„Dass man seine Weibsnatur jeden Tag von den Herren der Schöpfung vorgerückt bekommt…“ Vor 175 Jahren starb die Komponistin Fanny Hensel.

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Es ist der 9. Juli 1846. Fanny Hensel sitzt in ihrem sonnendurchfluteten Berliner Arbeitszimmer in der Leipziger Straße. Ein Gemälde von Julius Helfft hat festgehalten, wo ihre 400 Kompositionen, Kantaten, Klavierstücke, Lieder und Kammermusik entstanden. Ihr kleiner Schreibtisch steht direkt neben der Tür, das Licht fällt von links auf ein Blatt Papier. Sie hat einen Brief begonnen. Fanny hat im Laufe ihres Lebens unzählige Briefe geschrieben. Doch dieser kostet sie Überwindung und beginnt mit einer umständlichen Entschuldigung:

„Eigentlich sollte ich dir jetzt gar nicht zumuten, diesen Quark zu lesen, beschäftigt wie du bist, wenn ich dir nicht hätte schreiben müssen, um dir etwas mitzuteilen. Da ich aber von Anfang an weiß, dass es dir nicht recht ist, so werde ich mich etwas ungeschickt dazu anstellen …“

Der Empfänger des Schreibens ist ihr kongenialer und in ganz Europa gefeierter Bruder Felix. Auf dem Flügel in ihrem Zimmer hat sie seine Werke gespielt, doch auch ihre eigenen sind hier entstanden. Fanny ist Pianistin, Dirigentin und Komponistin. Während der Stern ihres Bruders in Europa hell strahlt, sind ihre Werke unbekannt. Von den halböffentlichen Sonntagsmatineen im elterlichen Anwesen abgesehen hat sie kaum je ein Konzert gegeben, geschweige denn eigene Werke gespielt. Der Vater Abraham Mendelssohn hatte ihr einst ins Stammbuch geschrieben, die Musik könne für sie „Zierde, aber niemals Grundbass“ ihres Lebens sein. Damit ist ihr nicht nur die Karriere einer Konzertpianistin untersagt, sondern auch die einer Komponistin. Bislang hat sie sich über sein Verdikt nicht hinweggesetzt.

Die Wände ihres Zimmers sind mit Bildern ihres Mannes Wilhelm Hensel geschmückt. Er ist beim preußischen Hof als Maler angestellt und ermuntert seine Frau seit Jahren, aus ihrer Berufung einen Beruf zu machen. Aber Wilhelm ist kein Musiker. Seine Unterstützung ist für Fanny wertvoll, aber sie reicht nicht aus. Ohne die Zustimmung des Bruders traut sie sich nicht, etwas zu veröffentlichen. Vor zehn Jahren – der Vater war im Jahr zuvor überraschend verstorben – hatte sie Felix zum ersten Mal gefragt:

„Ich bin in letzter Zeit wieder viel angegangen worden, etwas herauszugeben. Soll ich’s tun?“

Es ist eine erste schüchterne Frage an ihn, fast eine Bitte um Erlaubnis. Die Antwort des Bruders kommt bald. Er lobt ihre Musik und rät ab. Damit ist klar: Fannys Werke werden zunächst nicht veröffentlicht. Im November 1836 schreibt sie an Felix:

„Was mein Herausgeben betrifft, so stehe ich dabei wie der Esel zwischen zwei Heubündeln. Ich selbst bin ziemlich neutral dabei, es ist mir aufrichtig gestanden einerlei, Hensel wünscht es, Du bist dagegen. In jeder andern Sache würde ich natürlich dem Wunsche meines Mannes unbedingt Folge leisten, allein hierbei ist es mir doch zu wichtig, deine Beistimmung zu haben, ohne dieselbe möchte ich nichts der Art unternehmen.“

Ganz einerlei ist es der bescheidenen Fanny wohl doch nicht. Auch sieht ihre Mutter Lea, dass Fanny zwischen den beiden Heuhaufen künstlerisch verhungern könnte. Sie greift zu Tinte und Papier und schreibt ihrem Sohn:

„Erlaube mir bei dieser Gelegenheit eine fragende Bitte. Sollte Fanny nicht eine Auswahl Lieder und Konzertstücke herausgeben? Seit einem Jahr etwa hat sie, besonders im letzteren Genre, viel ganz Vergnügliches gemacht. … Dass du sie nicht dazu aufgefordert und ermuntert hast, hält sie zurück. Wäre es nicht billig, dass du ihr Mut machtest und auch Gelegenheit verschafftest, einen Verleger zu finden?“

Der antwortet am 24. Juni 1937:

