„Wirf dein Anliegen auf den Herrn!“ Gut ein Jahr nach der Uraufführung des Elias erlag der Komponist mehreren Schlaganfällen. Die Kehrseite des Ruhms

„Wirf dein Anliegen auf den Herrn.“ Die Regensburger Domspatzen unter der Leitung von Domkapellmeister Roland Büchner am Volkstrauertag, dem 13.11.2011 im Plenarsaal des Deutschen Bundestages

Das Musikfest der Superlative und das neue Oratorium hatten die hoch gesteckten Erwartungen noch übertroffen. Auf der Insel hatte man schon vorher in Felix Mendelssohn den größten lebenden Komponisten gesehen. Die Beifallsstürme in Birmingham und das Urteil der Fachwelt hatten seinen Ruhm in neue, ungeahnte Höhen katapultiert. Doch Proben und Konzerte hatten Kraft gekostet. Sein kreativer Geist brauchte nun Räume des Rückzugs und der Erholung. So gut es ging, nutzte er die Tage nach der Uraufführung zur Entspannung. Am 6. September 1846 trat er die Rückreise an. Seine Familie und das Gewandhaus erwarteten ihn.

Zurück in Leipzig galt es, Vorbereitungen für die neue Konzertsaison zu treffen und weitere Kompositionsprojekte voranzutreiben. Auch die Arbeit an seinem Elias war keineswegs beendet. Der Zeitdruck vor der Uraufführung hatte nötige Umarbeitungen zunächst verhindert. Doch vor der Drucklegung wollte er das gesamte Werk einer gründlichen Durchsicht unterziehen.

Eine der wichtigsten Änderungen musste er im ersten Teil des Oratoriums vornehmen, als Elias mit den Baals-Priestern streitet, wer der Gott Israels sei. Beide Seiten rufen ihren Gott an. Wer wird antworten, Baal oder der Gott des Elias? Kurz bevor das entscheidende Gottesurteil in Form eines Feuers vom Himmel gesprochen wird, verlangte die Dramaturgie des Oratoriums ein melodiöses Intermezzo. In Birmingham hatte Elias an dieser Stelle ein Gebet gesungen. Doch die Bass-Arie „Regard thy Servants Prayer“ hatte Mendelssohn nicht überzeugt. Eine einfache christliche Deutung passte nicht zu seinem Elias. So schuf er mit „Wirf dein Anliegen auf den Herrn!“ ein liedhaftes Soloquartett, das wie ein Choral klingen sollte, ohne ein Choral zu sein.

Die Witwenszene, ebenfalls im ersten Teil, erschien ihm hingegen zu wenig dramatisch. Seine Freunde machten weitere Änderungsvorschläge, die er ernsthaft erwog. Die Verleger, die auf die Freigabe durch den Komponisten warteten, fragten irritiert nach, warum der Komponist einen so großen Aufwand trieb, um ein erfolgreiches Werk zu überarbeiten. „Das schöne Werk soll noch schöner werden“, antwortete Mendelssohn.

Schon bald war wieder Eile geboten. Für den Frühling 1847 waren in London bereits mehrere Elias-Konzerte geplant. Am Jahresende 1846 hatte er die Korrekturen am ersten Teil des Oratoriums abgeschlossen, am 14. Februar war die letzte Note geschrieben. Im März korrigierte er Seite für Seite die englische Übersetzung des Textbuches. Er unterbrach die Arbeit mehrfach. Einmal reiste er nach Berlin, um seine Schwester Fanny Hensel zu besuchen, die sich zu einer Veröffentlichung ihres op. 1 entschlossen hatte. In Dresden musste er für den sächsischen Kurfürsten, König Friedrich August, musizieren, der ihn hatte wissen lassen, dass er sich in letzter Zeit von dem prominenten Komponisten vernachlässigt fühlte. In Leipzig hatte er zudem Konzertverpflichtungen, bei denen er seinen Paulus, seine Schottische Sinfonie und zahlreiche weitere, auch unbekannte Werke anderer Komponisten dirigierte. Zeitgleich arbeitete er an neuen Projekten, von denen er nur wenige vollenden konnte. Auch seine Loreley-Oper beschäftigte ihn, kam aber aus vielerlei Gründen nicht recht voran. Anfang April brach er erneut nach London auf.

Als er dort am 12. April eintraf, wirkte er auf seine Londoner Gastgeber müde und erschöpft. Aber an Erholung war jetzt nicht zu denken. Die Probenarbeit begann. Als am 18. April 500 Mitwirkende den „noch schöneren“ Elias in London aufführten, erklang er erstmalig in der Fassung, in der wir ihn bis heute kennen. Fünf weitere Konzerte in England folgten bis zum Monatsende. Zusätzlich spielte er Beethovens 4. Klavierkonzert, dirigierte seine eigene Schottische Sinfonie und besuchte musikalische Gesellschaften zu seinen Ehren. Selbst das englische Monarchenpaar hatte ihn eingeladen. Wo er auftrat, musizierte er. Ruhepausen gab es kaum. Er schlief zu wenig. Schließlich bereitete er seine Abreise vor. „Warum wollen Sie Ihren Aufenthalt nicht verlängern?“, wurde er gefragt. „Eine weitere Woche würde ich keinesfalls lebend überstehen“, antwortete er. Am 8. Mai verließ er die Insel.

Noch auf der Rückreise erreichte ihn die schlimmste denkbare Nachricht. Seine Schwester Fanny hatte während der Probe einer seiner Kompositionen für ein Hauskonzert in Berlin einen Schlaganfall erlitten. Sie starb am 14. Mai. Fanny war sein kongeniales Gegenstück gewesen, die ihm musikalisch so nahegestanden hatte wie niemand sonst. Ihr Tod zog ihm, dem Bruder, den Boden unter den Füßen weg. Auch nach den Beerdigungsfeierlichkeiten war an eine Rückkehr zur täglichen Kompositionsroutine zunächst nicht zu denken. Im Sommer trat er zusammen mit seiner Frau einen dringend nötigen Urlaub in der Schweiz an. Doch die atemlosen Jahre, die hinter ihm lagen, und der Verlust seiner lieben Schwester waren zu viel für den empfindsamen und verletzlichen Musiker. Im Oktober trafen auch ihn zwei Schlaganfälle. Einem dritten am 4. November erlag er. Der Schöpfer des Elias wurde nur 38 Jahre alt.

Felix Mendelssohn Bartoldy (mittleres Grab) an der Seite seiner Schwester Fanny Hensel (rechts)

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