„Noch 10 Minuten, dann sind wir fertig.“ Das berühmte Portrait Beethovens ist 200 Jahre alt geworden.

Joseph Stieler, Ludwig van Beethoven (1820)

Joseph Stieler war einer der angesehensten Maler seiner Zeit. Die Darstellung Beethovens, die wie keine andere unser Bild des Komponisten geprägt hat, entstand in der Zeit von Februar bis April des Jahres 1820. Weil beide, Maler und Komponist, Notizen zur Entstehung des Gemäldes machten, ist seine Entstehung gut dokumentiert. Beethoven besuchte Stieler immer wieder in seinem Atelier und besprach viele Details des Projekts mit ihm: In welcher Pose sollte der Komponist abgebildet werden? In welcher Haltung konnte er auch längere Zeit stillsitzen? Aus welcher Richtung sollte das Licht auf die Szene fallen? Welche Kleidung sollte Beethoven tragen?

Als das Portrait vollendet war, wurde es schnell zur bekanntesten Darstellung des Komponisten. Sitzend hält er einen Stift und ein Notenmanuskript in den Händen. Die Augen des Komponisten schauen keineswegs auf das Blatt, obwohl er im Begriff zu sein scheint, Noten zu notieren. Sie richten sich vielmehr nach oben und blicken in die Richtung, aus der das Licht kommt. Damit knüpft Stieler an Heiligendarstellungen früherer Jahrhunderte an, die auch ihren Blick auf das Jenseitige richten. Die Gottesmänner und -frauen wenden sich ganz dem Göttlichen zu. So scheint den genialen Komponisten die Inspiration aus dem Himmel zu erreichen. Der Betrachter soll verstehen: Komponieren ist kein Handwerk am Schreibtisch oder am Klavier, sondern das Hören auf die Inspiration aus der Welt der Melodien.

Im Hintergrund ist ein Waldstück zu sehen. Es ist dunkel gehalten und soll den Blick nicht von der dargestellten Person lenken. Von Beethoven wissen wir, dass er ein Freund der Natur war und Spaziergänge am Nachmittag liebte. Er scheint am Rande einer Waldlichtung inmitten von grünem Pflanzen zu sitzen. Doch die Kleidung des Maestro passt nicht zu diesem Rahmen. Er trägt einen anthrazitfarbenen Hausmantel, der Hemdkragen ist weit geöffnet. Der rote Schal unterstreicht den legeren Kleidungsstil. Wollte sich ein Mann seiner Zeit portraitieren lassen, wählte er eigentlich ein anderes Hemd, ein weißes Halstuch und einen langen Mantel. Beethoven und Stieler entschieden sich aber für eine Home-Story, die vordergründig realistisch wirken sollte: Der große Beethoven notiert inmitten der Natur und im Hören auf die innere Stimme seine genialen musikalischen Einfälle. Gerade damit aber idealisiert das Gemälde den Komponisten. Der mühsame Kampf gegen das leere Blatt, die Verwendung seiner unzähligen Notizzettel, auf denen er Einfälle notiert hatte, und die unvermeintlichen Korrekturen und Verbesserungen werden nicht abgebildet. Und natürlich ist auch nicht zu erkennen, dass Beethoven im Jahr 1820 bereits vollständig ertaubt war und an einer Reihe weiterer Beschwerden litt.

Das Manuskript, das der Komponist in der Hand hält ist klar zu identifizieren. Es handelt sich um die Missa Solemnis, die Beethoven mindestens zeitweise für sein bestes Werk hielt. Auf der Seite, die vom Betrachter zu sehen ist, ist der Titel der Komposition zu lesen. Beethoven hatte – ausnahmsweise in Schönschrift – notiert, wie er sich diese Seite vorstellte. Stieler setzte das um und ahmte auch die Handschrift Beethovens nach. Auf der Seite, auf der Beethoven gerade zu schreiben ansetzt, sind die ersten Buchstaben des Wortes „Credo“ und ein Notensystem zu sehen. Vorzeichen finden sich dort nicht. Die erste Note ist ein C, nach der Art Beethovens mit einem Notenhals auf der „falschen“ Seite notiert. Dass das Credo der Missa Solemnis in einer schwer zu identifizierenden Tonart, keinesfalls aber in C-Dur steht, ist nur ein Detail und sei am Rande angemerkt.

