Verstehst du, was du sprichst? Als die Taufgemeinde das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen sollte.

Horst Heller CC BY-SA 4.0 (Verwendung unter Namensnennung und gleichen Bedingungen ausdrücklich erlaubt.)
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Es ist Sonntagmorgen. Eine Familie bringt ihr Kind zu Taufe. Die Stimmung ist heiter, die Kirche besser gefüllt als sonst. Das Tauflied erklingt, die Bibelworte zur Taufe werden verlesen, dann folgt eine Ansprache. Schließlich bittet der Liturg die Gemeinde mitsamt der Tauffamilie, ihren christlichen Glauben zu bekennen. „Wir sprechen die Worte des Apostolischen Glaubensbekenntnisses“, sagt er. Die Gemeinde steht auf, schlägt das Gesangbuch auf, um das Bekenntnis abzulesen. Die Tauffamilie steht auch auf, schaut sich aber ratlos an, denn sie weiß nicht, wo sie den Text auf die Schnelle findet. Da erklingen schon – im Chor gesprochen – die über 1500 Jahre alten Worte: „Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer … und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, … hinabgestiegen ins das Reich des Todes, … von dort wird er kommen zu richten. … An die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen …“ Nach einer Minute setzt sich die Gemeinde wieder, gleich wird das Kind getauft werden.

Was hat die Gemeinde da gerade bekannt? Ihren eigenen Glauben, den der Kirche, den einer vergangenen Epoche?

Ich habe eben noch das Tauflied auf der Orgel begleitet und denke nach: Was hat die Gemeinde da gerade bekannt? Es waren uralte Worte. Sind sie noch verständlich? Sind sie überhaupt noch wahr?

Ich frage den Pfarrer, warum das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen wurde. Die Agende schreibe es vor, antwortet er mir. Und außerdem sei es ein Zeichen der Einheit der Kirche. „Die kleine Jenna ist heute ein Mitglied der weltweiten Christenheit geworden. Deshalb haben wir das Bekenntnis der Weltkirche gesprochen. Ob er den Glauben auch so formulieren würde, frage ich ihn. „Das ist nicht entscheidend. Es ist der Glaube der Kirche. Es ist auch egal, ob wir es auswendig sprechen können oder ablesen.“

Ich erinnere mich an mein Studium. Die alte Kirche suchte die auseinanderstrebenden theologischen Richtungen zusammenzuhalten. Das geschah, indem sie sich verbindliche Glaubensurkunden abrang. Abgesandte der gesamten Christenheit stimmten ab, die Mehrheit setzte sich durch, die Minderheit unterlag. Von nun an war die Weltkirche auf die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse festgelegt. Seit dem 4. Jahrhundert sind sie Manifeste des christlichen Glaubens.

Auf dem Heimweg denke ich nach. Eines leuchtet mir ein: Glaubensbekenntnisse der Geschichte haben höchste Achtung verdient, weil die fähigsten Denker ihrer Zeit an ihnen mitwirkten. Zweifellos ist es verdienstvoll, sie Heutigen zu erklären. Doch dann kommen mir Zweifel. Hatte nicht Luther schon gesagt, dass Papst und Konzilien oft geirrt hätten? Warum soll das für die sogenannten ökumenischen Konzilien nicht auch gelten? Die Alten zu ehren bedeutet nicht, ihnen in allen Fällen recht zu geben.

Zehn Thesen:

1. Einheit bedeutet nicht Einheitlichkeit
Wenn Jesus im Johannesevangelium (17,21) dafür betet, dass die, die an ihn glauben „alle eins seien“ mögen, dann meint er gerade nicht, dass sie „alle gleich seien“. Das Johannesevangelium sieht die Gefahr am Horizont, dass Glaubensbekenntnisse und theologische Überzeugungen als kirchentrennend erscheinen könnten und mahnt: Die Einheit der Kirche zeigt sich in der Liebe, in gemeinsamen Gottesdiensten, im gemeinsamen Gebet und – ja! – im gemeinsamen Abendmahl. Diese Mahnung zieht sich wie ein roter Faden durch das Neue Testament.

