Viren sind dann am gefährlichsten, wenn man sie leugnet. Warum wir über Rassismus reden müssen.

Im vergangenen Jahr erschien der erste Band von Barack Obamas Präsidentschaftserinnerungen. Er erzählt darin sehr persönlich von seinem Weg vom jungen Mann auf der Suche nach einer Identität bis hin zum 44. und ersten farbigen Präsidenten der USA. Besonders eindrücklich sind die Beschreibungen des Balanceaktes, seinen Idealen und Werten treu zu bleiben, als er unvermittelt auf der Weltbühne stand und Macht in seinen Händen hielt.

Mehrfach berichtet er von rassistischen Entgleisungen, die nicht nur von Gegnern, sondern auch von seinen Unterstützern geäußert wurden. Er unterstreicht, dass in seiner Wahrnehmung Rassismus im Alltag der amerikanischen Gesellschaft oft nicht als das erkannt wird, was er ist, nämlich als unbewusst oder bewusst negierte, aber trotzdem vorhandene Präferenz in den Köpfen der Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft für die eigene Herkunft, die eigene Hautfarbe, die eigene Kultur. Sie äußert sich oft gar nicht in offenen Angriffen, sondern in einem unausgesprochenen Gefühl der Überlegenheit aufgrund des simplen Umstands, dass sie der Mehrheit angehören.

„Organisatoren sahen sich immer wieder Inseln rassistischer Feindseligkeit gegenüber, die teils sogar von potenziellen Unterstützern offen geäußert wurden. Geistige Beschränkung war weiter verbreitet als Bösartigkeit, und unsere freiwilligen Helfer bekamen Bemerkungen zu hören, wie sie jede schwarze Person kennt, die Zeit in einem größtenteils weißen Umfeld verbracht hat, Variationen des Themas „Ich betrachte ihn eigentlich gar nicht als Schwarzen… Ich meine, er ist so intelligent.“ (Barack Obama, Ein verheißenes Land, München, 2020, S. 172 f)

Rassismus, das lernen wir aus diesen Ausführungen, kann auch mit wohlwollender Absicht geäußert werden, ist aber nichtsdestoweniger verletzend. Dieses Phänomen findet sich wohl in fast allen Gesellschaften – auch in der deutschen.

Parteien, Organisationen auf Gipfeltreffen und in Debatten bemühen sich hierzulande immer öfter um Integration, zuletzt auf dem Integrationsgipfel in Berlin. Integration erfordert Bemühungen von beiden Seiten. Niemals aber darf die Mehrheitsgesellschaft von einer Minderheit verlangen, ihre religiöse, kulturelle oder sprachliche Identität zu verleugnen, um einer Benachteiligung zu entgehen. Die Geschichte der jüdischen Assimilation in Deutschland zeigt, dass die Preisgabe aller sichtbaren Kennzeichen des Andersseins keineswegs vor Verfolgung schützt. Abgesehen davon sind diese – wie beispielsweise die Hautfarbe – oft unveränderlich. Mit anderen Worten: Es kann nicht darum gehen, dass sich Angehörige von Minderheiten der gesellschaftlichen Mehrheit anpassen. Vielmehr muss es darum gehen, sie zu stärken (Empowerment) und gegen Angriffe und Diskriminierung zu schützen.

Erst wenn eine Gesellschaft den durch tradierte Denkmuster und nicht hinterfragte Narrative verbreiteten Rassismus in den Köpfen nicht mehr leugnet, wird sie aufhören, reflexartig von „Einzeltätern“ und „Einzelfällen“ zu sprechen, wenn in ihrer Mitte – völlig unerwartet! – ein rassistisches Verbrechen geschieht. Dann erst kann sie beginnen, besser – und das heißt entspannter und großzügiger – mit Heterogenität und Diversität umzugehen. Solange aber bleibt die Verleugnung ein Feuchtbiotop, in dem Diskriminierung gedeiht und rassistische Denkmuster tradiert werden. Viren sind am gefährlichsten, wenn ihre Existenz geleugnet wird.

Obama erzählt von Kindern afroamerikanischer Eltern, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine blonde Barbiepuppe betrachten. Die Fragen, die ein Kind angesichts dieser Entdeckung an sich selbst stellt, zählt er zu den „Giftstoffen, die schwarze Mädchen täglich in sich aufnehmen“ (S. 197) und die auch seine Familie belastete:

Ich begriff [rassistische Feindseligkeit] als Teil eines allmählich entstehenden bewusst negativen Portraits von uns, das sich aus Stereotypen zusammensetzte, von Angst befeuert war und dazu angetan, eine allgemeine Nervosität angesichts der Vorstellung zu nähren, ein Schwarzer könnte die wichtigsten Entscheidungen des Landes treffen und mit seiner schwarzen Familie im Weißen Haus sitzen. Doch ich war weniger besorgt darüber, was all das für den Wahlkampf bedeutete, als es mich viel mehr schmerzte zu sehen, wie es Michelle verletzte, wie es meine starke, intelligente und schöne Frau an sich selbst zweifeln ließ. (Barack Obama, Ein verheißenes Land, München, 2020, S. 198)

Es gelingt ihm in seinem Buch, die Erfahrungen mit dem alltäglichen Rassismus seinen mehrheitlich weißen Lesern zu schildern, ohne sie anzuklagen oder zu einer Rechtfertigung zu nötigen. Auch Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft wird es so möglich, die eigene Haltung kritisch zu überprüfen. Die antirassistischen Passagen seines Buches sind ein Appell, offener und sensibler zu werden. Er kommt (hoffentlich) auch Menschen zu gute, die unter ähnlichen verletzenden Stereotypen leiden, denen aber aufgrund fehlender Prominenz niemand Gehör schenkt.

Links zum Thema
Bundeszentrale für politische Bildung: Rassismus https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/213670/rassismus
„Unterdrückungssysteme werden täglich geleugnet.“ Emilia Roig im Gespräch mit Benedikt Schulz https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=898554

Blogbeiträge zu Barack Obamas Präsidentschaftserinnerungen auf www.horstheller.de
07.03.2021: Wer ist Lilly Ledbetter? Warum der Equal Pay Day noch vor uns liegt.
21.03.2021: Viren sind am gefährlichsten, wenn man sie leugnet. Warum wir über Rassismus reden müssen
25,07.2021: „Du bist der Präsident!“ Was die Rettung der Tiger mit Generationengerechtigkeit und Klimawandel zu tun hat.

Blogbeiträge zum Thema auf http://www.horstheller.de
25.01.2020: Den Verfolgung Gesichter zuordnen und die „Stillen Helden“ ehren. Vier Erinnerungen.
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