„Licht!“ Der berühmteste C-Dur-Akkord der Musikgeschichte erklang am 30. April 1798 in Wien. Hier ist seine Vorgeschichte.

Horst Heller (CC BY-SA)

Der Stefansdom in Wien – Gemälde von Rudolf von Alt

Wien im Jahr 1790. Der 34-jährige Wolfgang Amadeus Mozart, der 40-jährige Antonio Salieri und der 20-jährige Ludwig van Beethoven sind Fixsterne im Planetensystem des kulturellen Lebens der österreichischen Hauptstadt. Die Gestirne, die um sie kreisen, sind Familien der „Gesellschaft der Assoziierten“. Allesamt gehören sie zum Hochadel und tragen illustre Namen, die uns aus den Widmungen von Beethovens Klaviersonaten bekannt sind: Fürst von Schwarzenberg, von Dietrichstein, von Lichnowsky oder aber Baron van Swieten. Sie öffnen ihre Palais für private Konzerte, sogenannte Akademien, und helfen bei materiellen Sorgen der Künstler. Ihre Frauen und Töchter sind eine angenehme Gesellschaft und kultivierte Gesprächspartnerinnen.

Der 58-jährige Josef Haydn wäre auch gern Teil dieser anregenden Gesellschaft. Aber er ist seit über drei Jahrzehnten musikalischer Leiter des Fürsten Esterházy weit entfernt von der Metropole. Als Kapellmeister in der Provinz erleidet er dort das Schicksal eines gut versorgten Angestellten, der sich in die Hauptstadt sehnt. Es ist doch traurig, immer ein Sklave zu sein, klagt er. Da sitze ich in meiner Einöde, verlassen wie ein armer Waise, fast ohne jede menschliche Gesellschaft.

Doch noch im gleichen Jahr stirbt sein Dienstherr. Sein Sohn und Nachfolger ist kein Freund der Musik. Instrumente braucht er nicht – außer für die Jagd. Er entlässt die gesamte Hofkapelle, nur die Hornisten dürfen bleiben. Haydn, jahrzehntelang ein treuer Diener des Fürsten, wird großzügig abgefunden. Als freiberuflicher Musiker kehrt er nach Wien zurück, wo sein musikalischer Weg begonnen hat. Hier trifft er seinen Brieffreund, den Baron Gottfried van Swieten.

Gottfried van Swieten

Der Baron ist fast gleich alt wie Haydn und in den Niederlanden geboren. Sein Vater ist einst als Leibarzt von Kaiserin Maria Theresia nach Österreich gekommen. Er ist in Wien aufgewachsen und steht seit vielen Jahren im diplomatischen Dienst der Habsburger Monarchie. Auch er fördert junge Musiker und empfängt sie für Hauskonzerte in seiner Dienstwohnung. Mozart ist eine Zeitlang wöchentlich bei ihm zu Gast, Beethoven wird ihm später seine erste Sinfonie widmen.

Als Diplomat hat er in Warschau, Brüssel und Paris gelebt. Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn – und vielleicht entscheidend für die Entstehung der Schöpfung – ist aber seine Gesandtschaft am preußischen Hof in Berlin. Bei Kurfürst Friedrich II. lernt er die Musik Johann Sebastian Bachs und dessen Söhne kennen. Auch Georg Friedrich Händels Kammermusik wird dort gepflegt. Zurück nach Wien, wird er zunächst Leiter der kaiserlichen Hofbibliothek und später Minister für Kultur, ein Amt, das für ihn und sein Mäzenatentum wie geschaffen ist. Als Haydn in Wien eintrifft, will er den Komponisten und Freund unbedingt treffen.  

Haydn will aber nicht in Wien bleiben. Er hat Pläne für eine Auslandsreise nach London, eine der Kunstmetropolen seiner Zeit. Sein Freund Mozart versucht ihn davon abzubringen. Er könne doch kein Englisch, wendet er ein. Meine Worte versteht man überall, entgegnet dieser. So berichtet Haydns Biograf Griesinger. 1791 bricht der Komponist auf.

In London ist er überrascht von dem Ruhm, der ihm vorauseilt. Man nennt ihn den „größten Herrscher der Tonkunst“. Seine neuen Sinfonien werden mit überwältigendem Erfolg aufgeführt. Die Universität Oxford verleiht ihm die Würde eines Doctor honoris causa. Als Gast in der Loge des Königs in Westminster Abbey hört er Händels Messias und dessen anderen Oratorien in großer Besetzung. Der enorme Erfolg dieser Aufführungen beeindruckt ihn. Nach einem Jahr kehrt er nach Wien zurück. Sein Freund Mozart ist da bereits tot.

