Das große Gähnen. Ist Religionsunterricht etwas, aus dem man herauswächst wie aus Kinderkleidern? Ein Dialog zweier Betroffener

Diese Erfahrungen machen viele, die Religion unterrichten: Jüngere Schülerinnen und Schüler tauchen noch gerne in die Welt der Bibel und ihre Erzählungen ein. Im Religionsunterricht älterer Schülerinnen und Schüler nehmen Lehrpersonen eine Melange aus Desinteresse und Skepsis wahr. Woran liegt es, dass religiöse Fragen bei vielen Jugendlichen das große Gähnen auslösen? Eine Religionslehrerin aus NRW und ein Religionslehrer aus dem Saarland wollten sich nicht damit abfinden, haben Überlegungen zu den Ursachen angestellt und über Wege zur Lösung nachgedacht. Sie sind in einen Dialog eingetreten.

Christiane Böcker
Lieber Herr Heller, als Schulpfarrerin an einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung unterrichte ich Religion in allen Klassen der elf Schulbesuchsjahre. Die Kinder in der Primarstufe sind oft begeistert vom Religionsunterricht und freuen sich sehr auf die nächste Religionsstunde. Bei den Schülerinnen und Schülern in der Abschlussstufe nimmt die Begeisterung spürbar ab. „Religionsunterricht, das ist ja nicht wichtig!“, höre ich dort oft, manchmal sogar mit etwas Bedauern in der Stimme: „Das ist ja auch kein Vergnügen, immer nur Religion unterrichten zu müssen!“ Dabei nimmt die Skepsis mit zunehmendem Alter gerade bei den Schülerinnen und Schülern zu, die geistig leistungsfähriger und beweglicher sind. Ist Religionsunterricht also etwas, aus dem man herauswächst wie aus Kinderkleidern, Märchenbüchern und einst geliebten Kinderspielen?  

Horst Heller
Liebe Kollegin Böcker, in der Tat scheint es einfacher zu sein, mit Kindern über Gott und biblische Geschichten zu sprechen als mit Jugendlichen. Ich kann das bestätigen. Vielleicht liegt es daran, dass sich Jüngere noch gern auf eine Fantasiereise in ein fremdes Land begeben. So sind die Geschichten von Josef, Abraham und Rut interessant, nicht obwohl, sondern weil sie in einer Welt spielen, die von der unseren so sehr unterschieden ist.
Aber auch schon bei den „Kleinen“ müssen wir darauf achten, dass wir nicht mit Sprache, Methode und Materialien signalisieren, dass wir Lehrpersonen die Inhalte des Religionsunterrichts für Kinderthemen halten. Wir erzählen biblische Geschichten nicht, weil wir denken, dass Kinder sie schön finden. Sie werden den Religionsunterricht sonst beiseite legen, wenn sie keine Kinder mehr sind. Wir dürfen und sollen auch den Jüngsten schon zeigen, dass auch wir selbst über Versöhnung, Streit und Segen nachdenken.
Ich liebe den Ausdruck, dass der Religionsunterricht „das kleine Fach der großen Fragen“ ist. Für die Gestaltung des Religionsunterrichts sind die Fragen, die Kinder und Jugendliche haben, wichtiger als Lehrplan, christliche Tradition und der Unterrichtsinhalte früherer Klassen. Ist das ein Weg?

Christiane Böcker
Lieber Herr Heller, im Religionsunterricht geht es um große Lebensfragen, da gibt es keinen Zweifel. Aber es geht doch auch um alte biblische Texte, die diese Fragen umkreisen. Um sie zu verstehen, hilft oft nicht die Frage: „Ist das so passiert?“ Vielmehr ist es hilfreich, sich Gedanken darüber zu machen: „Wo liegt die Wahrheit über Glauben und Leben, die hier erzählt wird?“ Dieses hintergründige Fragen scheint heutigen Menschen fremd geworden zu sein. Das ist vielleicht der Grund für einen Teil der Schwierigkeiten des Religionsunterrichts mit Jugendlichen. Vielleicht käme es darauf an, die Fähigkeit des „hintergründigen Sehens“ neu zu schulen. Ob junge Leute Gefallen daran finden?

