Unvollendet ist Franz Schuberts Leben, nicht seine h-Moll-Sinfonie. Sie entstand im Oktober 1822.

Horst Heller, CC BY-SA

Würde uns Franz Schubert heute begegnen und könnten wir ihn zu seiner „Unvollendeten“ befragen, so würde er uns wahrscheinlich irritiert antworten: „Ich starb mit 31 Jahren und konnte viele Kompositionen nicht vollenden. Welches meiner über 1000 Werke meinst du?“ Würden wir ihm dann erklären, dass wir seine h-Moll Sinfonie meinen, deren zwei Sätze er vor zweihundert Jahren zu Papier brachte, dann würde er vielleicht antworten: „Unvollendet ist eine meiner Opern, unvollendet sind mehrere meiner Klaviersonaten sowie andere Kammermusik, aber diese Sinfonie sollte so, wie sie jetzt ist, aufgeführt werden.

Franz Schubert hätte seinem Werk, das er im Herbst 1822 in der Wiener Wohnung seines Freundes Franz von Schober zu Papier brachte, sicher nicht diesen Beinamen verliehen. Vielleicht dachte er an Mozarts C-Dur-Sinfonie (KV 338), die nur drei Sätze hat, vielleicht an Beethovens Pastorale mit fünf Sätzen. Jedenfalls äußerte er sich in einem Brief, dass er dem Steiermärkischen Musikverein „eine seiner Sinfonien“ übersandt habe. Sicher verband er damit auch die Hoffnung, dass sie so auch zur Aufführung kommen würde, leider vergeblich.

Es ist oft über die Gründe spekuliert worden, warum er die beiden Sätze, die zum Wiener Format einer Sinfonie gehört hätten, nicht mehr komponierte. An fehlendem Fleiß jedenfalls lag es nicht, denn der junge Komponist arbeitete wie besessen an allen seinen Projekten, auch dann noch, als er bereits von Krankheit beeinträchtigt war. Vielleicht hielt er die Komposition einer Oper für vorrangig, vielleicht hatte er andere Gründe. Würde er noch einen Tag unter uns leben, könnten wir ihn fragen, warum er in den fünf Jahren, die ihm bis zu seinem frühen Tod blieben, seine Skizze eines Scherzo, die erhalten ist, nicht mehr ausgestaltete und warum er keinen Finalsatz komponierte.

So sehr das heutige Konzertpublikum seine beiden Sätze auch liebt, der vermeintliche Torso war den Konzertveranstaltern der 1820er Jahre nicht zu vermitteln. Zu unbekannt war der 25-Jährige damals noch, zu sehr waren die Kulturen der Wiener „Akademien“ von dem Übervater Ludwig van Beethoven geprägt, der just in dieser Zeit an seiner Neunten arbeitete. Für die Schönheit der Melodien Schuberts und die friedliche Romantik seiner späten Orchesterwerke war die Zeit offenbar noch nicht reif.

Es ist tragisch ist, dass Schubert keine einzige seiner Sinfonien je aufführen konnte. So dauerte es über 40 Jahre, bis die h-Moll-Sinfonie erstmalig öffentlich erklang. Am 17. Dezember 1865 dirigierte Johann Herbeck in Wien die Uraufführung. Schubert wäre da 68 Jahre gewesen, aber er lag nun schon 37 Jahre auf dem Währinger Friedhof. Posthum war er inzwischen zu einem der Großen geworden. Der Rezensent Eduard Hanslick, der sich selbst dafür rühmte, seine Stimme „gegen eine übereifrige Schubert-Pietät und Reliquien-Verehrung mehr als einmal“ erhoben zu haben, äußerte sich zur „Unvollendeten“ mit einer Verbeugung: „Wenn nach ein paar einleitenden Takten Clarinette und Oboe einstimmig ihren süßen Gesang über dem ruhigen Gemurmel der Geigen anstimmen, da kennt auch jedes Kind den Componisten, und der halbunterdrückte Ausruf „Schubert!“ summt flüsternd durch den Saal.

Wenn ich heute, 200 Jahre nach seiner Entstehung, dieses anrührenden Werk höre, vermisse ich kein Scherzo und kein Rondo. Die Einmaligkeit seiner Form unterstreicht seine melancholische Schönheit. Ich empfinde aber Schmerz darüber, dass das Leben seines Schöpfers so früh zu Ende war. Unvollendet ist nicht seine Sinfonie, sondern sein Leben.

Links
https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/sieben-unvollendete-musikalische-werke-100.html
https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/starke-stuecke-schubert-unvollendete-100.html
https://www.deutschlandfunk.de/vor-150-jahren-schuberts-unvollendete-wird-uraufgefuehrt-100.html
https://www.tonkuenstler.at/de/contents/opus/symphonie-nr-7-h-moll-d-759-unvollendete
https://magazin.klassik.com/meisterwerke/template.cfm?MID=26&SEITE=2&START=3302


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