Das Tuch vor den Augen. Eine Pfingstpredigt ändert nicht die Welt, aber sie kann die Augen öffnen für die Freiheit und Selbstbestimmung anderer

Horst Heller (CC BY-SA 4.0)
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Bartolomé de Las Casas, 1485 bis 1566

Die Bewohner nannten ihre Heimat schlicht „wunderbares Land“, die spanischen Eroberer gaben ihm den Namen „Spanische Insel“ oder „Hispaniola“, „Klein-Spanien“. Heute ist die karibische Insel in zwei souveräne Staaten geteilt, deren Grenzen noch auf die Kolonialzeit zurückgehen. Der westliche Teil ist Haiti, der östliche die Dominikanische Republik, die ihren Namen von einem katholischen Orden herleitet, der untrennbar mit ihrer Geschichte verbunden ist.

Einer der Dominikaner der ersten Stunde war Bartolomé de Las Casas, dessen Vater einst mit Christoph Kolumbus nach Amerika gesegelt war. Er selbst hatte als Feldkaplan an Feldzügen gegen die Inselbewohner teilgenommen und war dafür mit Grundbesitz auf dem eroberten Land belohnt worden. Die Bauern, denen das Land vorher gehört hatte, arbeiteten nun für ihn. Auch wenn er in ihnen Menschen sah und sie gut gehandelte, waren sie doch sein Eigentum.

Einige Jahre sah Las Casas darin kein Problem. Er war ein hochgebildeter Mensch, der in seiner spanischen Heimat Theologie und Recht studiert hatte und 25-jährig zum Priester geweiht worden war. Seine Hazienda erwirtschaftete gute Erträge. Das gab ihm die Möglichkeit, in Santo Domingo als Berater des Gouverneurs zu arbeiten. Als dieser zu einer Eroberung der Nachbarinsel Kuba aufbrach, begleitete er ihn. Dort gelang es den Konquistadoren, Hatuey, den König des Volkes der Taino, der von Hispaniola geflohen war, gefangen zu nehmen. Er wurde wegen seines Widerstandes gegen die Spanier zum Tode verurteilt.

Ein Denkmal in Baracoa im Westen der Insel Kuba erinnert an Hatuey, den König der Taino.

Der 2. Februar 1512 sollte der Tag seiner Hinrichtung sein. Mit verbundenen Augen wurde er zum Scharfrichter geführt. Wie es damals üblich war, bot ihm ein Geistlicher an, seine Sünden zu beichten, was ihn vor einer ewigen Strafe bewahren sollte. Der Dialog zwischen dem spanischen Priester und dem indigenen König ist überliefert. Es ist nicht sicher, ob Las Casas selbst dieses Gespräch führte, oder ob er es nur mit anhörte. Er berichtete davon in seinen Aufzeichnungen.

Der Geistliche sprach den Todgeweihten an und löste den Knoten des Tuches, das sein Gesicht verhüllte. Er fragte ihn, ob er, Hatuey, denn in den Himmel kommen wolle. Im Angesicht seines Todes könne er sich taufen lassen, dann sei ihm die ewige Seligkeit gewiss.
Der König hatte von Himmel und Hölle wenig gehört und verstand nicht, was ihm der Geistliche anbot. Den christlichen Glauben verband er ausschließlich mit den Erfahrungen seines Lebens. Die Spanier, die ihm empfahlen, zu ihrer Religion überzutreten, hatten an sich gerissen, was ihnen nicht gehörte. Sie hatten die Insel ausgeplündert und sich bereichert. Sein Volk hatten sie versklavt.
Er antwortete: „Gerne möchte ich in den Himmel kommen. Aber eine Frage habe ich zuvor. Gibt es dort auch Spanier?“Der Geistliche antwortete: „Ja, gewiss, dort gibt es auch Spanier.“
„An diesem Ort möchte ich nicht leben. Dann möchte ich nicht in den Himmel kommen.“

Er verweigerte die Taufe. Das Tuch wurde ihm wieder über das Gesicht gezogen. Der Scharfrichter tat seine Arbeit. König Hatuey starb noch am selben Tag.