2. Eine Einheit der Kirche im Glauben bestand schon damals nicht.
Die Beschlüsse von Nizäa und Konstantinopel waren Mehrheitsentscheidungen unter gütigem Druck des Kaisers. Schon damals wurden sie nicht von allen anerkannt. Bis heute gibt es Antitrinitarier und Unitarier.

Katholische, Evangelische und Orthodoxe sprechen dasselbe Credo, praktizieren aber dennoch keine Kirchengemeinschaft.

3. Die Glaubensbekenntnisse haben keine einigende Wirkung.
Dass katholische und orthodoxe Christinnen und Christen dasselbe Glaubensbekenntnis wie die Evangelischen sprechen, hat nicht dazu geführt, dass sie die Kirchen der Reformation anerkennen.

4. Die altkirchlichen Bekenntnisse lassen Wichtiges aus.
Die alte Kirche plagte sich mit der Frage der „Natur“ Jesu als Teil der Trinität und stritt darüber. Diese Frage wollte sie entscheiden. Aber die Worte und Taten Jesu werden nicht erwähnt. Was nicht strittig war, wurde in den Schriftsatz nicht aufgenommen. Er enthält keine Zeile zur Rolle des Menschen in der Welt, zu seinem Verhältnis zu den Tieren oder zur Frage nach Frau und Mann. Antworten auf solche Fragen finden wir in der Bibel, aber nicht in historischen Bekenntnissen.

5. Auf das Wort Gottes zu hören bedeutet immer auch, offen für religiöse Selbstkritik zu sein.
Die Geschichte der Kirche ist nicht frei von verhängnisvollen Fehlentscheidungen. Auch hochangesehene Texte der Vergangenheit müssen nicht ohne Irrtümer sein. Bei der Rezeption kirchlicher Dokumente ist nicht nur Kontinuität, sondern auch Diskontinuität angesagt.

Wenn Gott die Welt erschaffen hat, dann hat er auch die Diversität gemacht. Theologische Vielfalt ist ein Gewinn.

6. Für die Behauptung, dass antike Konzilsdokumente einen Wert für die Kirche der Gegenwart haben, vermisse ich Argumente.
Unsere Zeit blickt zurück auf Reformation und Aufklärung, aber auch auf Imperialismus, Revolutionen und Kriege. Christliche Bekenntnisse heute müssen zudem Säkularisierung und Globalisierung bedenken. Christliche Theologie ist regionaler und vielfältiger geworden. Ein Bekenntnis der Antike für die Gegenwart bedeutsam zu halten, ist selbst ein Bekenntnis. Dessen Plausibilität ist allerdings recht gering.

7. Gott hat die Diversität gemacht.
Ein Blick in die Natur sagt uns: Gott wollte und will die Vielfalt. Warum soll das nicht auch für theologische Fragen gelten? Die Idee, dass die Kirchen in dogmatischen Fragen mit einer Stimme sprechen müssen, stammt aus einer Zeit, in der Pluralität noch nicht als Chance für das Lernen und den Dialog erkannt war.

8. Ein Konsens über den Glauben der Kirche muss noch nicht die Wahrheit Gottes sein.
Glaubensbekenntnisse versuchen, das Göttliche in menschliche Worte zu fassen. Es ist möglich, dass dieser ehrenwerte Versuch von der göttlichen Wirklichkeit so weit entfernt ist wie Captain Kirk im Film von der Realität ferner Galaxien.

9. Wahrheiten gibt es im Plural.
Gute Dogmatik formuliert existentielle Wahrheiten. Diese aber sind im guten Sinne des Wortes subjektiv. Die Zeit, in der Kirchensynoden über die Wahrheit entschieden, ist vorbei. Seit der Aufklärung ist das Individuum gefordert. Jede und jede ist aufgefordert, Wahrheiten zu suchen, die für ihr und sein Leben relevant sind.

