„Mein Land ist da, wo meine Füße stehen.“ Ein Plädoyer gegen die Nationalismen unserer Tage

Horst Heller

Das Land auf beiden Seiten des Grenzsteins sieht sich zum Verwechseln ähnlich. Rechts und links wachsen die gleichen Bäume und leben die gleichen Käfer und Singvögel. Der Regenschauer und das Wild macht an der Landesgrenze nicht hat. Doch der Mensch darf diese Grenze nicht einfach überschreiten. Hat er einen bestimmten Ausweis in der Tasche, ist er willkommen und darf bleiben. Andernfalls wird er festgenommen. Grenzen werden von Menschen gezogen.

Woher kommt die Idee, dass Staaten ihre Außengrenzen mit einem Schlagbaum versehen? Woher nehmen sie das Recht, zu bestimmen, für wen sie geöffnet werden? Mit welcher inneren Begründung erlassen sie ein Gesetz, das es Menschen aus fernen Ländern verbietet, sich da eine Wohnung zu mieten, eine Arbeit zu suchen, ein Café zu besuchen, wo es ihnen gut geht?

Als im Altertum die griechischen Auswanderer den gesamten Mittelmeerraum besiedelten, um in der Ferne ihr Glück zu suchen, fragen sie nicht, ob sie dadurch fremde Rechte verletzten. Als die Spanier und Portugiesen am Beginn der Neuzeit erstmalig einen Kontinent betraten, den sie nicht kannten, nahmen sie dieses Land in Besitz. Als sich Europäer im 19. Jahrhundert auf dem afrikanischen Kontinent festsetzten, nutzten sie dessen Klima und die Bodenschätze der Kolonien zum Vorteil ihrer Herkunftsländer. Heute bereisen Europäer mit Entdeckerfreude Marokko und die Mongolei. Warum verbieten sie es, dass deren Bewohner auch zu ihnen kommen?

Die Politik gibt Antworten auf diese Fragen: Es geht um die Bewahrung des Wohlstands, um den Schutz der Sozialsysteme und um die Steuerung von Migration und Einwanderung. Doch hinter diesen Zielen steht letztlich ein einziges Motiv: Dass die europäischen Grenzen nur für Europäer und für ausgewählte Angehörige anderer Nationen sowie für wenige Willkommene geöffnet werden, ist Ausdruck eines modernen Nationalismus.

Nationale Egoismen bauen eine Mauer am Rio Grande, treiben Bootsflüchtlinge zurück nach Libyen und bauen Grenzzäune in Ceuta und Melilla. Der Nationalismus des 21. Jahrhunderts hat das Wort „illegale Einwanderung“ erfunden und programmiert Raketen so, dass sie Städte, Dörfer und das Leben von Menschen zerstören.

Dass es Nationen gibt, die durch transparente Willensbildung ihre Angelegenheiten regeln und dafür nicht der Zustimmung einer fernen Majestät bedürfen, ist eine Errungenschaft der letzten Jahrhunderte. Dass es deshalb auch Ländergrenzen geben muss, ist einsichtig. Dass diese aber durch Stacheldraht unpassierbar werden, ist eine nationalistische Ungerechtigkeit.

In Palermo, einer Stadt, die bis vor kurzem auch Zuwanderern mehr Würde und Heimat als andere Städte anbot, habe ich diesen Satz entdeckt: Mein Land ist da, wo meine Füße stehen. Dieses Motto plädiert nicht für eine fundamentalistische Änderung der Politik Europas, lädt aber ein, Nationalität modern, global und human zu denken.

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