Schwarzer Schnee und weißer Rabe – Gedanken zum Zeugnis, das Lehrerinnen und Lehrer am Ende des Schuljahres nicht erhalten

Horst Heller CC BY-SA 4.0: (Verwendung unter Namensnennung und gleichen Bedingungen ausdrücklich erlaubt.)
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Die Projektwoche, der Schulgottesdienst und das Abschlussgrillen sind vorbei. Er hat sich in die Ferien verabschiedet. Ein letztes Mal hat er sich zu Hause nochmals an den Schreibtisch gesetzt. Er will ihn aufräumen. Dann ist Erholung angesagt.

Der Blick auf die Unterlagen, die sich angesammelt haben, lenken seine Gedanken zurück auf die Arbeit der letzten Monate. Gute Bildung für möglichst viele war sein Bestreben. Er war ein Landwirt, der auf seinen Feldern wertvolles Saatgut ausstreute. War der Same aufgegangen?

An manchen Tagen war er auf sandiges Gelände gefallen, wo er nicht wurzeln konnte. Hatte der Unterricht da die Klasse überhaupt erreicht? Wie viel seiner Bildungsarbeit war eigentlich vergebliche Mühe?

Er denkt an manches Pausengespräch mit desillusionierten Kolleginnen und Kollegen, die die Kraft früherer Jahre verloren hatten. Ohne die inspirierende Zusammenarbeit mit ihnen aber fühlt er sich als Einzelkämpfer. Auf trockenem Land kann der Same nicht aufgehen. Was kann ich tun, denkt er, um den Glauben an mich und meine Selbstwirksamkeit nicht zu verlieren?

Ein Teil des Saatguts war auf versiegelte Fläche gefallen. Eltern waren mit Forderungen an ihn herangetreten, konnten und wollten aber nichts zum Gelingen des Projekts Bildung beitragen. Welcher Teil meiner Energien ist in diesem Jahr in sinnlose Diskussionen geflossen?

Überhaupt empfindet er Unterricht wie Landwirtschaft auf felsigem Boden. Er denkt an die geringe Konzentrationsfähigkeit seiner Klasse, an die Konferenzen, in denen Disziplinarstrafen beraten wurden, an die Zeiten des Wechselunterrichts, an den hohen Krankenstand im Kollegium. Er hat auch die vielen Abendstunden vor Augen, die er mit Korrekturen verbracht hat. Kein Landwirt käme auf die Idee, das Wachstum der Pflänzchen im 14-Tage-Rhythmus zentimetergenau nachzumessen. Der Same der Bildung braucht Zeit für Wachstum und Reife. Warum können wir nicht weniger prüfen und dafür mehr unterrichten? Er wird das Wort Leistungs“messung“ zum Unwort des Jahres vorschlagen.

Ein Teil des Saatguts war schließlich gar nicht aufs Land gefallen. Zu viele Stunden waren einfach ausgefallen. Er denkt auch an die Zeit seiner eigenen Erkrankung und die COVID-Infektionen in seiner Familie.

In seiner Schultasche findet er den Füllfederhalter, mit dem er für seine Klasse eine Menge Zeugnisse unterschrieben hat. Einige der Schülerinnen und Schüler werden zu Hause ein Geschenk für die gute Leistung erhalten, andere Lob oder Tadel. Schulzeugnisse werden sicher überschätzt, doch es bekümmert ihn, dass es Schülerinnen und Schüler in seiner Klasse gibt, in deren Familien niemand diesen Nachweis ihrer Leistung würdigen wird.

Desinteresse. Das ist ein gutes Stichwort. Über seinem Schreibtisch hängt ein Satz, der dem barocken Dichter Andreas Gryphius zugeschrieben wird: „Verlangt ein Lehrer jetzt verdienten Dank zu haben, der suche schwarzen Schnee und fange weiße Raben.“ Nachdenklich schließt er das Programm mit den Klassenlisten. Im schulinternen Messenger ist die Zahl der Nachrichten abgeebbt. Das alte Schuljahr ist zu Ende, und an das neue will noch niemand denken.

Da kommt noch die Mail einer Schülermutter rein. Von ihr hatte er nach dem ersten Elternabend am Beginn des Schuljahres nie wieder etwas gehört: „Ich wollte doch nochmal Danke sagen. Wir haben uns nie gemeldet, aber unsere Tochter hat oft von Ihrem Unterricht erzählt. Sie hat sogar ein Buch gelesen, das sie ihr empfohlen haben.“ Das hatte er schon vergessen. Hatte Gryphius doch unrecht?

Er wird ihr später antworten. Jetzt will er sich den Vorbereitungen für den Wanderurlaub in den Bergen Südtirols widmen. Er schließt das Mailprogramm und schaut auf sein Handy. Ein ehemaliger Schüler, der nun im Ausland lebt und selbst Kinder hat, hat auf dem Facebook-Profil seiner Schule eine Nachricht an ihn gepostet. „Vielleicht erinnern Sie sich nicht mehr an mich. Aber ich sehr gut an Sie. Sie haben mein moralisches Wertesystem geprägt. Nicht so sehr durch das, was sie gelehrt haben, mehr durch ihre Person und Ihre Haltung…“

Klar erinnert er sich noch an ihn! Andreas Gryphius irrte! Er nimmt das Bild ab. Er scrollt auf seinem Handy und klickt auf ein Foto. Mit Straßenmalkreide hat dort jemand auf den Pausenhof der Schule in seiner Nachbarschaft einen Mutmach-Spruch für Kinder gemalt: „Du bist wertvoll, egal was das Zeugnis sagt.

Er steht auf. Er hat kein Zeugnis bekommen. Aber dieser Spruch gilt auch für ihn. Er wird ihn sich rahmen lassen.

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