„Sei mir ein David.“ Wie der 12-jährige Felix den 72-jährigen Herrn von Goethe an diesem Flügel aufmunterte.

Vor wenigen Tagen sah ich diesen Flügel, an dem vor 200 Jahren der 12-jährige Felix Mendelsohn für den 72-jährigen Goethe musizierte. Sein Lehrer Karl Friedrich Zelter durfte sich zu den Freunden des Dichters zählen und hatte sich mit seinem außergewöhnlichen Schüler und seiner Tochter bei ihm eingeladen. Er wollte seinen prominenten Freund beeindrucken.

In einem Brief hatte er den jungen Musiker dem alten Dichter wie folgt angekündigt, nicht ahnend, dass er schon in wenigen Jahren weit berühmter als er selbst sein würde: „Er ist zwar ein Judensohn, aber kein Jude. Der Vater hat mit bedeutender Aufopferung seine Söhne nicht beschneiden lassen und erzieht sie, wie sich’s gehört; es wäre wirklich einmal eppes Rores, wenn aus einem Judensohne ein Künstler würde.“

Dass der Lehrer von Fanny und Felix in diesem Schreiben seine Verwunderung fast entschuldigend zum Ausdruck bringt, dass ein Junge aus jüdischem Kulturkreis in der Kunst Großes zu leisten imstande ist, ist ein bedrückendes Zeugnis einer antisemitischen Geisteshaltung dieser Zeit. Auch die beiden jiddischen Ausdrücke, die er in seinen Brief einflicht, sind nicht anders zu deuten.

Als Zelter mit Felix und der erwachsenen Tochter in Weimar eintraf, war Goethe nicht zu Hause. Sie quartieren sich im Hotel Elephant ein, bis heute eine der besten Adressen am Markt der Stadt. Am Sonntag, dem 4. November 1821 besuchten sie den Gottesdienst in der Stadtkirche St. Peter und Paul, um anschließend ins Hotel zurückzukehren. Um die Mittagszeit wurde gemeldet, dass Goethe am Frauenplan eingetroffen sei. Sofort brach die Besuchergruppe auf und eilte hinüber. Sie fanden den Dichter im Garten seines Hauses. Goethe begrüßte seine Gäste freundlich und ließ im Speisesaal das Mittagessen auftragen.

Dann war es Zeit, dass der stolze Lehrer seinen jungen Schüler präsentierte. Goethe führte die Gäste in den Salon des weitläufigen Hauses, das Juno-Zimmer, benannt nach einer riesigen Plastik aus Gips. Zelter gab seinem Schüler Aufgaben. Er ließ ihn Bach-Fugen spielen und über von ihm gestellte Themen improvisieren. Goethe schloss den fröhlichen Jungen ins Herz und trug ihm auf, Arien von Mozart aus dem Gedächtnis zu spielen und wünschte sich Ouvertüren. Wenn Felix anmerkte, dass nicht alle Orchesterstücke auf Klavier zu spielen seien, akzeptierte er das. Felix trug auch eigene Kompositionen und solche seiner Schwester vor und improvisierte über Volkslieder.

Dann verließ Goethe den Raum und suchte in seiner umfangsreichen Kunstsammlung nach Urschriften. Er fand zwei Manuskripte von Mozart und Beethoven und legte sie Felix vor. Während seine Mozart-Noten offenbar eine saubere Kopie war, handelte es sich bei dem Beethoven-Blatt wohl um ein Original aus der Feder des Maestro in seiner bekannt unleserlichen Handschrift. Dem jungen Felix gelang im zweiten Versuch die Wiedergabe auch dieses Klavierstücks. Das Wunschkonzert war das Gesellenstück. Nun hatte er seine Meisterprüfung bestanden.