„Du schreibst mir über Fannys Stücke, und sagst mir, ich solle ihr zureden und ihr Gelegenheit verschaffen, sie herauszugeben. Du lobst ihre neuen Kompositionen, und das ist wahrhaftig nicht nötig, denn ich weiß ja, von wem sie sind. Wenn sie sich entschließt, etwas herauszugeben, [werde ich] ihr die Gelegenheit dazu, soviel ich kann, verschaffen und ihr alle Mühe dabei, die sich ihr ersparen lässt, abnehmen. Aber zureden etwas zu publizieren kann ich ihr nicht, weil es gegen meine Ansicht und Überzeugung ist. Wir haben darüber früher viel gesprochen und ich bin immer noch derselben Meinung.“

Gern gesehene Gäste im Hause Mendelssohn: der Architekt Karl Friedrich Schinkel, der Komponist Giacomo Meyerbeer, der Philosoph Georg Wilheim Friedrich Hegel, die Sängerin Jenny Lind, die Pianistin Clara Schumann, der Dichter Heinrich Heine, der Violonist Niccolò Paganini, die Dichterin Bettina von Arnim, der Naturforscher Alexander von Humboldt und der Musiker Franz Liszt

Was motiviert den Bruder, dem es nicht an Wertschätzung für die Kompositionen der Schwester mangelt, die Bitte der Mutter abzuschlagen? Was hindert ihn daran, seiner Schwester Mut zu machen? An der Qualität ihrer Werke für Klavier zweifelt er nicht, auch wenn er sich zu manch anderem, was sie ihm vorlegt, kritisch äußert. Er rät ihr ab, Kirchenmusik zu schreiben, auch ihr Streichquartett gefällt ihm nicht, aber diese Kritik kann Fanny gut ertragen, denn der sensible Felix geht auch mit seinen eigenen Werken hart ins Gericht. Die Werke, die die Mutter erwähnt, finden seinen Beifall. Dennoch will er sie nicht ermuntern. Er hat dafür aber andere Gründe als sein verstorbener Vater. Diesem ging es vor allem um den guten Ruf seiner Familie, die sich gegenüber der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft keine „Extravaganzen“ der ältesten Tochter leisten durfte. Felix weiß aber, dass Fannys Lieder und Klaviersonaten seiner Familie keineswegs Schande bereiten würden. Er sorgt sich, dass eine Komponistin angesichts der Erwartungen der kritischen Öffentlichkeit und der Verlage gestresst werden könne. Wer einmal begonnen hat, muss liefern. Er kennt den Druck und leidet unter ihm. Eine Frau, noch dazu eine Ehefrau und Mutter, könnte ihm womöglich weniger gut standhalten. Da ist Felix ganz ein Kind seiner Zeit.

Das gilt auch für seine Schwester. Die Forderung nach Gleichstellung der Frau im Familie, Beruf und Gesellschaft ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch recht unbekannt. Obwohl Fanny zu mancherlei Verzicht bereit ist, macht es sie von Zeit zu Zeit wütend, dass ihr wegen ihres Geschlechts die Erfüllung eines Lebenstraum versagt bleiben soll. Schon 1829 hatte sie dem gemeinsamen Freund der Geschwister, Karl Klingemann, der ihr zur Verlobung gratuliert hatte, geschrieben:

„… dass Sie erst aus meiner Verlobungskarte geschlossen haben, ich sei ein Weib wie andere, ich meines Teils war darüber längst im Klaren, ist doch ein Bräutigam auch ein Mann wie andre. Dass man übrigens seine elende Weibsnatur jeden Tag, auf jedem Schritt seines Lebens von den Herren der Schöpfung vorgerückt bekommt, ist ein Punkt, der einen in Wut und somit um die Weiblichkeit bringen könnte, wenn nicht dadurch das Übel ärger würde.“

Januar aus Fanny Hensels Klavierzyklus Das Jahr, illustriert mit einer Zeichnung von Wilhelm Hensel

Ein Jahrzehnt ist vergangen, seit Fanny ihren Bruder um Zustimmung gebeten hatte. Die Mutter, die sie unterstützt hatte, lebt nicht mehr. Felix „ist immer noch derselben Meinung.“ Aber Fanny ist nicht mehr dieselbe wie 1836. Ihr Sohn Sebastian ist nun 16 Jahre alt. Sie hat 1839/40 mit ihrem Mann das Sehnsuchtsland ihrer Jugendzeit bereist und dort zum ersten Mal eine ungeteilte Bewunderung als Musikerin erlebt. Der kunstverständigen Hörerschaft in Rom ging es allein um ihr Können und ihre Musik. Dass sie eine Frau war, spielte keine Rolle. Im preußischen Berlin hatte sie das nie erlebt. Diese italienische Erfahrung hat sie nach Deutschland mitgenommen. Sie ist um einiges selbstbewusster in die Leipziger Straße zurückgekehrt. Dort entsteht Klavierzyklus „Das Jahr.

