Original, Kopie oder Fälschung? Friedrich Schiller, sein Schreibtisch und das KZ Buchenwald

Ein Spinett, einen Bücherschrank, fünf hölzerne Transportkisten und einen Schreibtisch aus Holz: Kopien von Friedrich Schillers Möbel finden sich in der Gedenkstätte Buchenwald

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Ein eisiger Wind weht auf dem Ettersberg hoch über den Dächern Weimars. Meine Daunenjacke hat der Kälte wenig entgegenzusetzen. Der Blick über der kahlen Freifläche der Gedenkstätte lässt mich zusätzlich frösteln. So steure ich bald das Dokumentationszentrum im ehemaligen Waschhaus an. Beim Gang durch die Ausstellung zeigen Tafeln und Filme in Schwarz-weiß das unendliche Leid der Opfer – und die unfassbare Gemeinheit der Täter im Konzentrationslager Buchenwald. Dann fällt mein Blick auf ein Spinett, einen Bücherschrank, fünf hölzerne Transportkisten und einen Schreibtisch aus Holz. Ich lese: Sie gehörten einst einem der größten Söhne der Stadt, dem Dichter Friedrich Schiller. Warum – so frage ich mich – findet sich der Schreibtisch Schillers im Konzentrationslager Buchenwald?

Ich erfahre: Was hier ausgestellt sind, sind keine Originale, sondern Kopien. Warum aber wurden seine Möbel hier nachgebaut? Eine Infowand gibt erste Hinweise. Ich setze mich in eine stille Ecke der Gedenkstätte und recherchiere die Hintergründe.

Das Jahr 1941 bringt erste Luftangriffe der Alliierten auf deutsche Städte. In der Weimarer Lokalpolitik werden Überlegungen angestellt, die Goethe– und Schillermuseen der Stadt zu schließen und die Exponate zu sichern. Das jedoch widerspricht einer Anordnung des Reichspropagandaministeriums. Die Häuser der beiden großen Weimarer Dichter müssen geöffnet bleiben, der Glaube an den Endsieg könnte andernfalls geschwächt werden.

Spätestens im Januar 1942 ist allen klar, dass die Kulturschätze in den Weimarer Museen nicht gegen Luftangriffe geschützt sind. In Konferenzen wird nach einer Lösung gesucht, die die NS-Propaganda und die reale Gefahrenlage in Einklang bringt. Mitte Februar ist sie gefunden. Von den Möbeln in Schillers letztem Wohnhaus sollen Kopien angefertigt werden. Sie sollen gegen die Originale ausgetauscht werden, um diese sicher zu verwahren.

Wer konnte fachgerecht und günstig Duplikate der Möbel anfertigen? Paul Hennicke, der Polizeipräsident der Stadt, weiß Rat. Er hat gute Beziehungen zum Konzentrationslager vor den Toren der Stadt, das dort vor fünf Jahren eingerichtet worden ist. In den benachbarten Werkstätten gibt es Fachkräfte – und Zwangsarbeit ist billig.

Im April 1942 beauftragt der Weimarer Oberbürgermeister Otto Koch in Absprache mit den Verantwortlichen der SS-Werkstätten im Konzentrationslager auf dem Ettersberg die Herstellung von Kopien der Möbel im Schillerhaus. Eduard Scheidemantel, ein studierter Literaturhistoriker und Vorsitzender des Weimarer Schillerbundes ist der Kustos des Schillermuseums. Die Kulturschätze „seines“ Museums zu bewahren und damit Schillers Erbe zu retten, ist seine Mission. Dass er dafür die Augen vor dem Unrecht im Konzentrationslager verschließen muss, nimmt er in Kauf. Als Anfang Mai 1942 vierzig stabile Holzkisten im Schillerhaus eintreffen, beginnt er sofort, sie mit den Exponaten zu füllen.

