„Wenn nicht dein Interdict mich störte.“ Warum die Komponistin Fanny Hensel lange zögerte, ihre Musik öffentlich zu präsentieren und wie sie schließlich ihre Selbstzweifel überwand

Das Mendelssohnhaus in Leipzig. Das erste Obergeschoss, die „Bel Étage“, war die Wohnung des Komponisten, ein Teil des zweiten Obergeschosses ist seine Schwester, der Komponistin Fanny Hensel gewidmet.

Vor einigen Jahren war ich zu Besuch in Felix Mendelssohns letzter Wohnung in Leipzig. Sie ist heute ein Museum, das ihm und seiner Schwester Fanny Hensel gewidmet ist. Zwar hat Fanny nie in Leipzig gewohnt, aber sie hat ihren Bruder und seine Familie hier wiederholt besucht. Damals hatte ich das Stockwerk, das an seine vier Jahre älteren Schwester erinnert, noch stiefmütterlich behandelt. Als ich im vergangenen Jahr erneut nach Leipzig reisen konnte, hielt ich mich vor allem in diesen Räumen auf.

Zwischen beiden Besuchen las ich viel über Fanny Hensel, geb. Mendelssohn Bartholdy, und hörte Aufnahmen ihrer Kompositionen. Zu ihrer Klaviermusik fand ich einen besonderen Zugang. Zwar klang sie beim ersten Hören ein wenig wie die Lieder ohne Worte ihres Bruders. Doch die einfache Erklärung, dass der berühmte Felix seine weniger berühmte Schwester Fanny musikalisch beeinflusst habe, erschien mir zu einfach.

Die beiden Geschwister – sie lebte in Berlin, er, wenn er nicht gerade auf Reisen war, in Leipzig – achteten einander in musikalischen Fragen mehr als irgendjemand anderen. Beide erbaten während der Arbeit an neuen Werken immer wieder die Einschätzung der oder des anderen. Sie befanden ihre eigene Musik erst dann als gut, wenn sie kritisch von Schwester oder Bruder durchgesehen worden war. Dabei sparten sie nicht mit Kritik. Doch während Fannys Einwände ihren Bruder, der spätestens seit 1829 auf einer Welle des Erfolgs schwamm, zur Perfektionierung seiner Kunst anregten, waren seine Hinweise für Fanny wie das Urteil eines gestrengen Lehrmeisters: Felix konnte ermutigen und entmutigen, er konnte sie glücklich machen oder ihre Selbstzweifel verstärken.

Fanny Hensels Arbeitszimmer in Berlin

Ihr Vater hatte ihr eine gründliche musikalische Ausbildung ermöglicht, ihr jedoch untersagt, einen Beruf auszuüben. Musik, so hatte er der 15-jährigen ins Stammbuch geschrieben, könne für sie „nur Zierde, nie Grundbass des Lebens“ werden. Er zweifelte gar nicht an ihrem Können, aber dass eine Frau als Komponistin an die Öffentlichkeit trat, lag außerhalb seines Vorstellungsvermögens. Fanny begehrte dagegen lange nicht auf und verzichtete auf eine öffentliche Aufführung und Veröffentlichung ihrer Kompositionen. Auch nach dem Tod des Vaters fühlte sie sich an sein „Nein“ gebunden, auch von Felix kamen keine Signale der Ermutigung. Da half auch nicht, dass ihr Mann, der Kunstmaler Wilhelm Hensel, das anders sah. So blieb ihr musikalischer Kosmos klein. Anregung und Austausch gab es nur von und mit ihrem Bruder. Um weiterzukommen sah sie immer wieder eigene Kompositionen vergangener Jahre durch und fragte sich, ob diese vor ihrem eigenen kritischen Ohr bestehen konnten.

Im Februar 1836 schrieb sie ihrem Bruder: „Du hast in Leipzig gesagt, ich solle lieber keine geistliche Musik mehr machen, weil mein Talent dazu nicht neigte. … Nun muss ich vorausschicken, dass ich der Meinung bin, es gäbe keinen strengeren Beurteiler als ein ehrlicher Mensch über seine eigenen früheren Sachen. Vieles hat mich ennüyirt (gelangweilt), aber manches hat mir so gut gefallen, dass ich mich, so närrisch das klingen mag, recht daran erfreut habe. … Indessen, was du sagst, fällt nie bei mir auf steinigen Boden, wiewohl ich im Allgemeinen glaube, es jetzt besser machen zu können als damals, und mich schon daran gemacht hätte, einiges umzuarbeiten, wenn nicht dein Interdict mich störte.“

Das Verbot konnte also nur Felix aufheben. Doch obwohl ihn die Mutter in einem Brief darum bat, tat er es nicht. Erst ein halbes Jahr vor ihrem frühen Tod, als sie ohne seine Zustimmung entschieden hatte, ihr Opus 1 dem Verlag zu überlassen, lenkte er ein.