Die Liebe des Malers zum Detail forderte dem eigenwilligen Maestro alles ab. Trotz eines anscheinend guten Einvernehmens erschien Beethoven mindestens zweimal nicht zur angekündigten Sitzung. Ein undatiertes Entschuldigungsschreiben ist erhalten: „Wertester Stieler, heute ist es unmöglich mich zu Ihnen zu begeben. Morgen werde ich aber Punkt elf Uhr bei Ihnen sein. Sie verzeihen schon. In Eile Ihr mit Hochachtung ergebenster Beethoven.“ Möglicherweise ist der Komponist kurz vor Fertigstellung des Portraits aber doch nicht mehr erschienen. Das erklärt vielleicht, warum seine Hände auf dem Gemälde wenig ausdrucksstark sind. Mit der glatten Haut und den lackierten Nägeln wirken wie die gepflegten Hände einer Frau.

Das Portrait Beethovens hat stilbildend gewirkt und prägt bis heute unser Bild des Komponisten. Beethoven ist dramatisch, grimmig, wild und ein wenig cool. Zahlreiche künstlerische Darstellungen nehmen das von Stieler geprägte Bild des Komponisten auf und variieren es. Vor allem im 19. Jahrhundert wurde die Beethovendarstellung Stielers zum Vorbild vieler Darstellungen. Drei Beispiele aus der Gegenwart, deren künstlerischer Wert begrenzt ist, die aber dennoch Ausdruck der Verehrung des Komponisten sind, belegen, dass die Wirkungsgeschichte des Gemäldes noch nicht zu Ende ist.

Literatur
Silke Bettermann, In bester Gesellschaft. Joseph Stielers Beethoven-Portrait und seine Geschichte. Beethoven-Haus Bonn 2019

Mein Beethovenjahr 2020 auf www.horstheller.de

01.03.2020: The King’s Speech und die Sprechhemmungen des Königs: Beethovens Siebte -Mein Beethovenjahr (1/9)

29.03.2020: Die Sinfonie, die mit einem Dominantseptakkord beginnt. Beethovens Erste – eine charmante Provokateurin – Mein Beethovenjahr 2/9

24.05.2020: Tonmalerei galt als Todsünde des Komponierens. Beethoven war das egal. Für Götter galten solche Regeln nicht. Beethovens Pastorale – Mein Beethovenjahr 3/9

28.06.2020: Die Gute-Laune-Sinfonie zwischen den Titanen: Beethovens Achte – Mein Beethovenjahr 4/9

23.08.2020: Die „Sinfonia grande“, auf deren Deckblatt jemand heftig radiert haben muss: Beethovens Eroica – Mein Beethovenjahr 5/9

16.09.2020: „Noch 10 Minuten, dann sind wir fertig.“ Das Beethoven-Portrait Joseph Stielers wirkt bis heute nach.

04.10.2020: Freude schöner Götterfunken: Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenze genau bei Takt 697 der Ode an die Freude. Beethovens Neunte – Mein Beethovenjahr 6/9

18.10.2020: „Der angestochene Lindwurm, der nicht ersterben wollte.“ Die Sinfonie, die das Publikum erschreckte, gilt heute als graue Maus – zu Unrecht: Beethoven Zweite – Mein Beethovenjahr 7/9

15.11.2020: War Beethovens Metronom in Reparatur? Das Rätsel um das teuflische Tempo im Schlusssatz von Beethovens Vierter – Mein Beethovenjahr 8/9

20.12.2020: Da – da – da – daaaa! Das vielleicht bekannteste Motiv der Musikgeschichte erklang wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1808 zum ersten Mal: Beethovens Fünfte – Mein Beethovenjahr 9/9