Die Bibel schlägt eine neue Dreieinigkeit vor, die die Christenheit eint.

10. Everything goes? Nein! Besinnen wir uns doch auf die Bibel!
Auf Sola Scriptura möchte ich nicht verzichten. Wir werden in der Bibel mehr Hilfe finden, unseren Glauben an Gott in eigene Worte zu fassen, als in den systematisch theologischen Texten der Kirchengeschichte. Die Rückbesinnung auf die Bibel lässt viel Raum für Individualität und beschreibt doch Axiome, die verhindern, dass das Christliche individualistisch und beliebig wird. Sie schlägt eine Dreifaltigkeit vor, die Christinnen und Christen eint:
– Die Zuversicht, dass das Göttliche in der Welt spürbar ist.
– Die Hoffnung, dass sich in Jesus Christus das Wort Gottes manifestiert hat.
– Der Anspruch der Bibel, als Altes und Neues Testament schriftgewordenes Fundament der Kirche zu sein.

Glaubensbekenntnisse sind Nachdenkaufgaben.
Historische Bekenntnisse und Katechismen können (im besten Fall) Impulse auf der persönlichen Suche nach der Wahrheit geben. Wahrscheinlich haben sie dabei aber schlechtere Karten als die Bibel selbst, denn je fremder ihre Fragestellungen sind, desto weniger helfen uns ihre Antworten weiter. Eine Predigt, die die Bibel auslegt, könnte ein besserer Weg sein als das Rezitieren eines antiken Synodaldokuments.

Ob der besagte Taufgottesdienst diese Chance genutzt hat, sollen andere entscheiden. Mich jedenfalls hat er angeregt, über mein eigenes Glaubensbekenntnis nachzudenken.

Credo – ich glaube
Dieser Blogbeitrag ist der zweite Teil eines dreiteiligen Projekts Credo, das den Versuch eines eigenen Glaubensbekenntnisses macht, das an traditionelle Bekenntnisse anknüpft, aber zugleich individuell und authentisch ist und eine neue theologische Sprache spricht.

14.08.2022, Teil 1: Der Tag, an dem ich ins Nachdenken kam. Verstehst du, was du sprichst? Als die Taufgemeinde das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen sollte.
11.09.2022, Teil 2: Abschiede. Ist es wahr? Auf der Suche nach dem Christlichen im Apostolischen Glaubensbekenntnis
25.09.2022, Teil 3: Ein Versuch und ein Anstoß. Was glaubst du? Mein eigenes Glaubensbekenntnis in einer neuen theologischen Spracheischer Sprache.

Blogbeiträge auf www.horstheller.de
02.08.2020: Wir sind gleich. Wir müssen endlich anfangen, an diese Idee zu glauben. Eine Recherche zu Sarah und Yusra Mardini
10.02.2021: Embrace your Limitations! Wer seine eigene Unvollkommenheit bejaht, ist barmherziger mit den Fehlern anderer
23.01.2022: „Wir wissen, dass der Mensch im Grunde gut ist.“ Wie Desmond Tutu die christliche Anthropologie vom Kopf auf die Füße stellte.
13.03.2022: Frieden lehren. Wenn wir wollen, dass künftige Politiker friedensfähige Menschen sind, müssen wir heute damit beginnen.
05.06.2022: Das Tuch vor den Augen. Eine Pfingstpredigt ändert nicht die Welt, aber sie kann die Augen öffnen für die Freiheit und Selbstbestimmung anderer.
12.06.2022: Kugel, Quader und das Glück. Wenn das Runde auf dem Eckigen zur Ruhe gekommen ist.
19.06.2022: „Wenn ich von Theologie auch nur das Geringste verstehe…“ Ein neunzig Jahre alter Brief von Karl Barth zur Rolle der Frau in der Kirche gibt noch heute zu denken.
26.06.2022: Ohne die katholische Kirche wäre Rom heute eine unbedeutende Kleinstadt, behauptete einst mein Lateinlehrer. Warum er Unrecht hatte