„Ohne Vertrauen beißt du net in a Bratwurstsemmel nei.“ Es geht auch in 2023 nicht ohne.

Horst Heller

„Wird’s besser? Wird’s schlimmer?,
fragt man alljährlich.
Aber seien wir ehrlich,

Leben ist immer
lebensgefährlich.“

Das dichtete vor Jahrzehnten Erich Kästner. Er hatte recht. In diesen Dezembertagen fragen wir uns wieder: Was wird das neue Jahr uns bringen? Werden etwa Bomben und Raketen auch bei uns niedergehen? Wird das Sterben der Arten ungebremst weitergehen?

Die Gefahren sind hausgemacht. Es sind Menschen, die diese Welt davor bewahren könnten, näher an den Kipppunkt heranzurücken. Es sind Menschen, die ihre Soldaten noch vor Weihnachten nach Hause rufen könnten. Doch die Hoffnung, dass die Mächtigen Einsicht zeigen, ist gering. Wir leben in einer komplizierten globalisierten Welt, die noch dazu voller Ungerechtigkeit ist. Und so bliebt die Sorge, dass das Leben auch 2023 lebensgefährlich bleiben könnte.

Mein Freund Wolfgang Buck, ein „dialektischer Songkünstler“ aus Franken, hat mich mit einem seiner neuen Lieder daran erinnert, dass ein Leben ohne Vertrauen nicht möglich ist. Auch er hat recht. Ohne Vertrauen in die Arbeit der Handwerker trete ich nicht auf den Balkon meiner Wohnung. Ohne Vertrauen in die Ehrlichkeit der Menschen schließe ich nicht abends mein Büro zu, in dem meine berufliche Existenz aufbewahrt wird. Ohne Vertrauen in das Leben kann ich nicht mal abends beruhigt die Augen schließen.

Wolfgang Bucks Lied „Verdrauen“ ist auch für nicht fränkische Hörerinnen und Hörer gut verständlich. Ich habe dennoch eine Übertragung des Songtextes in die Standardsprache versucht, an der aber die dialektale Prägung noch ein wenig erhalten bleiben durfte.

Ohne Vertrauen fährst du ned über die Brückn übern Main.
Ohne Vertrauen steigst du net in den Flieger nach Amsterdam ein.
Ohne Vertrauen witterst du hinter jeder Ladentheke einen, der dich bescheißt.
Ohne Vertrauen lebst immer in der Angst, dass dein ICE entgleist.

Ohne Vertrauen schickst du keine kleinen Menschen in die unberechenbare Welt nei.
Ohne Vertrauen beißt du net in a Bratwurstsemmel nei.
Ohne Vertrauen sperrst du alle Türen zu, weil da draußen wimmelts von Feinden.
Ohne Vertrauen keine Umarmung und kein Kuss, keine Liebe und kein Freund.

Ohne Vertrauen – Du lebst ned ohne Vertrauen.
Ohne Vertrauen – Es geht ned ohne Vertrauen.

Ohne Vertrauen stellst du net an dein Blumenfeld a Kassa zum Selberzahlen hie.
Ohne Vertrauen, das ist das Gschäftsmodell der verqueren Schwurbler
und der Verschwörungsindustrie.

„Ich vertraue niemandem mehr als mir selbst“, sagte mir kürzlich ein Taxifahrer. Welche Erfahrungen hatte er wohl gemacht, die ihn zu einem enttäuschten und einsamen Menschen werden ließen? „Es geht nicht ohne Vertrauen“, versuchte ich zu sagen. Doch er wollte oder konnte auch mir nicht glauben.

Später dachte ich: Ohne Vertrauen gelingt dem Menschen nicht einmal sein eigenes Leben. Doch der Glaube an die Zukunft kann nicht befohlen werden. Vertrauen entsteht erst, wenn die Angst weicht. Und die Angst vor der Zukunft schleicht sich erst, wenn Vertrauen wächst.

Die Regeln für das Zusammenleben der Nationen werden schon seit Jahren von einigen der Mächtigen täglich gebrochen. Im Jahr 2022 hat diese Destruktion für alle sichtbar auch Europa erreicht. Denen, die den Krieg befohlen haben, kann ich keinen Glauben mehr schenken. Gibt es dennoch die Chance für ein neues Vertrauen in die Zukunft? Die Antwort lautet mit Wolfgang Buck: „Es geht nicht ohne Vertrauen.“ Denn niemandem zu vertrauen ist keine Lösung und eine Illusion. Spätestens wenn ich von Krankheit, Verlust oder dem Sterben betroffen bin, werde ich merken, wie sehr ich auf Hoffnung angewiesen bin und wie lebensnotwendig ein Vertrauen auf Menschen oder auf Gottt ist. Es ist schon in diesen Leben wichtig, Vertrauen zu lernen, das auch Enttäuschungen verkraften kann.

Ohne verdrauen fährsd du ned mid deim audo ieber di bruggn iebern main
ohne verdrauen ohne verdrauen schdeigsd du ned in den fliecher af amsderdam ei

ohne verdrauen schiggsd du kaane klann menschn in die unberechnbore weld nei
und ohne verdrauen ohne verdrauen beissd du ned in a brodwoschdsemml nei

ohne verdrauen widdersd du hinder jeder lodndeegn aan wu diech bscheissd
ohne verdrauen ohne verdrauen lebbsd du immer in der angsd däss dei ICE endgleisd

ohne verdrauen schberrsd du alle dürn zu wall do draußn do wimmlds vo feind
ohne verdrauen ohne verdrauen ka umarmung und kann kuss ka liebe und ka freind

ohne verdrauen du lebsd ned ohne verdrauen
ohne verdrauen es gehd ned ohne verdrauen


ohne verdrauen schdellsd du ned an dein blummafeld a kassa zum selberzohln hie
ohne verdraun des is des gschäfdsmodell fier verquere schwurbler und di verschwörungsindusdrie

Wolfgang Buck, Verdrauen (aus der CD VIssäwie) – mit seiner freundlichen Genehmigung

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