Große Vergangenheit: Es geht nicht darum, sie zu bewahren, sondern ihre Träume zu verwirklichen. Ein Motto für Kirche und Religionsunterricht?

Horst Heller CC BY-SA 4.0
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Man hatte mir gesagt, Salerno, einige Kilometer südlich von Neapel, sei ein besonders sehenswerter Ort. Bis zum Frühsommer war sie ein weißer Fleck auf meiner Landkarte Italiens, das sollte sich nun ändern. Was tut ein Kirchenmensch, wenn er eine unbekannte Stadt kennenlernen will, sich aber nicht vorbereitet hat? Er geht in das historische Zentrum und sucht nach dem Dom. Die Kathedrale San Matteo war nicht schwer zu finden. Große Vergangenheit! Ich betrat das Juwel des 11. Jahrhunderts und traute meinen Augen nicht: In der Krypta entdeckte ich das Grab eines biblischen Evangelisten! Ich las: Seit der Zeit der Kreuzzüge befindet sich hier das Grab des Evangelisten Matthäus. Im 17. Jahrhundert wurde die Grabstätte prächtig ausgestaltet. Und wenn auch barocke Gotteshäuser nicht immer meinen Geschmack treffen, blieb ich lange und stehen und staunte. Große Vergangenheit!

Und doch war ich irritiert. Ich machte mich auf die Suche nach einer Kaffeebar, in der ich einen Moment Platz nehmen konnte. Als ein Caffè und ein Glas Wasser vor mir standen, versuchte ich meine Gedanken zu ordnen. Ich hatte immer geglaubt, der Verfasser des ersten Evangeliums sei ein verehrungswürdiger, aber unbekannter biblischer Schriftsteller. Hier aber fand ich nun sein Grab. Wie ging das zusammen?

Noch etwas anderes beschäftigte mich. Selbst wenn ich glauben könnte, dass der Evangelist Matthäus hier seine letzte Ruhestätte gefunden hatte, was würde das für mich und meinen Glauben ändern? Während ich in den Gassen der Stadt nach weiteren Highlights Ausschau hielt, suchte ich nach einer Antwort. Da stand ich unvermittelt auf einem belebten Platz, der auf einer Seite an eine rotbraun verputzte Mauer grenzte. Davor saßen auf zwei Bänken Pensionäre und schwiegen, ihnen gegenüber plauderten Frauen mit Einkaufstaschen in der Hand. Kinder spielten Fußball oder übten Kunststücke mit ihrem Fahrrädern. Die Mauer war durch einige Graffiti verziert, deren Bedeutung sich mir nicht erschlossen. Darüber aber stand mit großen weißen Buchstaben ein ganzer Satz zu lesen, er zog sich über ihre gesamte Länge der Wand. „Non si tratta di conservare il passato, ma di realizzare le sue speranze.” Und dahinter, ganz klein: Theodor W. Adorno.

Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu bewahren, sondern ihre Träume zu verwirklichen.

Ich konnte nicht verifizieren, ob dieser Satz wirklich von Theodor W. Adorno, dem Mitbegründer der Kritischen Theorie stammt. Und welches Anliegen die Mütter und Väter von Salerno mit diesem Zitat verbanden, als sie es hier anbringen ließen, hätte ich sicher erfragen können. Aber dieses Wort löste etwas in mir aus und ließ mich nicht mehr los. Es lehrte mich, in meiner Arbeit weniger Energie dafür aufzuwenden, den Status quo zu erhalten und deren „sterbliche Überreste“ zu bewachen. Ein Rückzug ins Private ist aber auch nicht meine Sache. Ich nahm mir vor, neue Wege zu inspirierenden Zielen zu suchen und zu beschreiten.

Wer Matthäus war und wessen Gebeine wirklich in San Matteo bestattet sind, war nun nicht mehr von Belang. Wichtiger ist es, sich dem verpflichtet zu wissen, was den Evangelisten als Lebenden antrieb und herauszufinden, auf welchen neuen Wegen wir ihm folgen können. Vielleicht entdecken ja auch Theologinnen, Religionspädagogen, Schulmenschen und Bildungsverantwortliche mit mir die Chance der Veränderung.

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