Horst Heller
Liebe Frau Böcker, offen gestanden kann ich es nicht glauben, dass die großen Fragen des Lebens heute auf weniger Interesse stoßen als früher. Das Leben ist doch angesichts seiner unglaublichen Beschleunigung eher komplizierter geworden. Ich vermute, dass es die Antworten sind, die uns nicht mehr abgenommen werden. Wenn wir fragen angesichts einer biblischen Geschichte: „Wo liegt die Wahrheit über Glauben und Leben, die hier erzählt wird?“, werden uns Schülerinnen und Schüler entgegnen, dass das nicht ihre Frage ist. Und dennoch können wir die Dimension des Göttlichen zur Sprache bringen.
Ein Beispiel: Ich arbeite gerade mit einer Kollegin an der biblischen Erzählung von Rut und Noomi. Am Anfang der Geschichte steht unendliches Leid, am Schluss Rettung und Liebe. Dazwischen finden sich die Motive von Solidarität und Treue, von Hoffnung und Klugheit. Sie zu lesen, die Motive Leid, Treue, Frauenpower, Solidarität und die Klugheit der Noomi zu thematisieren ist der erste Schritt. Danach stellt sich – zweiter Schritt! – die Frage: Die beiden Frauen waren fromm, sie glaubten an Gott, sie hofften auf seine Hilfe, aber waren dennoch nicht untätig. Hatte Gott bei der Rettung der Frauen seine Hand im Spiel? Welche Rolle spielte die Klugheit der Noomi, welche der Glaube der beiden Frauen? Die Lehrperson hat dazu eine Meinung. Die Schülerinnen und Schüler auch. Im Religionsunterricht organisieren wir den Dialog, der diese vielfältigen Meinungen miteinander ins Gespräch bringt.

Christiane Böcker
Lieber Herr Heller, die Formulierung, dass wir im Religionsunterricht einen Dialog organisieren, der verschiedene Meinungen ins Gespräch bringt, gefällt mir gut. Dennoch „zeigen“ wir den Schülerinnen und Schülern vor allem Texte und Überzeugungen des christlichen Glaubens oder bisweilen auch evanglische Traditionen. Das wird in der Bevölkerung zunehmend kritisch gesehen. „Warum gibt es nicht Religionsunterricht für evangelische und katholische Kinder gemeinsam?“, fragte mich vor kurzem eine Mutter zweier Grundschulkinder, der ich in privatem Kontext begegnete. „Meine Kinder sollen überhaupt aussuchen können, ob und zu welcher Konfession sie gehören wollen. Oder vielleicht wäre es auch das Beste, alle Kinder in einer Klasse hätten gemeinsamen Ethikunterricht!“ Ich glaube, diese Stimme ist keine Einzelmeinung. In Teilen der Bevölkerung schwindet das Bewusstsein für die Eigenart der Konfessionen und sogar bisweilen auch der Religionen. Menschen fühlen sich immer weniger an religiöse Überzeugungen gebunden. Sie stehen bisweilen auf dem Standpunkt, dass ihre Kinder einen bunten Blumenstrauß von (religiösen) Überzeugungen kennen lernen und dann frei daraus wählen sollten. Da scheint es ziemlich antiquiert zu sein, konfessionellen Religionsunterricht anzubieten. 

Horst Heller
Liebe Frau Böcker, in der Tat ist ein Religionsunterricht, der die Kinder und Jugendlichen in zwei konfessionelle Lerngruppen trennt, theologisch nicht mehr angezeigt, didaktisch nicht hilfreich und gesellschaftlich nicht plausibel (Ich vermute, dass Sie in der Förderschule diese Trennung auch nicht mehr vollziehen.). Theologisch passt er nicht mehr in einer Zeit, in der die Kirchen aufgehört haben, die eigene Lehre mit einem Geltungsanspruch zu versehen. Wahrheit gibt es – auch aus der Sicht der Kirchen – nur noch im Plural. Dazu sind die verbliebenen Streitfragen Eucharistie und Amt für den Religionsunterricht ja gar nicht relevant. Didaktisch ist anzumerken, dass ein Dialog kaum stattfinden kann, wenn die Dialogpartner, also die Schülerinnen und Schüler, zuvor in homogene Gruppen getrennt werden. Und gesellschaftlich ist die Trennung kaum noch zu verstehen, weil oft die Ethik-Gruppen größer sind als die beiden konfessionellen Gruppen zusammen.
Einen Blumenstrauß an religiösen Überzeugungen – ich nenne das einen Religionskundeunterricht – scheint auf den ersten Blick die Antwort auf die Herausforderung der großen religiösen Vielfalt zu sein, der die Schülerinnen und Schüler in unseren Städten täglich begegnen. Doch nach meiner Überzeugung gelingt religiöse Bildung nicht, wenn die Lehrperson den religiösen Inhalten distanziert gegenübersteht oder ihre eigenen Position nicht einbringt. Einen Dialog anleiten kann nur, wer einen Stadtpunkt hat und ihn transparent macht. Muslimische Schülerinnen und Schüler, die ich kenne, nehmen gern am Religionsunterricht teil, weil sie hier einen Gesprächspartner finden, mit dem sie über ihre religiösen Fragen sprechen können. Das haben sie im Ethikunterricht nicht erlebt. Gegenüber einer Werteerziehung, die keine religiösen Fragen stellt, gilt es aber ein humanes Menschen- und Weltbild zu verteidigen, das mit der Möglichkeit des Göttlichen in unserer Welt rechnet.
Vielleicht müssen wir als Religionslehrerinnen und Religionslehrer aber lernen, noch konsequenter bei den Fragen der Lernenden anzusetzen. Was Paulus den Römern im ersten Jahrhundert schrieb, ist für den Religionsunterricht völlig uninteressant, wenn es nicht auch – in anderer Weise – zu uns Heutigen spricht.