Westminster Abbey, London

Als er drei Jahre später auf Einladung von Johann Peter Salomon, einem deutschstämmigen Londoner Konzertunternehmer, ein zweites Mal in London weilt, drückt dieser ihm ein altes  Manuskript in englischer Sprache in die Hand. Es ist ein Libretto, das angeblich bereits dem vor über 30 Jahren verstorbenen Händel vorlegt worden ist. Der Titel lautet: The Creation of the World. Der Autor soll ein gewisser Lidley sein, den niemand kennt. Salomon schlägt ihm vor, aus diesem Libretto ein großes Werk für London zu schreiben, das die Tradition der Händel’schen Oratorien fortführt, natürlich in englischer Sprache. Der Komponist ist bereits im Begriff, die Insel wieder zu verlassen. Er nimmt das Manuskript an sich und verspricht, über die Idee nachzudenken.

Joseph Haydn

Zurück in Wien übergibt er das Libretto seinem Freund van Swieten, denn Haydn ist auch nach zwei Aufenthalten im Königreich der Sprache des Landes nicht ausreichend mächtig. Der Baron fängt Feuer. Was [Händel] davon abhielt, davon Gebrauch zu machen, ist unbekannt, aber als Haydn nach London kam, wurde es hervorgesucht, erzählt er später. Auch in Wien sind Händels Kompositionen inzwischen bekannt. Den Messias hatte Mozart bereits 1789 auf Veranlassung des Barons für eine Aufführung in der Akademie bearbeitet. Aber es gibt noch kein Wiener Oratorium in der Tradition des großen Händel. Dieses Manuskript, so findet er, kann diesem Mangel abhelfen. Er beschließt, dem englischen Gedicht ein deutsches Gewand zu geben, übersetzt es und passt seinen Inhalt eigenen Vorstellungen an. Dann bittet er Haydn, daraus ein Oratorium zu komponieren – in deutscher Sprache. Der willigt ein. Die Idee der Schöpfung ist geboren.

Haydn macht sich an die Arbeit. Anders als andere Musiker seiner Zeit, ist er ein Teamplayer. Er mietet sich eine Wohnung, von der aus er sich häufiger mit seinem Förderer treffen kann. Einem schwedischen Diplomaten gegenüber bekennt er: Ich habe nötig, mit dem Baron zu sprechen, um Änderungen an dem Texte machen zu können, und außerdem ist es für mich ein Vergnügen, ihm verschiedene Nummern daraus zu zeigen, weil er ein tiefer Kenner ist, der selbst gute Musik gesetzt hat.

Wohnhaus Haydns während der Entstehung der Schöpfung

Franz Grillparzer berichtet, dass van Swieten sogar Teile des Werks, von einem kleinen Orchester vorgetragen, hören und kommentieren darf. Ein Chor allerdings bleibt das Geheimnis des Komponisten. Niemandem verrät er, was er plant. Auch nicht dem Baron. Es ist der Chor mit dem berühmtesten C-Dur-Akkord der Musikgeschichte.

„Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht.“ aus: Joseph Haydn, Die Schöpfung, Hob. XXI:2 – Vokal-Ensemble Köln, Capella Augustina, Ltg.: Andreas Spering

Am 30. April 1798 wird das monumentale Werk in einer Akademie aus der Taufe gehoben. Die Leitung hat der Komponist selbst. Das Bass-Solo singt Ignaz Saal, den Tenorpart übernimmt Matthias Rathmeier. Die erst 21-jährige Christine Gerhardi singt die Sopranpartie. Der Korrespondent des in Weimar erscheinenden Neuen Teutschen Merkur attestiert ihr eine schöne Gestalt, sprechende Züge und vor allem ein feuriges Auge. Aber auch ihre Stimme muss überzeugend gewesen sein, denn der Maestro hat sie selbst ausgesucht.

Die zehn Mitglieder der Gesellschaft der Assoziierten zeigen sich großzügig. Das Honorar von 2500 Gulden übersteigt Haydns Jahresgehalt als Kapellmeister bei Fürst Esterházy. Spontan verdreifacht der Gastgeber des Premierenabends, Fürst von Schwarzenberg, bereits am ersten Tag der Probe seinen Anteil und überreicht ihn dem Komponisten unverzüglich und persönlich.

Das Konzert wird ein grandioser Erfolg. Eleonore von Lichtenstein, eine der Geladenen dieses Konzerts, berichtet, die adligen Gäste seien außer sich vor Begeisterung gewesen. Nach jeder Nummer sei geklatscht worden. Geradezu in Hysterie aber verfallen die Zuhörer an der Stelle, die der Komponist sorgfältig geheim gehalten hatte. Instrumente und alle Stimmen malen die Explosion des Lichts und gestalten einen musikalischen Big Bang. Das Auditorium kennt keine Zurückhaltung. Das Orchester kann minutenlang nicht weitermachen.

Als die letzten Töne des Oratoriums verklungen sind, sind sich die Musikkenner Wiens einig: Der Abend war der Höhepunkt der Saison, das Werk die Krönung des kompositorischen Schaffens des Maestro, der so viele Jahre abseits der kulturellen Zentren gelebt hat.

