Jesus, ein König. Vorweihnachtliche Gedanken über einen Hoheitstitel Jesu, dessen didaktisches Potential unterschätzt wird.

Horst Heller

Eine vorweihnachtliche Quizfrage: Von wie vielen Königen erzählen die biblischen Weihnachtsgeschichten? Die Antwort wird in der Regel lauten: Von drei Königen. Und nicht wenige werden auch die Namen kennen, die ihnen eine mittelalterliche Tradition gegeben hat: Caspar, Melchior und Balthasar.

Die Antwort ist falsch und richtig zugleich. Die Evangelisten Matthäus und Lukas erzählen in der Tat von drei Königen. Ihre Namen aber sind Herodes, Jesus und David.

Der Reihe nach: Die Sterndeuter aus dem mittleren Osten sind gelehrte Astronomen und Astrologen. So erählt es die Weihnachtsgeschichte des Matthäus. Sie haben bei ihren Beobachtungen des Nachthimmels einen neuen Stern gesehen, der auf die Geburt eines besonderen Königs hindeuten. Sie reisen nach Judäa, weil sie dessen Geburt dort vermuten, und treffen in Jerusalem ein, wo sich König Herodes der Große aufhält. Sie fragen ihn nach dem neugeborenen König der Juden.

Zu dieser Zeit war Herodes König. Da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem. Sie fragten: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Denn wir haben seinen Stern im Osten gesehen und sind gekommen, um ihn anzubeten.“ (Matthäus 2,2)

aus: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Christus, op. 97, mit Anna Nesyba (Sopran), dem Monteverdi-Chor Würzburg und den Thüringer Symphonikern Saalfeld-Rudolstadt. Ltg.: Matthias Beckert

Herodes (37-4 v. Chr.) ist also der erste der drei Könige der biblischen Erzählungen. Er wachte eifersüchtig darüber, dass niemand ihm von Thron stoßen konnte. Nichts fürchtete er mehr, als dass ein neuer König in seinem Land geboren werden könnte. Was Matthäus in seiner Geburtsgeschichte erzählt, passt gut zu dem Bild, das uns die Geschichte von ihm zeichnet. Aufgeschreckt von den Sterndeutern beauftragt Herodes die Religionsgelehrten seines Hofstaats nachzuforschen, ob in den Schriften des Alten Testaments von der Geburt eines Königs die Rede ist und wo dieser geboren werden soll. Er hat nichts Gutes im Sinn! Die Schriftkundigen werden fündig:

Du aber, Betlehem, du bist zu klein, um zu den Landstädten Judäas zu zählen. Doch aus deiner Mitte soll einer kommen, der Herrscher sein wird in Israel. (Micha 5,1)

In Bethlehem wird er also zur Welt kommen. Damit ist der zweite König der biblischen Weihnachtsgeschichte genannt. Es ist das Kind in der Krippe. Sein Königtum unterscheidet sich allerdings sehr von dem des Herodes. Dazu gleich mehr.

Der dritte König ist ebenfalls in Bethlehem geboren. Es ist David. Sein Thron in Jerusalem steht schon lange nicht mehr. Aber der Name dieses Königs fällt immer dann, wenn Israel an die guten Zeiten denkt, die lange vergangen sind.

Die Erzählung von den Sterndeutern lesen wir im Evangelium des Matthäus. Die zweite Geburtsgeschichte findet sich im Evangelium des Lukas. Er erzählt nicht von Sterndeutern, sondern von Engeln, Hirten und einer Herberge. So ganz anders ist seine Geschichte, doch die drei Könige Herodes, David und Jesus kommen auch bei ihm vor. Er beginnt sein Buch – nach der Vorrede mit dem Satz:

Zu der Zeit, als Herodes König von Judäa war, lebte in Judäa ein Priester … (Lukas 1,5)

Damit ist der erste der Könige bereits eingeführt. Und wenig später nennt er auch die anderen:

Da sagte der Engel zu ihr: „Fürchte dich nicht, Maria. Gott schenkt dir seine Gnade. Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben. … Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vorfahren David geben. Er wird für immer als König herrschen über die Nachkommen Jakobs. Seine Herrschaft wird niemals aufhören.“ (Lukas 1,30-33)

Jesus, ein König. Schülerinnen und Schüler jeden Alters wissen, was ein König ist. Schon im Grundschulalter können sie zudem erkennen, dass der neugeborene König in der Krippe sich sehr von Herodes unterscheidet. Anders als der kluge, aber skrupellose Herodes liegt ihm weder an Machterhaltung oder Prachtentfaltung. Er lebt nicht in einem Schloss, sondern wird in einer Herberge geboren, kleidet sich nicht in kostbare Gewänder, sondern wird in Windeln gewickelt. Die ersten Besucher seines Lebens sind Hirten, denen gewöhnlich niemand Achtung entgegenbrachte. Das alles können schon Kinder erarbeiten.

Im Unterricht der Sekundarstufe werden dann die Titel untersucht, die der Engel des Lukasevangeliums verkündigt. Die Hirten werden in der Nacht von einem Licht aufgeschreckt und hören im wörtlichen Sinn die Engel singen. Doch einer der Himmelsboten nimmt ihnen die Angst und hat eine klare Botschaft:

Heute ist in der Stadt Davids für euch der Retter geboren worden: Er ist Christus, der Herr. (Lukas 2,11)

Diese Botschaft des Engels ist nicht leicht zu verstehen. Auf einen Retter – Martin Luther nennt ihn Heiland – hoffen Menschen, die in Not sind. Aber wie oft haben Völker und Gruppen auf den falschen Retter gesetzt! Auch in der Zeit Jesus behaupteten Kaiser und Könige von sich, dass sie die Herren, Retter und Friedensbringer seien. Das bestreitet der Engel. Sie sind keine Heilande, der wirkliche Retter liegt in der Krippe.

Wieder wird an David, den König der Frühzeit Israels erinnert. In der Zeit des Alten Testaments wurden Könige nicht gekrönt, sondern gesalbt. In diesem Zusammenhang ist das Wort Christus wichtig. Dieses Wort ist im Laufe der Jahrhunderte zu einem Namen Jesu geworden. Es ist aber ein Titel, der ins Deutsche übersetzt „der Gesalbte“ bedeutet. Wenn der Engel das Kind in der Krippe also Christus nennt, dann gibt er ihm damit ein weiteres Mal die Würde eines Königs.

Es gibt also viele Gründe, dem Königstitel nachzugehen. Eigentlich unverständlich, dass er in Glaubensbekenntnissen, in Predigten und religionspädagogischen Ausarbeitungen so selten thematisiert wird.

Er gehört übrigens nicht allein in die Weihnachtsgeschichte, sondern findet sich auch in der Passion Jesu:

Jesus wurde vor den römischen Statthalter gebracht. Pilatus fragte ihn: „Bist du der König der Juden?“… Die Soldaten von Pilatus brachten Jesus in den Palast, das sogenannte Prätorium. Dort kam die ganze Kohorte zusammen. Sie zogen Jesus aus und hängten ihm einen scharlachroten Mantel um. Sie flochten eine Krone aus Dornenzweigen und setzten sie ihm auf den Kopf. In seine rechte Hand gaben sie ihm einen Stock. Dann knieten sie vor ihm nieder und machten sich über ihn lustig: „Hoch lebe der König der Juden!“ (Matthäus 27,11 und 27-29)

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