Christiane Böcker
Lieber Herr Heller, die Fragen der Schülerinnen und Schüler im Blick zu haben, ist sicherlich für den Religionsunterricht wichtig. Aber vielleicht ergeben sich manche Fragen auch erst in der Begegnung mit konkreten Inhalten. Ich war doch etwas erstaunt, als eine Gruppe von Schülern (tatsächlich waren es 12 Jungs, die Religionsunterricht im übrigen ziemlich „uncool“ fanden), mich verständnislos anblickten, als ich den Namen „Mose“ erwähnte. Die Hauptschüler arbeiteten auf ihren Abschluss hin. Vielleicht ist es die Kunst, den Fragen der Kinder und Jugendlichen stets wach zu begegnen, aber die eigenen Inhalte selbst zu schätzen und im Unterricht auch zur Sprache kommen zu lassen. Meine Jungs in den Abschlussklassen haben sich dann übrigens als Themen „Menschenrechte“, „Weltreligionen“ und „Extremismus“ gewünscht. Bei der Behandlung solcher Themen käme es wohl auch darauf an, etwas vom christlichen Glauben zu erfahren, denn dieser Bereich ist wohl auch eher unbekanntes Land.  

Horst Heller
Liebe Frau Böcker, eine Kollegin erzählte mir vor mehrern Jahren mal, dass sie in einer Grundschulklasse über Zachäus unterrichten wollte und mit der Frage begann: „Wer von euch weiß denn, was ein Zöllner ist?“ Sie war enttäuscht, weil niemand die Antwort wusste. Diese Episode hat mich gelehrt, dass wir nicht mehr auf Anknüpfungspunkte vertrauen können, die lange verlässlich verfügbar waren und die wir für unseren Unterrichtseinstieg zu gerne verwendeten.
Als ich früher noch meine Schülerinnen und Schüler nach ihren Vorschläge für die Religionsstunden fragte, erhielt ich immer die gleichen Antworten: Sekten und parapsychologische Phänomene. Von diesen beiden Manifestationen des Religiösen hatten sie gehört. Andere Lernfelder religiöser Bildung konnten sie sich nicht wünschen, sie wussten ja kaum, dass es sie gibt.
Bonhoeffer hatte vielleicht doch recht. Wir sind auf dem Weg in eine „religionslose Zeit“. Für den Religionsunterricht bedeutet das, mit Schülerinnen und Schülern ein „unbekanntes Land“ – mir gefällt dieser Ausdruck! – zu entdecken. In einem säkularen Umfeld gehen wir also auf die Suche nach dem Christlichen. Und ich komme immer mehr zu der Auffassung, dass wir hier der Bibel eine Chance geben sollten. Alles Wichtige des christlichen Glaubens liegt uns in narrativer Form vor. Mit Erzählen eine Terra incognita erschließen, geht das?

Christiane Böcker
Lieber Herr Heller, gerade habe ich mit meiner „kleinen“ Nichte telefoniert, die gerade die erste Klasse abgeschlossen hat. Sie hat mir erzählt, dass ihre Heimatstadt voller Abenteuer ist. Das Zentrum dieser Abenteuer ist für sie die Bücherei. Sie verschlingt förmlich alle Geschichten, die sie dort bekommen kann, und betrachtet das Erzählte als spannende Abenteuer, in die sie selbst verwickelt ist. Dabei erklärte sie mir, mit einem Buch könne man durch die ganze Welt reisen. Nicht anders ist es wohl mit den Geschichten der Bibel. Wer sich auf sie einlässt, kann erfahren, wie sich der Horizont des Erzählten öffnet und er selber in die Geschichten hineintritt. Er wandert durch finstere Täler, über heißen Wüstensand und dorthin, wo man die Sandalen ausziehen muss, weil der Boden heilig ist. Jüngere Schülerinnen und Schüler haben nach meiner Erfahrung für diese Dimension auch einiges übrig. Sie lassen sich auf das Erzählte ein und machen sich dabei – manchmal so klug wie echte Theologen – Gedanken über Gott und das Menschsein. Jesus selber war ja ein großer Erzähler, z. B. in seinen Gleichnissen. Ob er so mutig gewesen wäre, sie auch Jugendlichen zu erzählen? Wie hätte er die Schülerinnen und Schüler meiner Abschlussklassen angesprochen?

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