Doch erst mal hat niemand Zeit, die Möbel ins nahe Lager zu transportieren. Am 9. Mai treffen in Weimar zahlreiche Sonderzüge ein. Jüdinnen und Juden aus ganz Thüringen und Sachsen warten nun in einer großen Halle der Stadt auf ihre Deportation in die Vernichtungslager am nächsten Tag. Dieser 9. Mai 1942 markiert den Beginn der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Thüringens und Sachsens. Gleichzeitig ist es ist der 137. Todestag Friedrich Schillers.

Fünf Tage später wird der Schreibtisch zusammen mit einigen weiteren Möbelstücken in die Schreinerwerkstatt des Konzentrationslagers verbracht. Es dauert über ein Jahr, bis die Kopien fertig sind. Erst im Juni 1943 – ein Luftangriff hat inzwischen auch Teile der Stadt zerstört – sind die Arbeiten beendet. Originale und Kopien werden zurückgebracht. Die Kopien werden wie geplant im Museum ausgestellt, die Originale im Nietzsche-Archiv untergebracht.

Als die Stadtverwaltung die Arbeit begutachtet, zeigt sie sich mit der Qualität der Nachbildungen zufrieden und dankt dem Kommandanten für die gute Zusammenarbeit. Der Oberbürgermeister weist einen Mitarbeiter an, eine Tafel mit folgendem Text im Schillerhaus anzubringen: „Die Möbel in Schillers Arbeits- und Sterbezimmer sind getreue Nachbildungen der in Sicherheit gebrachten Originale.“

Draußen vor dem Waschhaus erblicke ich die sogenannte Goethe-Eiche, von der nur noch der Stumpf übrig ist, und verlasse das Lager durch das Tor mit der schmiedeeisernen Inschrift „Jedem das Seine“.

An der Bushaltestelle habe ich etwas Zeit zum Nachdenken. Der Abtransport der Möbel des Dichters geschah fast auf den Tag genau 137 Jahre nach seinem Tod. Zwischen dem Zimmer, in dem das Drama des legendären Freiheitskämpfers Wilhelm Tell entstand, und dem Ort, an dem diese Freiheit mit Militärstiefeln getreten wurde, liegen nur zwanzig Minuten mit der Linie 6. Dann kommt der Stadtbus. Ich steige ein, ich möchte nochmal ins Schillerhaus an der Esplanade, das ich bereits am Vortag besucht habe.

Dort angekommen steuere ich zielstrebig das Arbeits- und Sterbezimmer des Dichters an. Da steht er, der Schreibtisch. Wer die Schubladen nicht aufzieht – was natürlich nicht gestattet ist – bemerkt keinen Unterschied. Das Original ist von der Kopie nicht zu unterscheiden. Sind sie wirklich nicht vertauscht? Nein, die im Konzentrationslager gefertigten Kopien stehen da, wo sie geschreinert worden ist, nämlich auf dem Ettersberg. Die Möbel im Haus Schillers hingegen sind die Originale.

Die Kopie aus der Schreinerwerkstatt mag dem Original sehr nahekommen, doch die Schillerverehrung des Nationalsozialismus ist eine inhumane Fälschung, die das kulturelle Erbe des Poeten, Dramatikers und Philosophen entstellt und missbraucht. Schon das 19. Jahrhundert hatte das Weimarer Dichterduo zu Nationalhelden stilisiert. Deutschland suchte nach Identität und meinte sie in Goethe und Schiller zu finden. Dabei geriet bereits in den Hintergrund, was diese antrieb: die Hochschätzung der Freiheit, der Weltoffenheit und der Vernunft. Der Nationalsozialismus knüpfte an diese Heldenverehrung an, versammelte sich zu Füßen ihrer Denkmäler und missbrauchte ihren Ruhm. Er verehrte sie und verachtete doch, was ihnen heilig war.

Literatur:
Dieter Kühn: Schillers Schreibtisch in Buchenwald. S. Fischer, 2007
Volkhard Knigge, Michael Löffelsender, Rikola-Gunnar Lüttgenau und Harry Stein (Hg. im Auftrag der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora:) Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945, Wallstein, 2016

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