Das Meisterwerk zwischen „Paulus“ und „Christus“. Nach Mendelssohns „Elias“ versuchten intolerante Widersacher, den Ruf des Komponisten posthum zu ruinieren.

Zwischen den beiden Bibel-Oratorien Mendelssohns „Paulus“ und „Elias“ liegen neun Jahre. Sie erzählen beide vom Leben eines biblischen Protagonisten, ihrer Mission und ihrem Gottesglauben, wollen aber keine Kirchenmusik sein. In seinem „Paulus“ hatte der Komponist die Worte Christi an den vor Damaskus erblindeten Saulus von einem dreistimmigen Frauenchor singen lassen: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“, eine Entscheidung, für die er den Widerspruch der „Herren Theologen“ erwartete.

In seinem „Elias“ ist die Stimme Gottes selbst nicht zu vernehmen, obwohl der „Stoff“ dafür weit mehr Anlass geboten hätte. Der biblischen Vorlage entsprechend ließ Mendelssohn einen Engel zu Elias sprechen. Die Altistin leiht sowohl dem Engel als auch der Königin Isebel, die Elias mit dem Tod droht, ihre Stimme. So konnte Mendelssohn anlässlich einer Probe mit der Altistin der Uraufführung scherzen, die Rolle passe zu ihr, sie sei Engel und Teufel in einer Person. Die Hauptfigur Elias wird von einem Bass gesungen. Die wunderbaren Tenorarien gehören Obadja, einem Beamten des Königs, der auf Elias‘ Seite steht. Die Sopranarien schließlich hatte er für seine Lieblingssopranistin, die „Schwedische Nachtigall“ Jenny Lind komponiert, die allerdings an der Uraufführung nicht mitwirken konnte.

In der Komposition der Arien sind beide Werke Mendelssohns auf den ersten Blick also sehr ähnlich. Die Unterschiede liegen in Chören und Rezitativen. In seinem „Paulus“ hatten die protestantischen Choräle und Choralmelodien noch einen prominenten Platz eingenommen, unter anderem in der Ouvertüre. In seinem „Elias“ findet sich kein einziger Choral mehr. Es darf aber in das Reich der Legenden verwiesen werden, dass der Komponist das deshalb vermied, weil er nach dem „neutestamentlichen“ Paulusoratorium in seinem „Elias“ an die jüdischen Wurzeln seiner Familie erinnern wollte. Vielleicht dachte er bei der Komposition seines „Elias“ aber schon an sein nächstes Großprojekt, ein Oratorium zu Geburt, Sterben und Auferstehung Christi, bei dem er offenbar auch wieder Choräle verwenden wollte. Unglücklicherweise blieb dieses dritte große Chorwerk unvollendet. Nur zwei Rezitative, zwei Chöre, ein Terzett und einen Choral konnte Mendelssohn fertigstellen, bevor er 38-jährig überraschend starb. Der Rezitative des „Christus-Oratoriums“, wie es später getauft wurde, gleichen wieder mehr denen seines „Paulus“, die Chöre erinnern stellenweise an seinen „Lobgesang“. Es scheint, als hätte Mendelssohn im „Christus“ wieder zur Tonsprache des „Paulus“ zurückkehren wollen. Er komponierte Rezitative, die an Bachs Johannespassion erinnern, und fügt eine Choralmelodie aus dessen Matthäuspassion ein.

Als der Komponist 1837 29-jährig in Düsseldorf die Uraufführung seines „Paulus“ dirigiert hatte, war er in den Augen vieler in Deutschland und Europa zum „neuen Mozart“ geworden, wie es Goethe schon Jahre zuvor orakelt hatte. Nun wurde er mit den verstorbenen Giganten Haydn und Beethoven in einem Atemzug genannt. In England galt er als der größte lebende Komponist seiner Zeit. Antisemiten wie Richard Wagner und nach ihm die Nationalsozialisten versuchten aber nach seinem Tod, den Ruhm des Musikers zu beschmutzen, indem sie seinen Werken einen Mangel an musikalischer Tiefe vorwarfen. Als Sohn jüdischer Eltern sei er zu ganz Großem nicht befähigt gewesen. Doch die Musikwissenschaft ist heute anderer Meinung. Die Vorbehalte der vor allem deutschen Verächter seiner Kunst waren antijüdisch motiviert.

Schon als junger Komponist hatte er unter Beweis gestellt, dass er eingängige Melodien schreiben konnte, die Aufführende und Konzertbesucher gleichermaßen verzauberten und im Gedächtnis blieben. Neun Jahre später hatte er diese Fähigkeiten perfektioniert und dazu eine eigene musikalische Sprache gefunden, die darauf verzichtete, Bibeltexte in Rezitativen vorzutragen. Raffinierte Tonarten- und Tempowechsel, eine perfekte Instrumentierung und seine kompositorische Fähigkeit, der dramatischen Geschichte eine musikalische Gestalt zu geben, machten sein Werk zu hoher Kunst, die die Fachwelt bis heute neidlos anerkennt.

Wie tragisch, dass er das dritte seiner großen Oratorien nicht vollenden konnte!

Aus berufendem Munde: Worte der höchsten Verehrung von Johannes Brahms

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