Dass sie schließlich den Mut zu diesem Schritt fand, hat mit einer Reise nach Italien zu tun, die das Ehepaar Hensel zusammen mit ihrem neunjährigen Sohn Sebastian im Jahr 1939 antrat. Sie verbrachten ein gutes Jahr in den Metropolen der Halbinsel und blieben allein mehrere Monate in Rom. Die ewige Stadt, die Ehemann Wilhelm und Bruder Felix bereits Jahre zuvor besucht hatten, galt damals als Mekka der Kunst. In Rom erfuhr die 35-jährige endlich die Anerkennung, die in Deutschland ausgeblieben war. Vor Künstlern aus ganz Europa spielte sich Bach, Beethoven, Mendelssohn und erstmals auch eigene Werke. Fern vom preußischen Berlin erlebte sie in Italien die Bewunderung von Musikern, die nicht danach fragten, ob der Schöpfer dieser Werke eine Hose oder einen Rock trug.

Ihrem Tagebuch vertraute sie an: „Ich schreibe jetzt auch viel. Nichts spornt mich so an als Anerkennung, wogegen mich der Tadel mutlos macht und niederdrückt. … Ich will gar nicht verhehlen, dass die Bewunderung und Verehrung, von der ich mich hier umgeben sehe, wohl etwas dazu beitragen mag. Ich bin in meiner frühsten Jugend lange nicht so angeraspelt worden wie jetzt, und wer kann leugnen, dass das sehr angenehm und erfreulich ist.“

Als die Familie im Mai 1840 über Neapel und Leipzig nach Berlin zurückkehrte, hatte sich Fanny verändert. Weil ihr Bruder seine Meinung nicht geändert hatte, schaffte sie es zwar auch jetzt noch nicht, sich dem 20 Jahre alten Gebot ihres Vaters zu widersetzen. Doch ihre schönsten Werke entstanden nun. Allen voran der Zyklus „Das Jahr“, bestehend aus zwölf Charakterstücken für Klavier, die je einen Monat portraitieren, und einem Nachspiel in Form eines Chorals.

Im Mendelssohnhaus kann ich diese Komposition hören. Ich nehme auf einem Sofa am Ende des Flurs Platz, setze den Kopfhörer auf und lausche ihrer Musik. Fanny hat diese Komposition in Italien begonnen und in Berlin vollendet. Finde ich einen musikalischen Niederschlag ihres neuen Selbstbewusstseins?

Ich höre wunderbar lyrische Melodien, die mich an die Werke ihres Bruders erinnern. Doch anders als er pflegt sie eine eigene Sprache, moduliert sich mutig durch die Tonarten und geht souveräner mit der Form um als Felix. Sie verbindet Poesie mit Noten und gibt den Monaten des Jahres eine melancholische Farbe. Die Musik ist wunderbar. Keine Spur von Zweitklassigkeit. Eine Könnerin hat das geschrieben.

Ich schaue auf. Es haben sich Besucher in den angrenzenden Räumen angesammelt. Warten sie darauf, dass Sofa und Kopfhörer frei werden? Doch ich möchte den gesamten Zyklus hören. Je länger ich mich in ihre Komposition vertiefe, um so mehr frage ich mich, ob nicht Felix im Fach Klavier solo bei seiner Schwester einen Meisterkurs Komposition hätte belegen können.

Als das 13. Stück, das kurze Postludium, verklungen ist, will ich aufstehen. Doch die Endlosschleife beginnt von Neuem mit dem Monat Januar. Fanny hatte dieses Charakterstück als letztes des gesamten Reigens fertiggestellt. Bei den ersten Takten fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Sie sind ein Zitat. Ich kenne es aus Bachs Johannespassion. Es ist das Motiv zu Beginn der Arie „Es ist vollbracht.“ Dort steht es in D-moll, in Fannys „Januar“ erklingt es in H-moll, durch viele Auflösungszeichen vom Rest des Stückes in H-Dur abgehoben. Fanny hat es mit Absicht an den Anfang ihrer Komposition gestellt. „Es ist vollbracht“ ist mehr als ein augenzwinkerndes „Ich habe fertig.“ Es ist eine Selbstvergewisserung und eine Botschaft an Felix: „Ich habe es selbst vollbracht, auch ohne meinen Bruder.“

Fanny Hensel, Das Jahr 1. Januar. Das Stück beginnt pianissimo mit einem Bach-Zitat.

In der Tat hatte Felix ihr auch bei diesem Werk nicht zur Seite gestanden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen traute er sich nicht, seine Kontakte zu nutzen oder ihre Werke aufzuführen. Doch das ist nun nicht mehr wichtig. Um zu wissen, dass sie unter den männlichen Komponisten bestehen kann, braucht sie seine Anerkennung nun nicht mehr. Ihr Bruder, dessen Urteil ihr immer wichtiger war als das aller anderen, wird dieses „Es ist vollbracht“ gehört und seine Botschaft verstanden haben: „Ich, Fanny, kann es. Das weiß ich. Und das allein zählt.“

Doch nun ist es Zeit, das Sofa für andere Besucher des Museums freizugeben. Ich stehe auf. Erst 1846, fünf Jahre nach der Vollendung der Charakterstücke wird Fanny ihr Opus 1 herausgeben. Den Klavierzyklus Das Jahr veröffentlichte sie zu Lebzeiten nicht. Vielleicht war der Januar auch in erster Linie eine Botschaft an sie selbst und an ihre Familie.

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