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August Gerasch, Vor dem alten Burgtheater in Wien (um 1900)

Am 19. März 1799 kommt es im Burgtheater endlich zu dem ersehnten öffentlichen Konzert. Die Sopranpartie übernimmt nun Therese Saal, die erst 17-jährige Tochter des Bassisten. Über 60 Sängerinnen und Sängern musizieren mit 40 Bläsern und 70 Streichern. Fachleute unserer Tage kratzen sich angesichts dieser Zahlen am Kopf. War der Chor bei einem Übergewicht der Instrumente noch zu vernehmen? Die in Leipzig erscheinende Allgemeine musikalische Zeitung ist dennoch entzückt. Ihr Kritiker überschlägt sich: Der Zulauf war außerordentlich. … Man kann sich kaum vorstellen, mit welcher Stille und Aufmerksamkeit das ganze Oratorium angehört, bei den auffallendsten Stellen durch leise Aufrufungen nur sanft unterbrochen, und zu Ende jedes Stücks und jeder Abteilung mit enthusiastischem Beifall aufgenommen ward.

Das Oratorium, das fast ein Jahr lang adligen Ohren vorbehalten war, befördert nun die bürgerliche Laienchorkultur. Immer mehr Musikvereine wollen das Werk aufführen. Und immer großer werden die Chöre. 1818 wird die Schöpfung in Düsseldorf beim niederrheinischen Musikfest aufgeführt, bei dem achtzehn Jahre später Felix Mendelssohns Paulus erstmalig erklingen wird. Im Jahr 1837 sollen fast 700 Choristen, begleitet von 300 Instrumentalisten das Werk in der Wiener Winterreitschule aufgeführt haben – eine frühe Sinfonie der Tausend. Über die musikalische Qualität der Aufführung ist nichts überliefert.

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Aufführung der Schöpfung im Festsaal der alten Universität zu Ehren des Komponisten (vorne Mitte, sitzend). Aquarell von Balthasar Wigand, 1808

Ein anderes Konzert in Wien lässt diesbezüglich aber keine Zweifel aufkommen. Antonio Salieri dirigiert am 27. März 1808 die erste Aufführung der Schöpfung in italienischer Sprache außerhalb Italiens. Es ist eine Huldigung für den greisen Komponisten anlässlich seines Geburtstags, die er tiefbewegt entgegennimmt. Es muss an diesem Abend gewesen sein, dass Ludwig van Beethoven – jetzt selbst ein ganz Großer der Wiener Musikwelt – nach der Aufführung vor dem 76-jähigen Haydn auf die Knie geht und seinem ehemaligen Lehrer die Füße küsst.

Es ist Haydns letzter öffentlicher Auftritt.

30.04.2020: Wunderkinder, wahre Größe und die Freiheit des Alters: Drei Annähnungen an den großen Protagonisten der Wiener Klassik
02.05.2020: England, das Libretto und Baron van Swieten – Die „Schöpfung“ entsteht.
03.05.2020: Wenn Beethoven auf die Knie fällt – Der berühmteste C-Dur-Akkord der Musikgeschichte und der Siegeszug des Oratoriums
04.05.2020: Drei Erzengel und die Aufklärung – Zum Menschen- und Weltbild von Haydns Schöpfung
05.05.2020: Ein großes Oratorium – Warum der Schöpfergott nicht mit einem Kammerorchester gelobt werden kann.
06.05.2020: Löwengebrüll, Mückenschwirren und Pastoral-Oboen – Haydns kompositorische Raffinesse.

Literatur und Links
Klaus Christa, „Denn das Leben ist eine zu köstliche Sache“, Verlag Bucher, 2013
Libretto: www.stanfort.edu
Walter Eigenmann: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“: glarean-magazin.ch
Ilona Haberkamp, Kirstin Pönnighaus, Maria Schors: Joseph Haydn, Die Schöpfung: uni-muenster.de
Gisela Auchter, Hans-Joachim Knopf: Joseph Haydn, Die Schöpfung: sinfonischer-chor-konstanz.de
Wolfgang Gersthofer: Joseph Haydn, Die Schöpfung: carusmedia.com
Gundolf Barenthin, Joseph Haydn, Die Schöpfung: karl-forster-chor.de.
Nikolaus Scholz: „Meine Sprache versteht die ganze Welt“: www.deutschlandfunk.de
James M. Keller: Haydn, Creation, Notes on the Program, New York Philharmonic: nyphil.org
Wikipedia, Die Schöpfung: wikipedia.org
Jochen Kaiser: Die Schöpfung von Joseph Haydn: vkjk.de
WDR Meisterstücke (18.11.2018): WDR Mediathek
WDR Zeitzeichen (29.04.2013): WDR Mediathek

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