Zwei Jahre später, im Juni 1514, war Las Casas war wieder in Santo Domingo. Es wurde ihm aufgetragen, die Pfingstmesse in der Hauptstadt zu lesen. In seinem Messbuch suchte er nach der Bibelstelle des Festtages. Es waren Worte aus der apokryphen Schrift des Jesus Sirach: „Der Arme hat nichts zum Leben als ein wenig Brot; wer ihn auch noch darum bringt, der ist ein Mörder. Wer seinem Nächsten die Nahrung nimmt, der tötet ihn. Wer dem Arbeiter seinen Lohn nicht gibt, der ist ein Bluthund.“ (Sirach 34, 25-27)

Diesen Text sollte er am Pfingstsonntag auslegen? Wer waren die Armen, die der jüdische Weise bedauerte? Wen klagte er an? Seine theologische Ausbildung gab ihm keine Antwort auf diese Fragen und so wollte ihm an diesem Abend auch eine Predigt nicht gelingen. Er ging schlafen, auf die Eingebung der Nacht hoffend. Im Traum durchlebte er noch einmal den Tag der Hinrichtung, der er beigewohnt hatte. Im Traum sah sich selbst, den König und den Scharfrichter. Doch etwas war anders. Das Tuch, dass dem heidnischen König über den Kopf gezogen worden war, verhüllte nun sein eigenes Gesicht.

Er wachte auf. Was hatte das zu bedeuten? Er setzte sich an seinen Schreibtisch und nun fügte sich alles zusammen. Der seltsame Predigttext, die Geschichte der Hinrichtung, sein eigener Besitz und die Messe an Pfingsten. Er hatte nicht herausgefunden, welche Armen der alttestamentliche Weise gemeint hatte, aber er wusste nun, wer heute nichts zum Leben hatte. Von einem Moment auf den anderen erkannte er, dass sich sein Volk schuldig gemacht hatte, dass ihr Verhalten den Eroberten gegenüber, ja der Akt des Eroberns selbst, mit christlichen Werten nicht zu vereinbaren waren. Der Bibeltext war eine Anklageschrift gegen ihn und die Eroberer. Wie der hingerichtete König einst vor dem irdischen Scharfrichter gestanden hatte, so standen er und die Konquistadoren nun vor dem himmlischen Richter – und zweifellos waren sie schuldig.

Die Predigt, die er am nächsten Morgen hielt, ist leider nicht überliefert. Aber die Vermutung liegt nahe, dass sie der des Dominikanerpaters Antón Montesinos glich, die dieser am 4. Adventssonntag des Jahres 1511 gehalten hatte, und die Las Casas selbst überliefert:

„Mit welchem Recht haltet ihr diese Indios in einer grausamen und schrecklichen Knechtschaft? Mit welcher Befugnis habt ihr diese Völker blutig bekriegt, die ruhig und friedlich in ihren Ländern lebten, habt sie gemartert und gemordet? Ihr unterdrückt sie und plagt sie, ohne ihnen zu essen zu geben und sie in ihren Krankheiten zu heilen, die über sie kommen durch die maßlose Arbeit, die ihr ihnen auferlegt, und sie sterben – oder besser gesagt: ihr tötet sie, um Tag für Tag Gold zu gewinnen.“

Eine Predigt ändert die Welt nicht. Das musste auch Las Casas erkennen. Seine Hörer zeigten sich wenig beeindruckt, doch er ließ sich nicht mehr beirren. Noch im selben Jahr gab er seinen Besitz zurück, dessen Aneignung er als nun illegitim ansah. Er verweigerte sich fortan allen militärischen Aktionen und kämpfte bis an sein Lebensende für die Menschenrechte der Eroberten. In Büchern trat für eine friedliche Überzeugungsarbeit ein und missbilligte das gewaltsame Eindringen in die Welt indigener Völker. Er schickte Eingaben an den spanischen König Karl I, den späteren Kaiser Karl V., suchte ihn sogar selbst auf und regte ihn zu Dekreten an, die die Gier nach Land und Gold eindämmen sollten. Auch für die Angehörigen der eroberten Völker konnte er einiges erreichen. Sein Orden beschloss, jedem, der zur Beichte kam, die Absolution zu verweigern, wenn er nicht bereit war, seine Sklaven in die Freiheit zu entlassen. Ein Ende der Eroberung erreichte er aber nicht.

Als Bartolomé da Las Casas am Pfingsttag des Jahres 1514 sein Leben neu ausrichtete, war er noch keine dreißig Jahre alt. Sein Lebensziel wurde die Freiheit der Opfer der spanischen Eroberungen. Über sich selbst schrieb er viele Jahre später (in der dritten Person Singular): 

„An jedem Tag befestigte sich in ihm die Überzeugung, dass alles, was man den Indios in diesen Ländern antat, ungerecht und tyrannisch war. Später pflegte er zu sagen: Seit der ersten Stunde, da er begann, die Nebel dieser Unwissenheit zu zerstreuen, habe er niemals ein gelehrtes Buch gelesen (und das waren in vierundvierzig Jahren ungezählte), aus dem nicht klar die Rechte der Indios hervorgingen, und die Verurteilung des Unrechts, das man ihnen zufügte.“

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