„Reisen in vollen Zügen“ – In 18 Stunden mit der Bahn vom Pfälzer Wald an die Stiefelspitze Italiens

Horst Heller

Die erste Etappe meiner Zugreise nach Süditalien bestätigt die bekannten Vorbehalte. Stehen für das Klima ist angesagt. Der Regionalzug ist verkürzt und auch der Intercity nach Basel ist überbucht. Einen Moment bin ich versucht, es meinen Friends und Followern gleichzutun und meinem Ärger Luft zu machen. Ein Foto des überfüllten Zuges, eine kurze Schilderung des Vorfalls, den Link zum Account der Deutschen Bahn einfügen – und schon ist das Unglück besser zu ertragen. Doch ist das die Botschaft, die die Welt braucht und sie ein bisschen besser macht?

Vielleicht ist es Ihnen schon aufgefallen, unser Zug ist recht voll,“ sagt die Stimme aus dem Lautsprecher. Einen Moment lang macht sich Heiterkeit breit. Das regt aber leider Mitreisende an, über ihre eigenen Erfahrungen auszutauschen. Am lautesten tun es zwei Schwaben, die offenbar auf dem Weg in den Urlaub sind. Ohne Punkt und Komma berichten sie von Ticketpreisen, überfordertem Personal und ihrer Kommunikation mit der Deutschen Bahn. „Der hat uns dann gesagt, dass der Beamte im Stellwerk pflichtgemäß eine Pause machen musste. Das hat den gesamten Zugverkehr lahmgelegt.“ Sie finden das witzig. Dass wir uns in einem Silent-Großraumwagen befinden, haben die beiden wohl nicht bemerkt.

Andere Reisende haben echte Probleme. Sie telefonieren leise und recherchieren alternative Verbindungen, denn der ICE ist auch verspätet.

Ich denke an Reiseberichte von vor 200 Jahren. Von A nach B zu gelamgen bedeutete, auf unbequemen Holzsitzen Platz zu nehmen. Die Straßen waren holprig, die Postkutschen zugig, gebrochene Achsen keine Seltenheit. Heute gibt es bequeme Polstersitze. Das WLan funktioniert zwar nicht, aber dennoch reise ich nun komfortabel in einem klimatisierten Großraumwagen, schnell und vergleichsweise billig. Nie war Reisen einfacher.

In Basel muss ich ungeplant umsteigen, dafür gibt es nun Internet. Auf Instagram begegnen mir unzählige Urlaubsbilder aus Griechenland, Amerika und Österreich. Strandkörbe an der Nordsee, Meeresfrüchte in Spanien und glückliche Bergwanderer an Gipfelkreuzen zeigen mir: Offenbar haben die Reisenden, die gestern noch die Bahn verfluchten, doch ihr Reiseziel erreicht. Ihr Ärger ist verflogen. Ob es ihnen Leid tut, dass sie sich auf Twitter und Facebook Luft gemacht haben? Ich denke an den Rat, den mein Onkel mir einst gab: Wenn du dich beschweren musst, tue es erst am Tag danach. Ach ja, die vielen Fotos aus Flugzeugfenstern stoßen mir sauer auf. Flugscham sieht anders aus.

Ich schließe die App. Wir sind in Zürich. Eine sehr junge Stadt empfängt mich. Der Lindwurm der Street Parade wird am Nachmittag und am Abend am Ufer des Zürichsees entlang ziehen. Vor mir steigt ein ganz in rosa gekleideter Mann mit gezwirbeltem Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart aus. Er spannt einen rosa Sonnenschirm auf und sammelt so offenbar eine Gruppe, die sich in dem vollen Zug verteilt hat. Ich freue mich, dass er seine Sympathie für Schwule – wenigstens heute –  stolz und fröhlich zeigen kann.

Im Bahnhof hat die ausgelassene und friedliche Party hörbar schon begonnen. Doch ich will ich den Nachmittag nicht mit Techno-Musik verbringen, sondern suche nach dem Haus, in dem vor 500 Jahren das Züricher Wurstessen stattgefunden hat. Mutige Bürger hatten sich am 9. März 1522 im Haus des Buchdruckers Froschauer versammelt. Es war der erste Sonntag der Fastenzeit, Kirche und Stadt hatten den Verzehr von Fleisch verboten. Auch der Reformator Ulrich Zwingli nahm an diesem politischen Mittagessen teil, allerdings, ohne das Essen anzurühren. Dafür kritisierte er zwei Wochen später das Fastengebot von der Kanzel. Schon 1524 später war das Verdikt in Zürich Geschichte.

Den Ort dieser kleinen, aber folgenreichen kulinarischen Revolte gibt es nicht mehr. Das Haus in der Gräbligasse wurde in den 1950er Jahren abgerissen. So habe ich noch etwas Zeit und besuche die Stelle, wo einige Jahre später der Mut eines Reformers hart bestraft wurde. Felix Manz hatte die Pflicht zur Kindertaufe kritisiert, weil er in der Bibel dafür keine Belege fand. Mehrfach verwarnt und verhaftet, wurde er im Dezember 1527 wegen „aufrührerischem Verhalten“ zum Tode verurteilt. Zwingli rührte diesmal keinen Finger. Am 5. Januar 1527 wurde Manz mit gefesselten Armen und Füßen in die Limmat gestoßen und ertrank.