Jetzt erbat Zelter die Einschätzung seines Freundes. Haben wir hier einen zweiten Mozart gehört? Er wusste, dass Goethe auch den jungen Wolfgang Amadeus auf einer Konzertreise mit seinem Vater gehört hatte. Doch die Begegnung lag viele Jahre zurück. Damals hatte der 14-jährige Goethe den 7-jährigen Mozart gehört. Außerdem war Goethe kein Musiker. Dennoch zögerte der Dichterfürst nicht – wie er es selten tat – ein Urteil über die Kunst anderer zu fällen. Was er sagte, muss Zelter glücklich gemacht haben: „Was dein Schüler jetzt leistet, mag sich zum damaligen Mozart verhalten wie die ausgebildete Sprache eines Erwachsenen zu dem Lallen eines Kindes.“

Der Salon im Hause Goethes am Frauenplan. Ganz links die Nachbildung eine römischen Darstellung der Göttin Juno

Die Gäste aus Berlin blieben länger als geplant. Goethe erbat nun täglich, dass ihm der junge Felix vorspielte, was dieser – die Ehre, die ihm da zuteil wurde, wohl verspürend – unverdrossen tat. An einem Nachmittag waren auch der Großherzog und seine Gemahlin sowie Musiker der Hofkapelle anwesend. Doch der Dichter liebte es, wenn ihm der junge privatissime vorspielte. Dann setzte er sich neben ihn und genoss die Unbekümmertheit seines Gastes. In Erinnerung daran stehen bis heute im Juno-Zimmer des Goethe Hauses zwei Stühle vor dem historischen Flügel. Was bedeuteten ihm diese Musikstunden mit dem jungen Künstler? Ein Jahr später erklärte er es in Anwesenheit seiner Eltern.

Nach 16 Tagen im Hause Goethe war die Zeit der Abreise gekommen. Zelter, seine Tochter und Felix reisten über Jena zurück nach Berlin. Wenige Wochen später tauschten die Familie Mendelssohn und Goethe Weihnachtsgrüße aus. Goethe ließ Felix ein Exemplar seines Faust zukommen und widmete ihm ein handschriftliches Gedicht:

Wenn über die ernste Partitur
Quer Steckenpferdchen reiten,
Nur zu auf weiter Töne Flur,
Wirst manchem Lust bereiten
Wie Du’s getan mit Lieb‘ und Glück.
Wir wünschen Dich allesamt zurück.

Aus heutiger Sicht verwundert es, dass Fanny, Felix‘ ältere Schwester und gleichfalls Zelters Schülerin, nicht mitreisen durfte. Immerhin wäre ja die erwachsene Tochter Zelters, die die beiden Musiker begleitete, als Reisegefährtin dabei gewesen. Doch es schickte sich offenbar weder in den Augen Zelters noch in denen der Mendelssohn-Eltern, eine Schülerin und Tochter zu präsentieren. Fanny, die Goethe verehrte und bereits zu dieser Zeit einige seiner Gedichte vertonte hatte, ermahnte ihren Bruder deshalb in einem Brief halb im Spaß, halb im Ernst: „Wenn du zu Goethe kommst, sperre nur Augen und Ohren auf, ich rate es dir. Und kannst du bei deiner Rückkehr nicht jedes Wort aus seinem Mund erzählen, so sind wir Freunde gewesen.“

Der 12-jährige Felix Mendelssohn am Klavier, gezeichnet von seinem späteren Schwager Wilhelm Hensel

Wir wünschen dich allesamt zurück.“ Ein Jahr später, im Herbst 1822 besuchte die Familie Mendelssohn die Stadt Weimar. Diesmal durfte auch Fanny mitreisen. Enttäuscht stelle ihre Mutter, selbst Pianistin, fest, dass Goethe von Musik wenig verstand. Sein Klavier war seit der Abreise ihres Felix praktisch nicht mehr gespielt worden. Um es wieder zum Klingen zu bringen, bat er seinen jungen Gast erneut: „Mache mir ein wenig Lärm.“ Sich selbst verglich er mit dem biblischen König Saul, dem der junge Harfenspieler David einst vorspielen musste, um dessen dunkle Gedanken zu vertreiben. Das Konzert zu Füßen des Königsthrons war, wie die biblische Geschichte erzählt, nicht ungefährlich. So versprach Goethe dem jungen Felix: „Du bist mein David, soll ich krank und traurig werden, so banne die bösen Träume durch Dein Spiel, ich werde auch nie wie Saul den Speer nach Dir werfen.“

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