„Du sollst nicht töten!“ Die Geschichte zweier mutiger Hebammen, die das verstanden hatten, als noch ein anderes Gesetz galt. Gedanken zur biblischen Geschichte von Mose (2)

Jan P. Grüntjes: Pua und Shifra

„Die Knaben müssen sterben, die Mädchen dürfen leben!“ Das ist Gesetz des Pharao für die Israeliten in Gefangenschaft, wie es das 2. Buch Mose erzählt. Die Eltern dieser Grausamkeit sind die Angst und die Unfähigkeit, mit einer (vermeintlichen) Bedrohung konstruktiv umzugehen.

Der ägyptische Herrscher zwingt die unterjochten Israeliten zur Fremdarbeit. Zugleich fürchtet er sich vor ihnen. Um der vermeintlichen oder tatsächlichen Stärke der Israeliten etwas entgegenzusetzen, ordnet er die Tötung aller neugeborenen Jungen an. Warum verlangt er nicht die Tötung der Mädchen – und damit der künftigen Gebärerinnen? Weil die damalige Kultur glaubte, einer Familie und einer Gesellschaft größeren Schaden zuzufügen, wenn die männlichen Nachkommen starben.

Die Hebammen, ausgerechnet die Hebammen! Sie sollen die Ermordung der männlichen Babys durchführen. Das 2. Buch Mose hat zwei von ihnen ein Denkmal gesetzt, weil sie sich dem Gesetz des Todes mit Mut und einer klugen Notlüge widersetzen. Die beiden Frauen Pua und Shifra handeln gemeinsam.

aus dem Erzähltext der Unterrichtsreihe Dornbusch, Freiheit und Gebote Gottes von Nadine Klimbingat und Horst Heller
Zwei Frauen, sie waren Hebammen, sagten zueinander: „Wir können dieses Gesetz nicht beachten. Die Kinder sollen leben.“ Und sie ließen die neugeborenen Jungen am Leben. Das hörte der Pharao. Er ließ sie zu sich bringen. „Ihr kennt doch das neue Gesetz?“, fragte er. „Warum tötet ihr die neugeborenen Söhne der Israeliten nicht?“ Sie antworteten: „Immer wenn wir kommen, um bei der Geburt zu helfen, ist das Kind schon geboren. Dann liegt es sicher in den Armen seines Vaters. Und wir Hebammen können nichts tun.“

Diese zu Unrecht kaum bekannte Erinnerung an zwei mutige Frauen steht am Beginn des Erzählkranzes vom Auszug der Israeliten aus Ägypten. Es folgt die anrührende Geschichte der Rettung eines neugeborenen Jungen, der im Schilf versteckt wurde, um so seiner Ermordung zu entgehen. Er wird von einer ägyptischen Prinzessin gefunden und gerettet. Sie gibt ihm den ägyptischen Namen Mose. Als ihr Ziehsohn wächst er in der Nähe des Palastes auf, vergisst aber nicht, dass er israelitischer Herkunft ist. Als er eines Tages einen ägyptischen Aufseher tötet, muss er fliehen. In der Wüste Midian wird er Schafhirte und steht jungen Hirtinnen bei, die sich an einer Wasserstelle nicht gegen rücksichtslose männliche „Kollegen“ durchsetzen können. Aus Dankbarkeit lädt ihn ihr Vater zum Essen ein. Eine Liebesgeschichte beginnt, Mose heiratet eines der Mädchen, denen er beigestanden hat.
Auch Episode ist recht unbekannt. Sie ist es wert, nacherzählt zu werden.

aus dem Erzähltext der Unterrichtsreihe Dornbusch, Freiheit und Gebote Gottes von Nadine Klimbingat und Horst Heller
Da kamen junge Hirtinnen mit ihren Schafherden, sie waren Schwestern. Als sie ihre Tiere tränken wollten, drängten sich Männer vor, die später als sie gekommen waren. „So ist das hier jeden Tag“, klagten sie. „Immer haben wir das Nachsehen.“ Da stand Mose auf, jagte die Männer davon und führte die Schafe der Mädchen an die Tränke.
Als die Schwestern nach Hause kamen, fragte ihr Vater: „Warum seid ihr so früh zurück?“ „Ein Ägypter hat uns beschützt und Wasser für unsere Tiere geschöpft. So mussten wir nicht warten.“ „Warum habt ihr ihn dann nicht mitgebracht? Er soll heute unser Gast sein“, rief der Vater.

So kam Mose in das Haus der Mädchen und durfte dort bleiben. Eines der Mädchen, sie hieß Zippora, wurde seine Frau.

Es folgen die Berufung des Mose, sein Auftrag und sen mutiger Protest vor dem Pharao, schließlich dessen Erlaubnis zum Aufbruch, das erste Fest der ungesäuerten Brote und die Rettung vor Verfolgung am Wasser.

Jan P. Grüntjes, Die Zehn Gebote der Freiheit

Dann endlich sind die Israeliten frei. Das grausame Gesetz des Pharao gilt nun nicht mehr. Aber ohne Regeln geht es in der Freiheit nicht, denn sie ist verletzlich und muss geschützt werden.

aus dem Erzähltext der Unterrichtsreihe Dornbusch, Freiheit und Gebote Gottes von Nadine Klimbingat und Horst Heller
Nach zwei Monaten kamen die Israeliten zu einem Berg mit Namen Sinai. Mose ließ das Volk lagern. Er stieg auf den Berg. Als er nach einigen Tagen zurückkam, sagte er zu den Israeliten: „Ihr habt gesehen, was Gott für euch getan hat. Wie er eure Not gesehen hat, euch befreit und vor Verfolgung geschützt hat. Nun möchte er einen Bund mit euch schließen. Er will auch weiter euer Gott sein. Sein Name lautet ja ICH BIN DA. Und ihr werdet frei sein und könnt bald in dem Land wohnen, wo Milch und Honig fließen. Aber in der Freiheit braucht ihr eine Ordnung.“ Und die Israeliten antworteten: “Der ICH BIN DA hat uns die Freiheit geschenkt. Es ist ein guter Bund. Wir wollen ihn schließen und uns an ihn halten.“
Und Mose stieg noch einmal auf den Berg hinauf. Als er zurückkam, trug er zwei Steintafeln. Das waren die Zehn Gebote. Er brachte sie sicher ins Lager und las sie laut vor.

Mit der Unfreiheit haben die Israeliten auch die Gesetze des angstgeplagten Pharao hinter sich gelassen. Nun gilt nicht mehr: „Die Jungen müssen sterben, die Mädchen dürfen leben.“ Nun sollen alle leben dürfen. Eines der neuen Gebote der Freiheit lautet deshalb: „Du sollst nicht töten!“ Der Unterschied zwischen den Gesetzen der Unfreiheit und den Geboten der Freiheit ist mit Händen zu greifen.

Die beiden Hebammen Pua und Shifra hatten das übrigens schon zu Beginn der Geschichte verstanden.

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