Der Wecker bringt mich am nächsten Morgen zurück in die Gegenwart. Früh setze ich meine Reise fort. Am Bahnhof steige ich in einen schweizerischen Eurocity ein. Viele Partygänger der Nacht sitzen nun mit mir im Zug. Das heißt, nur wenige von ihnen sitzen, denn im Unterschied zu mir haben sie nicht geschlafen. Nach einigen Stunden erreichen wir Milano, die Stadt, in der Konstantin der Große vor über 1700 Jahren Religionsfreiheit gewährte. Heute habe ich keine Zeit, die Ruinen der Villa zu besichtigen, in der der Kaiser im Jahr 313 wohnte. Die Zeit reicht nur für einen Caffè und ein Cornetto. Im Inneren des großen Mailänder Bahnhofs, der in faschistischen Zeiten gebaut wurde, finde ich eine Kaffeebar. Dort ist es voll, laut und hektisch, aber die jungen Frauen, die dort sicher schon seit dem frühen Sonntagmorgen Espressi und Cappuccini zubereiten, strahlen gute Laune aus, lachen miteinander und sind freundlich zu den Gästen. Das ist Italien, denke ich.

Ich besteige die Frecciarossa, den „Roten Pfeil“, der , der mich nach Kalabrien bringen soll. Dieser Hochgeschwindigkeitszug ist auch voll, doch jeder Reisende hat einen reservierten Sitzplatz. In meiner Nähe sitzen Studentinnen, die nach ihren Prüfungen an der Universität zum Ferragosto nach Hause reisen. Ich denke an „Italien in vollen Zügen“, ein Buch von Tim Parks, einem Universitätslehrer, der täglich mit dem Zug von Verona nach Milano fuhr und auch den Süden Italiens auf Schienen erkundete. Dort fahren die Züge langsamer, doch jetzt rollen wir mit fast 300 km/h nach Bologna und Florenz. Als der Zug überpünktlich in den Bahnhof Roma Termini einfährt, denke ich an die Worte meines Lateinlehrers, der behauptet hatte, die ewige Stadt sei nur dank der katholischen Kirche eine Weltstadt geblieben. Er irrte, wie ich inzwischen weiß.

Am frühen Nachmittag erreichen wir Napoli. Ein Erlebnis aus der Zeit der Reisen mit meinen Kindern kommt mir in den Sinn. Als Familie versuchten wir an einer verbotenen Stelle nahe der Piazza del Plebiscito eine viel befahrene Autostraße zu überqueren. Dabei hatten wir drei Carabinieri übersehen, die in einiger Entfernung standen und uns beobachteten. Als sie erkannten, was wir vorhatten, kamen sie auf uns zu, hielten den Verkehr an und geleiteten die fünfköpfige Familie sicher über die Straße. Auch das ist Italien.

In Salerno ist der Zug noch immer pünktlich. Dort liegen in einer prächtigen Krypta des Doms die Gebeine des Evangelisten Matthäus. Wenn sie so echt sind wie die des Markus in Venedig, lohnt sich sicher eine Wallfahrt.

Der Rote Pfeil kennt keine Silent-Wagen, aber anders an im deutschen Intercity ist es hier mucksmäuschenstill. Selbst der Schoßhund meiner Nachbarin verhält sich vorbildlich. Die FFP2-Maske ist obligatorisch. Nach jeder Station werden die Zugestiegenen in italienischer und englischer Sprache darauf hingewiesen, dass sie Mund und Nase bedecken müssen. Da überrascht uns ein glatzköpfiger Kontrolleur. „Buongiorno, mascherine! Grazie“. Ich wage einen Blick auf meine Mitreisenden. Es gibt nichts zu kritisieren. Der Mann in Uniform schaut abwechselnd nach rechts und links. Als er sich umdreht, um auch diejenigen zu kontrollieren, die mit dem Rücken zu ihm sitzen, sehe ich seine eigene Maske. Sie ist rot im Design der Frecciarossa. Er hat sie über den Mund gezogen. Die Nase ist frei. Auch das ist Italien.

Schließlich wird es Abend. Der Zug hat sich mehr und mehr geleert. Meine Mitreisenden sind noch nicht am Ziel und müssen ihre Reise vielleicht mit Regionalzügen fortsetzen, doch ich darf meinen Koffer aus der Ablage holen. Da erreicht mich eine E-Mail. Die Deutsche Bahn fragt, wie meine Reise am gestrigen Tag gewesen sei. Ich überlege. Verglichen mit vergangenen Jahrhunderten war sie komfortabel, günstig, ungefährlich und schnell. Verglichen mit dem eigenen Anspruch der Bahn war sie mangelhaft. Aber nachdem ich Deutschland verlassen habe, bin ich interessanten Menschen aus Geschichte und der Gegenwart begegnet. Ich will nachsehen, ob der Fragebogen solche Antworten zulässt.

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