„Wir wissen, dass der Mensch im Grunde gut ist.“ Wie Desmond Tutu die christliche Anthropologie vom Kopf auf die Füße stellte.

Desmond Tutu, 1931-2021

Als die beiden Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und sein Freund, der tibetanische Dalai Lama, im April 2015 letztmalig zusammentrafen, sprach er es aus: Der Mensch ist im Grunde gut. Handelt er nicht einmal nicht gut, sei das die Ausnahme. Für einen in christlicher Theologie gründlich ausgebildeten Erzbischof ist das eine erstaunliche Aussage. Besonderen Augenmerk verdient aber ihre Begründung: Ausgerechnet das Nachdenken über das Unrecht der Apartheid habe ihn zu dieser Erkenntnis gebracht.

„Eine Lehre, die wir aus unserem Kampf gegen die Apartheid ziehen können, ist, wie unglaublich großmütig die Leute sind. Wir wissen, dass der Mensch im Grunde gut ist. Das ist unser Ausgangspunkt. Alles andere ist eine Verirrung. Alles, was von diesem grundsätzlichen Gutsein abweicht, ist eine Ausnahme, auch wenn die Ausnahmen hin und wieder sehr frustrierend sein können. Der Mensch ist wirklich bemerkenswert gut und unglaublich großzügig. Wir hatten Gelegenheit, das zu sehen.“ (Desmond Tutu, Dalai Lama und Douglas Abrams, Das Buch der Freude, S. 136)

Tutu, der in Südafrika und England studiert und vor seiner Zeit als Bischof an mehreren theologischen Hochschulen gelehrt hatte, war in seinem Leben unglaublich viel Bösem ausgesetzt. Er erlebte und erlitt die Unterdrückung der Nicht-Weißen Südafrikanerinnen und Südafrikaner viele Jahre lang. Er selbst wurde mehrfach verhaftet. Hatte er nicht auch in seinem Studium gelernt, dass der Mensch ein Sünder ist? Hatte er nicht auch bei Immanuel Kant gelesen, dass der Mensch gern den bequemen Weg der Neigung geht anstatt sich an der Pflicht auszurichten?

Dass seine Lehre vom Menschen den Pfad verließ, auf dem die christliche Theologie von Anfang an unterwegs war, hat mit der südafrikanischen Wahrheitskommission zu tun, deren Präsident Tutu war. Sie war eingesetzt worden, um das rassistische Unrecht aus 40 Jahren aufzuarbeiten. Opfer durften in Anwesenheit der Täter ihre Geschichte erzählen und fanden erstmalig Gehör bei einer staatlichen Institution. Auch die Täter, gleich welcher Hautfarbe, kamen zu Wort. Sie durften erklären, was sie verführt hatte, Unrecht zu tun. Anders als in einem Strafverfahren erhielten sie im Ausgleich für die Aufdeckung der ganzen Wahrheit die Chance einer umfassenden Amnestie.

In dieser fast drei Jahre währenden Arbeit wurden tausendfach Diskriminierung, Ungerechtigkeit, Folter und andere schwere Straftaten beschrieben. Wer in dem Menschen ein böses Wesen sah, das nur durch die Androhung von Strafe daran gehindert werden kann, andere zu unterdrücken, der konnte sich durch das 4.500 Seiten dicke Abschlussdokument bestärkt fühlen. Wer aber diesen Menschen so zuhörte, wie es Tutu tat, entdeckte Erstaunliches: Soldaten entschuldigten sich unter Tränen bei denen, die sie misshandelt hatten, Polizisten baten Menschen um Verzeihung, deren Angehörige bei einer friedlichen Demonstration getötet worden waren. Vielfach fanden Überlebende die Kraft, den Tätern die Hand zu geben. Tutu fragte sich: Was entspricht nun der Natur des Menschen? Seine Gewaltbereitschaft – oder seine Fähigkeit, unter bestimmten Bedingungen dem Täter zu verzeihen und dem Neuanfang eine Chance zu geben?

Im Licht dieser Begegnungen stellte er die christliche Tradition, in der auch er stand, vom Kopf auf die Füße. Durch die Brille einer traditionellen Theologie hätte er in den Schilderungen der Verbrechen unendlich viele Beweise für die Sünde des Menschen gefunden. Die Vergebungsbereitschaft vieler Opfer hätte er als Ausnahme und honorige Geste würdigen können. Doch er erschied sich anders. Die Verbrechen der Apartheid waren für ihn Verirrungen, die die Bestimmung des Menschen missachtet hatten, die Vergebungsbereitschaft der Opfer hingegen hielt er für den Ausdruck eines guten menschlichen Wesens. Er wollte im Menschen ein grundsätzlich gutes Geschöpf sehen, nicht obwohl, sondern weil das Böse ungeschminkt zur Sprache gekommen war, und weil er sah, wie Menschen darauf reagierten.

Tutus Anthropologie eröffnet neue Horizonte. Wer wie Tutu in einem jeden Menschen einen guten Wesenskern vermutet, glaubt daran, dass jeder Mensch zur Einsicht kommen kann und sein jetzt noch böses Verhalten ändern kann. Wer Tutus Menschenbild – auch nur probeweise – übernimmt, gibt die Hoffnung für seinen Gegner und Feind nicht auf. Die Welt ist nicht perfekt – wer wollte das bestreiten, meint Tutu. „Aber ihr seid ein Meisterwerk im Entstehen.“

Diese theologische Sicht inspiriert mich. Ich möchte sie erproben.

Dalai Lama, Desmond Tutu und Douglas Abrams: Das Buch der Freude, München, 2016
Das Buch ist die Schilderung eines Besuches des verstorbenen Erzbischofs bei Tenzin Gyatso, dem Dalai Lama, in seinem indischen Exil. Tutu war damals 83 Jahre alt, das Oberhaupt des tibetanischen Buddhismus feierte während des Besuches seinen 80. Geburtstag. In einem sehr persönlichen religiös-philosophischen Dialog tauschten sie sich über existentielle Grundfragen des Menschseins aus. Ihre eigenen Leidenswege waren dabei immer präsent. Der Dalai Lama blickte auf seine Flucht aus Tibet vor über 50 Jahren zurück, der Erzbischof auf den langen Kampf gegen die Apartheid in seinem Land. In mehreren Gesprächsrunden reflektierten sie über Leid und Freude, über Angst und Hoffnung, über Leben, Tod und Zukunft und feierten ihre Freundschaft, die die Grenzen von Religionen und Kulturen überwand. Angeregt wurden sie durch Fragen, die ihnen im Vorfeld des Zusammentreffens von Menschen jeden Alters aus der ganzen Welt gestellt worden waren. Der amerikanische Autor Douglas Abrams moderierte den fünftägigen Diskurs der beiden Persönlichkeiten. In den Monaten danach schrieb er zusammen mit ihnen das „Buch der Freude“, in dem er von dem Zusammentreffen der beiden Freunde berichtet und die Gespräche der beiden nacherzählt.

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