Himmel, Hölle und Humor. Wie Desmond Tutu erst Späße über das Jüngste Gericht macht und dann die Gretchenfrage stellt.

Horst Heller (CC BY-SA 4.0)
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Als Desmond Tutu am 20. April 2015 in dessen indischem Exil mit dem Dalai Lama zusammentraf, hatte er erst wenige Tag zuvor von einem Wegbegleiter Abschied nehmen müssen. Philip Potter war in Lübeck hochbetagt gestorben. Der 83-jährige Erzbischof hatte im Dom der Hansestadt mit bewegenden Worten von seinem Freund Abschied genommen. Noch ganz unter dem Eindruck des Todes des ersten schwarzen Generalsekretär des Weltkirchenrats sprachen die beiden spirituellen Männer in Dharamshala nun auch über das unvermeidliche Lebensende. Tutu erzählte von der Beerdigung in Deutschland. Er tat das allerdings mit Worten, die für europäische Ohren befremdlich klingen. Potter sei als stattlicher Mann in einen besonders großen Sarg gebettet worden. „Ein Riesending! Wir hätten beide reingepasst“, lacht Tutu, zum Dalai Lama gewandt.

Die Vorstellung, dass Tutu und der Dalai Lama nach ihrem Tod in einem Sarg zu Grabe getragen würden, schien ihn zu belustigen. Doch dann stellte er sich und dem Dalai Lama – noch immer lachend – die theologische Gretchenfrage: Wenn zwei Angehörige unterschiedlicher Religionen in einem Sarg liegen würden, wohin würde ihre Reise gehen? Hätten sie ein gemeinsames Ziel? „Ich wäre in den Himmel gekommen“, feixt Tutu und fragt den Dalai Lama: „Und wohin hätte es dich wohl verschlagen?“ „Höchstwahrscheinlich in die Hölle“, antwortet der.

Das Jüngste Gericht – Eine Darstellung am Berner Münster

Zwei prominente Religionsführer machen Witze über das Jüngste Gericht. Ist das nicht unfassbar? In meiner Jugendzeit hätte ich das keinesfalls gutgeheißen. Zwar wurde auch ich nicht mit der Angst vor der Strafe Gottes erzogen, aber es schien mir doch verwerflich, Späße über zentrale Glaubensinhalte meiner Religion zu machen. Ich hielt die „Trennung der Schafe von den Böcken“ am „Dies Irae“ für einen Kern christlichen Glaubens.

Das Weltgericht als wiederkehrendes Motiv an und in Kirchen des Mittelalters bestärkten mich darin. Bis heute frage ich mich, warum Gläubige, die zum Gottesdienst oder zur Beichte strömten, mit diesen Bildern empfangen wurden. War es der ehrliche Wunsch der Kirchenführer, die Gläubigen vor einer unendlich langen Höllenstrafe zu bewahren? Oder war es ein eigennütziges Mittel, um sie zu Gehorsam und Opferbereitschaft zu nötigen? Diese Frage vermag ich bis heute nicht zu beantworten. Eines aber scheint mir sicher zu sein: Auch grausame Details in den Darstellungen hielten viele der Kirchenfürsten nicht davon ab, ihr eigenes Leben zu genießen, indem sie – bildlich gesprochen – Wasser predigten und Wein tranken. Martin Luther kommt das Verdienst zu, erkannt zu haben, dass Gott nicht unbarmherzig die Gerechtigkeit der Menschen überprüft, sondern den Sünder begnadigt. Die Angst vor der Hölle konnte er so ablegen, die Furcht vor dem Teufel überwand er indessen nie ganz.

Heute ist das Weltgericht fast ganz aus der Verkündigung der Kirche und völlig aus den Lehrplänen des Religionsunterrichts verschwunden. Angesichts der beschriebenen problematischen Geschichte dieses theologischen Topos wird das Thema in der Regel übergangen. Anders Desmond Tutu. Er macht sich darüber lustig. Humor wird für ihn zu einem Modus des Umgangs mit überkommenen christlichen Narrativen, die für sein Verständnis der christlichen Religion nicht wichtig sind. Seine Fröhlichkeit öffnet ihm Türen zu Menschen anderen Glaubens, ohne dabei seine eigene Verwurzelung in der christlichen Theologie zu verleugnen, und hilft ihm zudem, seine eigenen Gebrechlichkeit zu ertragen.

Und doch ist Tutu ein sehr ernsthafter Mensch. Er wird nun wieder ernst und erläutert, was ihm an seiner Religion wichtiger erscheint als die Sorge, am Ende der Zeit auf der richtigen Seite zu stehen. Es gehe darum, dass Menschen in diesem Leben aus Krisen und Krankheiten Stärkung und Heilung erführen und selbst Gutes bewirkten. Das sind zwar die Worte des Dalai Lama, doch Tutu stimmt ihnen zu: „Es ist wichtig daran zu denken, dass früher oder später der Tod kommt und wir unser Leben deshalb sinnvoll gestalten müssen.“ Und er fährt fort: Unsere Lebenszeit sei im Vergleich zum Erdalter sehr kurz. „Wenn wir diese Zeit nutzen, um auf diesem Planeten noch mehr Probleme zu schaffen, dann ist unser Leben ziemlich sinnlos. Also sollten wir unsere Tage weise nutzen, um unsere Welt für alle ein wenig besser zu machen.“

Der Wesenskern beider Religionen ist aus der Sicht der beiden Männer also ähnlich. So lange sich Menschen über die Hölle und den Tod Sorgen machen, werden sie nie Freude und Glück finden. Wie wahr! Und dann scherzt auch der Dalai Lama und tätschelt dem Erzbischof das Handgelenk: „Ich möchte lieber in die Hölle kommen“, sagt der gläubige Buddhist dem anglikanischen Erzbischof. „In der Hölle kann ich mehr Probleme lösen. Ich kann dort mehr Menschen helfen.“

Dalai Lama, Desmond Tutu und Douglas Abrams: Das Buch der Freude, München, 2016
Das Buch ist die Schilderung eines Besuches des verstorbenen Erzbischofs bei Tenzin Gyatso, dem Dalai Lama, in seinem indischen Exil im April 2015. Tutu war damals 83 Jahre alt, das Oberhaupt des tibetanischen Buddhismus feierte während des Besuches seinen 80. Geburtstag. In einem sehr persönlichen religiös-philosophischen Dialog tauschten sie sich über existentielle Grundfragen des Menschseins aus. Ihre eigenen Leidenswege waren dabei immer präsent. Der Dalai Lama blickte auf seine Flucht aus Tibet vor über 50 Jahren zurück, der Erzbischof auf den langen Kampf gegen die Apartheid in seinem Land. In mehreren Gesprächsrunden reflektierten sie über Leid und Freude, über Angst und Hoffnung, über Leben, Tod und Zukunft und feierten ihre Freundschaft, die die Grenzen von Religionen und Kulturen überwand. Angeregt wurden sie durch Fragen, die ihnen im Vorfeld des Zusammentreffens von Menschen jeden Alters aus der ganzen Welt gestellt worden waren. Der amerikanische Autor Douglas Abrams moderierte den fünftägigen Diskurs der beiden Persönlichkeiten. In den Monaten danach schrieb er zusammen mit ihnen das „Buch der Freude“, in dem er von dem Zusammentreffen der beiden Freunde berichtet und die Gespräche der beiden nacherzählt.

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