Eine Erinnerung an Italien steht in ihrem Arbeitszimmer. Ein etwa 40 Zentimeter hohes Kreuz hat sie von ihrem zweiten Aufenthalt in Florenz 1845 mitgebracht hat und auf dem Sideboard zwischen den beiden Fenstern platziert. Es steht für die neue Fanny, die aus Italien zurückgekehrt ist. Es haben wieder mehrere Verlage angefragt. Johann von Keudell, ein Freund, der an den Sonntagsmusiken mitwirkt und gerne mit ihr musiziert, hat ihr Mut gemacht. Nun hat sie zugesagt. Zusammen haben sie die Publikation vorbereitet. Nun soll es der Bruder erfahren, aber sie ringt um Worte.

„Ich habe mit 40 Jahren eine Furcht vor meinen Brüdern, wie ich sie zu 14 vor meinem Vater gehabt habe, oder vielmehr Furcht ist nicht das rechte Wort, sondern der Wunsch, Euch und allen, die ich liebe, es in meinem ganzen Leben recht zu machen, und wenn ich nun vorher weiß, dass es nicht der Fall sein wird, so fühle ich mich rather unbehaglich dabei. Mit einem Wort, ich fange an herauszugeben.

Nun ist es heraus. Die Hilfe des Bruders muss sie nicht mehr in Anspruch nehmen. Aber ein ermutigendes Wort wünscht sie sich auch jetzt noch. Doch der zögert oder findet keine Zeit, denn er ist in den Abreisevorbereitungen nach England, wo sein neues Oratorium Elias uraufgeführt werden soll. Fünf Wochen wartet Fanny in Berlin sehnsüchtig auf seine Antwort. Sie kommt endlich am 12. August 1846:

„Erst heute komme ich Rabenbruder dazu, dir für deinen lieben Brief zu danken und dir meinen Handwerkssegen zu geben zu deinem Entschluss, dich auch unter unsere Zunft zu begeben. Hiermit erteile ich ihn dir, und mögest du Vergnügen und Freude daran haben, dass du den andern soviel Freude und Genuss bereitest, und mögest Du nur Autorpläsiers und gar keine Autormisere kennenlernen, und möge das Publikum Dich nur mit Rosen und niemals mit Sand bewerfen, und möge die Druckerschwärze Dir niemals drückend und schwarz erscheinen. Warum wünsche ich Dir‘s also erst? Es ist nur so von Zunft wegen, und damit ich auch meinen Segen dazugegeben haben möge, wie hierdurch geschieht.“

Noch im Dezember 1846 erscheinen Fannys Opus 1 und 2. Da ist ihr letztes Lebensjahr bereits angebrochen. Am 14. Mai 1847 erleidet sie – während der Probe einer Komposition ihres Bruders – einen Schlaganfall und stirbt am selben Tag. Im Februar hat sie noch die Rezensionen wahrgenommen, die die Schönheit ihrer Stücke, ihre Eleganz und die „äußere Darstellung“ würdigen. Doch weil es die Werke einer Frau sind, werden Abstriche gemacht. „Wir vermissen die Empfindung, die aus der Tiefe der Seele quillt.“ An keinem einzigen Takt wird dieses harte Urteil verifiziert. So sagt dieser Satz in der Tat mehr über den Rezensenten als über das Musikstück aus, das er begutachtet. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, reicht Fannys Musik in ihren Augen nicht an die ihrer männlichen Kollegen heran. Felix hatte es vorausgesehen: Die zeitgenössische Fachwelt war gegenüber den Kompositionen einer Frau voreingenommen.

Die Gräber von Felix Mendelssohn Bartholdy, Fanny Hensel und weiteren Mitgliedern der Familie Mendelssohn auf dem Friedhöfen vor dem Halleschen Tor

Ein halbes Jahr nach Fanny stirbt auch Felix, wie seine Schwester an den Folgen eines Schlaganfalls. Bald ist Erbärmliches über seine Musik zu lesen. Nach seinem Tod versuchen antisemitische Neider, seinen Ruhm zu zerstören. Sie thematisieren seine jüdische Herkunft und bestreiten, dass ein Jude zu mehr in der Lage sei, als die Kunst anderer nachzuahmen. Es hätte Fanny nicht getröstet zu erleben, dass ihr erfolgsverwöhnter Bruder Opfer einer Schmähkampagne wurde.

Fanny hat Felix seinen Ruhm nie geneidet. Die beiden verband eine innige Geschwisterbeziehung. Umso rätselhafter bleibt es, warum er nicht den Blick über die Konventionen seiner Zeit heben konnte und seine Schwester in ihrem Wunsch, sich als Musikerin und Komponistin zu verwirklichen, unterstützte. Hätte er es getan, wer weiß, welche weiteren Schätze sie uns noch hinterlassen hätte.

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