„Christ ist erstanden.“ Als Fanny Hensel den Choral in ihren Klavierzyklus „Das Jahr“ aufnahm, war das weniger ein österlicher Lobpreis, eher eine Verbeugung vor zwei verehrten Vorbildern.

„Jetzt mache ich eine andere kleine Arbeit, an der ich viel Spaß habe, nämlich eine Reihe von 12 Clavierstücken, die die Monate vorstellen sollen.“ Das schrieb Fanny Hensel im Jahr 1841 an ihren Bruder Felix Mendelssohn. Als die „kleine Arbeit“ beendet war, lag ein fast einstündiger Klavierzyklus aus 12 Monatssätzen (plus einem Epilog) vor ihr, eines ihrer umfangreichsten Kompositionen unter ihren vielen Meisterwerken. Tragischerweise wurde er zu ihren Lebzeiten nie öffentlich aufgeführt.

Zu jedem der Sätze gehört ein Gedicht, dass sie selbst auswählte. Für den Monat März wählte sie einen Ausschnitt aus Goethes Faust. Inspiriert von diesem Goethezitat gestaltete ein österliches Präludium. In der Reinschrift stellte sie ihm den Zweizeiler voran:

Verkündigt ihr dumpfen Glocken schon
Des Osterfestes erste Feierstunde?

Als eine Frau, die eine gründliche Ausbildung in Literatur und Geschichte erhalten hatte und den großen Weimarer Dichter verehrte, kannte sie seinen Faust gut. Ihre Komposition nimmt Motive der Exposition der Tragödie auf: Heinrich Faust, der Protagonist der Tragödie stellt eines Nachts fest, dass seine Gelehrsamkeit nicht ausreicht, um die Grundlage seiner Existenz zu begreifen. Verzweifelt stellt er fest, das ihm die Geheimnisse des Lebens verborgen sind. „Hier stehe ich jetzt, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“ Seine Verzweiflung ist groß. Des Lebens überdrüssig ergreift einen Giftbecher. Da hört er das Geläut der Glocken und in seinem Inneren erklingt ein Engelschorgesang, der an einen österlichen Choral erinnert.

Christ ist erstanden!
Freude dem Sterblichen,
Den die verderblichen,
Schleichenden, erblichen
Mängel unwanden.

Erinnerungen an eine glückliche Kindheit werden in ihm wach. Eine unsichtbare Hand hält ihn nun davon ab, den tödlichen Trank zu sich zu nehmen.

Welch tiefes Summen, welch heller Ton
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?
Verkündigt ihr dumpfen Glocken schon
Des Osterfestes erste Feierstunde?

Diese dramatische Wendung im ersten Teil von Goethes Faust hat Fanny Hensel vor Augen, als sie 1841 im dritten Satz ihres Klavierzyklus den Monat März vertont. Es wird eine österliche Komposition, denn das Osterfest des Jahres 1841, des Jahres der Entstehung dieses Werkes, wurde am 30. März begangen. Der Monat beginnt mit einem melancholischen Präludium in fis-Moll. Dann erklingt, sehr langsam und zunächst noch immer in Moll, der Osterchoral: „Christ ist erstanden“. Wie bei Heinrich Faust erwachen nun auch am Klavier die Lebensgeister. Das Choralmotiv wird zunehmend bewegter und fröhlicher, verbindet sich mit anderen kompositorischen Ideen und wechselt ins Dur. Der Monat März schließt mit einem wohltuenden Cis-Dur.

Lauma Skride spielt Fanny Hensel, Das Jahr – 3. März

Wenn Goethe in seinem Faust eine lutherische Choralzeile zititierte, wollte er damit keineswegs die christliche Auferstehungshoffung als Ausweg für den verzweifelten Faust anbieten. Die Auferstehung deutete er als Metapher für eine Wendung zum Licht und für spirituelle Erkenntnis. Wie Goethe lag es auch Fanny fern, mit ihrer Komposition ein christlichen Bekenntnis abzugeben oder ein Stück Kirchenmusik zu schaffen. Die Vertonung des Gedichtes war eine Verbeugung vor dem Dichter, das Choralzitat eine Huldigung des großen Johann Sebastian Bach, den sie und ihre ganze Familie verehrten.

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