheidungen, die sie getroffen hat, finde ich vorbildlich, mutig, wegweisend? Wo möchte ich ihr gerne nacheifern?
3. Welches Teil ihres Lebens lehne ich eher ab? Was möchte ich anders machen?

Biografisches Lernen mit Frida Kahlo. Didaktische Ansätze
1. Als junges Mädchen erlebte sie, dass ein Elternteil an sie glaubte. So begann sie zu malen.
2. Sie war eine Frau, die nicht aufhörte zu träumen, als ihr Leben am Abgrund stand: Sie litt an den Folgen der Polio-Erkrankung in ihrer Kindheit und hatte mit 18 Jahren einen schweren Verkehrsunfall. Ihre Ehe bezeichnete sie als ihren „zweiten Unfall.“
3. Es gelang ihr, ihre ungewünschte Kinderlosigkeit und Trauer kreativ aufzunehmen. Die Wunden, die ihr ihr Mann zufügte, finden sich auf ihren Bildern wieder.
4. Sie wollte keine Ikone sein. Es war nicht nicht wichtig, was ihre Mitmenschen über sie dachten.
5. Sie gab die Hoffnung nicht auf und stand nach Tiefschlägen immer wieder auf.
6. Ansprüche anderer an ihr Äußeres, ihr Erscheinungsbild und ihre Lebenseinstellugnen, empfand sie als ungerechtfertigt. Dem Mainstream passte sie sich nicht an.
7. Sie widerstand der Versuchung, sich auf ihren Bildern zu inszenieren.
8. Trotz Einschränkungen, Schmerzen und Rückschlägen bejahte sie das Leben (Viva la Vida).

Von DinoraCLecaransa – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68920157

Literatur und Links:
Vanna Vinci: Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe, Prestel-Verlag 2017
María Hesse: Frida Kahlo, eine Biographie, Insel-Verlag 2018
Magdalena Holzhey: Frida Kahlo, die Malerin im Blauen Haus. Prestel-Verlag 2003
Jane Kent, Nick Ackland, Isabel Munoz: Frida Kahlo, National Geographic, 2020
Monica Brown, John Parra: Frida Kahlo und ihre Tiere, Nord-Süd-Verlag, 2017
Ingrid Pfeifer (Hg), Fanstasische Frauen, Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo. Schirn Kunsthalle Frankfurt, Hirmer-Verlag, 2020
Giorgia Simmonds, Why Frida Kahlos Unibrow is important: https://www.net-a-porter.com/de-de/porter/article-633ccbb7977517f1/lifestyle/culture/warum-frida-kahlos-augenbrauen-so-wichtig-sind
Tatiana Rodríguez, Andrea Sosa und Denis Düttmann, Feministische Ikone ohne Damenbart, https://www.neues-deutschland.de/artikel/1086219.frida-kahlo-feministische-ikone-ohne-damenbart.html

Frida Kahlo auf www.horstheller.de
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