Der Pädagoge und Menschenfreund, der von Helgoland erzählte, aber dort nicht wohnen konnte. James Krüss und die Regenbogenfahne

Horst Heller CC BY-SA 4.0 (Verwendung unter Namensnennung und gleichen Bedingungen ausdrücklich erlaubt.)
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Er war einer der ersten Dichter, den mir meine Eltern nahebrachten. Er war norddeutsch wie sie und seine Gedichte und Geschichten hatten etwas Lehrreiches. Erst später erfuhr ich, dass er auf Helgoland geboren und aufgewachsen war. Er verließ die Insel mit 16 Jahren und lebte auf dem Festland, zunächst in Schleswig-Holstein, dann in Bayern. Im Alter von 39 Jahre kaufte er ein Haus auf den Kanarischen Inseln.

Die Rede ist von James Krüss. 25 Jahre nach seinem Tod reise ich nach Helgoland und suche dort als erstes das einzige Museum der Insel auf. Dessen Exponate erzählen die Geschichte der Insel bis zurück in die Frühgeschichte der Erde.

„Ich interessiere mich für James Krüss, nicht für die Fossilien“, sage ich der Frau an der Kasse. „Der Eintritt kostet fünf Euro“, antwortet sie mir. James Krüss seien diese zwei Räume gewidmet, fährt sie fort und deutet auf die vier Wände des Zimmers, in dem sie sitzt, und auf einen Nachbarraum. „Und wenn Sie eine Frage haben, kann ich sie vielleicht beantworten.“

Eine Frage habe ich schon. „Warum ist er nach dem Krieg nicht auf die Insel zurückgekehrt?

„Erst bezahlen!“ Sie lacht, denn offenbar steht da einer vor ihr, der sich für James Krüss ehrlich interessiert, aber von Geschichte keine Ahnung hat.

„James Krüss verließ Helgoland mit 15 Jahren, denn 1941 war das Leben hier gefährlich geworden. Seine Familie fand zunächst Zuflucht in Thüringen, dann in Sachsen.“ Ich nicke. „Mit 16 Jahren besuchte er das Lehrerseminar. Und als er 18 Jahre war, musste er erst mal im Krieg dienen.“

„Klar“, sage ich, „1944 war an Heimaturlaub nicht zu denken.“

„Und nach dem Krieg studierte Krüss an der Pädagogischen Hochschule in Lüneburg. Unsere Insel war durch verheerende Luftangriffe unbewohnbar geworden und für Zivilisten gesperrt. Nur zwei Bauten hatten den Krieg überstanden: die Nordseehalle dort drüben“ – sie deutet auf das Gebäude, in dessen Anbau jetzt das Museum untergebracht ist. „und der Leuchtturm. Alles andere war zerstört.“

„1952 wurde sie aber für den Wiederaufbau freigegeben“, wende ich ein. „Aber auch jetzt kam James Krüss nicht zurück.“

„Er arbeitete für den Rundfunk“, erklärt sie mir. „Das wäre hier auf die Insel nicht gegangen. Dazu die Besucher, die in der Saison kommen, das wäre nichts für ihn gewesen.“ Sie unterbricht sich und wird nachdenklich. „Meine Kinder wohnen auch nicht mehr auf Helgoland. Wo sie Arbeit finden, da bleiben sie.“

Ich muss ihr beipflichten. Auch meine Kinder studierten nicht in Wohnortnähe und blieben dort, wo sie Arbeit fanden. Doch das gesamte Werk des berühmten Sohnes der Insel ist fest mit den Helgoländern verbunden. Es muss noch einen weiteren Grund geben, denke ich.

„Ich habe auch eine Idee, warum er nie mehr dauerhaft nach Helgoland zurückkehrte“, wage ich anzumerken.

„So? Dann sagen sie mal,“ lacht sie.

James Krüss Geschichten erzählen davon, dass die Männer noch Hummer fischten. In „Mein Urgroßvater und ich“ sind die einzigen Menschen auf Helgoland, die vom Festland stammen, ein Versicherungsagent und ein Beamter. Beide leben dauerhaft auf der Insel. Die Helgoländer besuchen einander und trinken Kaffee. Touristen, die morgens kommen und abends mit Taschen voll Zigaretten und Schnaps wieder gehen, gibt es in seinen Gedichten nicht. „Ich könnte mir vorstellen, dass er nicht zurückkam, weil es die Insel, von der seine Gedichte erzählen, so nicht mehr gab.“

Sie lacht wieder. „Das ist Ihre Theorie? Na, dann bleiben sie mal schön dabei.“ Sie sieht es anders. „Er erzählt Geschichten aus seiner Kindheit, das ist doch normal.“ Dann wird sie ernst. „Sie wissen ja, dass er homosexuell war. Das war damals noch verboten. Die Menschen machten ihm dafür das Leben schwer. Weder hier noch in Bayern war er vor Erpressung sicher. Deshalb kaufte er 1965 ein Haus auf Gran Canaria. In Spanien gab es mehr Toleranz.“

Welch eine Tragödie, denke ich. Das hatte ich als Kind natürlich nicht erfahren. Der Schriftsteller, der mit gereimtem Wortwitz Kinder einlud, die „glückliche Insel“ der Fantasie zu erkunden, musste an den Grenzen Europas Wohnung nehmen, um selbst frei zu sein. Ich schicke ein Stoßgebet zum Himmel. Hoffentlich konnte er auf den Kanaren so leben, wie es ihm gefiel. Immerhin lernte er dort Dario Francesco Perez kennen, mit dem er bis zu seinem Tod zusammenlebte. Kritik an der Gesellschaft, die seine Bücher liebte, aber seine Liebe nicht duldete, erlaubte er sich – jedenfalls in seinen Werken – nicht. Er wollte seinen jungen Lesern „an Nixen und Faunen erklären, was menschlich und unmenschlich ist“, wie er es einmal ausdrückte.

Bevor ich gehe, bedanke mich für diesen Einblick in die Helgoländer Welt der 1960er und 70er Jahre. „Nun schauen sie sich aber auch die Fossilien an! Die gehören zur unserer Geschichte!“ Ich verspreche es und verabschiede mich, denn ich will noch ein wenig mehr von der Insel sehen.

Als ich am Nachmittag zum Schiff zurückkehre, das mich aufs Festland bringen wird, entdecke ich an der Landungsbrücke die Regenbogenfahne. Haben die Kinder von damals, die er nicht belehren wollte, seine Botschaft verstanden? Optimistisch setzte er auf ihre Einsicht, Toleranz und Frieden zu üben.

Der Menschenfreund James Krüss starb am 2. August 1997. Seine Asche wurde auf seinen Wunsch in der Nordsee vor Helgoland versenkt.

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